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An english translation of this text, in which we explain our vision of the project, you will find here: www.klapperfeld.de/en/faites-votre-jeu.html

Wie läuft das hier?

Was im Klapperfeld geht, was nicht geht und wer das entscheidet

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I. »En garde!« Wir sind ein politisches Projekt.

Wir, der Zusammenschluss »Faites votre jeu!«, haben im August 2008 das frühere Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38 besetzt, um der repressiven Umstrukturierung des städtischen Raums den Versuch eines selbstverwalteten, unkommerziellen Zentrums entgegenzustellen. Im Februar 2009 haben wir uns entschlossen, in das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße 5 umzuziehen (hier: »das Klapperfeld«), das von der Stadt Frankfurt unter dem Druck der breiten Unterstützung für unser Projekt als Ersatzobjekt angeboten worden ist. Innerhalb kurzer Zeit ist das Klapperfeld zum Magneten für viele Menschen geworden, die unser Bedürfnis nach gegenkulturellen Räumen teilen. Es ist auch zum Anlaufpunkt für Menschen geworden, die zur Ausrichtung unseres Projekts keine erkennbare Beziehung haben. Dieser Umstand ist von uns mit verursacht worden, denn bislang haben wir unser politisches Selbstverständnis inhaltlich nicht hinreichend bestimmt und unsere Organisationsstruktur kaum nach außen transparent gemacht. Als ein Ergebnis unserer Auseinandersetzung damit ist dieser Text entstanden.
Wir wissen um das Problem, dass das Verwirklichen von »Freiräumen« und »Selbstbestimmung« unter den Bedingungen von Herrschaftsverhältnissen, die jeden Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchwirken, unvollkommen bleiben muss. Wir sind uns auch den Herausforderungen unserer Entscheidung bewusst, emanzipative Kultur und Politik in einem Gebäude entwickeln zu wollen, das für Unterwerfung, Disziplinierung und Zwang geschaffen und genutzt worden ist. Doch auch im Klapperfeld ist es weiterhin unser Anspruch, auf solidarischer Basis ein Maximum an Selbstbestimmtheit zu verwirklichen. Dieser Anspruch beinhaltet nicht allein ein Maximum an Freiheit von kapitalistischen Verwertungszwängen und staatlicher Macht, sondern insbesondere auch ein Maximum an Freiheit von diskriminierenden Ungleichheits- und Ungleichwertigkeitsideologien bzw. -praktiken.

II. Das Klapperfeld ist ein offener Raum.

Wir sind keine geschlossene Gruppe sondern offen für alle, die den uns zur Verfügung stehenden Raum im oben skizzierten Sinne mitgestalten bzw. bespielen wollen. Realisierbar sind z. B. Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen oder Filmvorführungen. Auch nicht-öffentliche Veranstaltungen sind denkbar, etwa Gruppentreffen oder Workshops. Die längerfristige Nutzung von Räumen durch Kunstproduzent_innen – z. B. als Atelier oder Proberaum – ist momentan allerdings schwierig, da alle infrage kommenden Räume belegt sind.
Für Vorschläge sind wir auf verschiedenen Wegen ansprechbar: Persönlich (z. B. an einem der regelmäßig stattfindenden Barabende), per Post (»Faites votre jeu!« / Klapperfeldstraße 5 / 60313 Frankfurt), telefonisch (0163 9401683) und am liebsten per E-Mail: faitesvotrejeu [ät] yahoo.com. Da uns relativ viele Anfragen erreichen, bitten wir euch, zunächst eine Beschreibung des Vorhabens per E-Mail zu schicken. Wir melden uns, sobald das Plenum (s. u.) besprochen hat, ob sich das Vorhaben im Klapperfeld realisieren lässt, und dann sehen wir weiter. Das dauert im Idealfall wenige Tage, unter Umständen auch zwei Wochen oder länger. Wir haben viel vor und sind keine Dienstleistungsagentur.

III. Das Klapperfeld ist kein Raum der Beliebigkeit.

Wenn ihr das Klapperfeld als aufregende Kulisse für euren nächsten Betriebsausflug nutzen möchtet, schon immer ein stylisches Schuhgeschäft in einer Zelle eröffnen wolltet oder gerne die kommende Jahresversammlung eurer Reservistenkameradschaft hier ausrichten würdet, schreibt uns bitte gar nicht erst. Das Diskutieren von Anfragen für Vorhaben, die im Klapperfeld von vorneherein keinen Sinn machen, geht zu Lasten der Verwirklichung anderer Projekte und blockiert unsere inhaltlichen Auseinandersetzungen.
Die hier verwirklichten Vorhaben sollten in erkennbarer Beziehung zu unserem Projekt stehen. Das schließt Vorhaben aus, die kommerziell orientiert sind, im Klapperfeld nur eine exotische Bühne sehen (»mal was anderes«) oder Menschen ausgrenzen (weil sie z. B. zu wenig Geld haben oder Diskriminierung befürchten müssten). Bitte denkt auch daran, dass die Räume relativ klein und für Veranstaltungen schlecht geeignet sind, die einen massenhaften Andrang erwarten lassen. Auch als Schlafplatz für durchreisende Künstler_innen oder andere Gäste eignet sich das Gebäude leider nicht.
Für Barabende oder andere Veranstaltungen mit Party-Charakter kann das Klapperfeld prinzipiell genutzt werden – besonders gerne dann, wenn die Einnahmen einem solidarischen Zweck zugute kommen. Allerdings kann unseres Erachtens ein Gebäude, in dem Menschen gefoltert und aus dem noch vor wenigen Jahren Flüchtlinge deportiert wurden, nicht einfach eine Party-Location sein. Die Dauerausstellung im Keller ist auch während Barabenden geöffnet, um es Besucher_innen zu ermöglichen, sich mit der Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen. Barabende sollten nicht in einer Weise ausarten, die solche Auseinandersetzungen verunmöglichen würden. Die Grenze dahin können wir selbst nicht sicher bestimmen, wohl aber einige Vorschläge machen, wie Veranstaltungen »beherrschbar« bleiben – z. B. durch den Verzicht auf Hart-Alk, ein relativ frühes Veranstaltungsende oder die Begrenzung der Musiklautstärke. Wer das Klapperfeld für Barabende o. ä. nutzen möchte, sollte diese Aspekte bereits in der Konzeption berücksichtigen. Ihr könnt euch wahrscheinlich denken, was für Events wir hier jedenfalls nicht wollen.
Niemand bekommt Geld dafür, hier zu arbeiten. Erwartet bitte keinen »Service« und schickt uns keine Stellengesuche. Wir wollen generell keine Dienstleistungssituation mit »Betreiber_innen« auf der einen und »Nutzer_innen« auf der anderen Seite entstehen lassen.

IV. Do It Yourself!

Das Klapperfeld ist nicht, das Klapperfeld wird gemacht. Die Entwicklung des Raums ist das – niemals abgeschlossene – Ergebnis der vielfältigen Aktivitäten derer, die ihn nutzen und dadurch lebendig machen. Die Entscheidungen über alle Formen der Nutzung werden auf dem wöchentlichen Plenum getroffen, das allen offen steht, die sich beteiligen möchten. Das Plenum wird von manchen regelmäßig und von manchen eher sporadisch besucht – es gibt weder eine formelle Mitgliedschaft, noch informelle Teilnahmezwänge. Allerdings erwarten wir von Gruppen, die das Klapperfeld regelmäßig nutzen, dass sie Leute ins Plenum schicken, um eine beständige Kommunikation in beide Richtungen zu gewährleisten. Wer im Klapperfeld ein Vorhaben realisiert, kommt zum vorherigen Plenum, um für eventuelle Rückfragen hinsichtlich der Technik o. ä. persönlich ansprechbar zu sein.
Wo Menschen interagieren, entstehen Hierarchien – auch in unserem Plenum. Unsere Organisationsstruktur folgt der Maxime, diese so gering wie möglich zu halten und wo immer möglich abzubauen, was beinhaltet, dass sie transparent und angreifbar gemacht werden. Es gibt keine »Chef_innen«, auch nicht für bestimmte Zuständigkeitsbereiche; die Verantwortlichkeit für einzelne Aufgaben wird regelmäßig weitergegeben. Aus dem Plenum heraus entstehen eigenständige Arbeitsgruppen. Einige von ihnen arbeiten kontinuierlich – etwa der Geschichts-AK, der sich mit der Vergangenheit des Gebäudes auseinandersetzt –, andere werden temporär gebildet, um z. B. einen bestimmten Raum zu gestalten.
Auch abseits des Plenums und der AGen gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Dazu zählt insbesondere der Umsonst-Laden, wo brauchbare Dinge mitgenommen oder abgegeben werden können – ohne Geld und ohne Tausch. Regelmäßig finden gemeinsame Renovierungs- und Putztage statt, die wir am schwarzen Brett im Flur ankündigen.
Unsere Organisationsstruktur ist ein dynamischer Bestandteil unserer Praxis und wird nicht in einem Statut o. ä. münden. Nur eins steht fest: Wir gestalten unsere Organisierung nach der Maßgabe unserer Ziele und Bedürfnisse, nicht nach einem institutionalisierten Korsett.

»Faites votre jeu!«, im Januar 2010

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Zur Dokumentation folgt die veraltete Selbstdarstellung die sich noch auf die Besetzung des ehemaligen Jugendzentrums in Bockenheim bezieht.

Faites votre Jeu!

Die Initiative

Die Initiative »Faites votre jeu!« ist ein Zusammenschluss vorwiegend junger Menschen, die jenseits etablierter Strukturen ein gemeinsames Interesse an kultureller, künstlerischer und politischer Arbeit verbindet. Die Initiative ist als Reaktion auf die voranschreitende, repressive Umstrukturierung des städtischen Raumes entstanden und soll Brüche in der gesellschaftlichen Totalität aufzeigen und so einen möglichen Gegenentwurf zu den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen darstellen. Die Initiative ist ein offener Zusammenschluss von Einzelpersonen und Gruppen und steht allen interessierten Menschen offen. Konsens ist, dass Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und Sexismus und andere reaktionäre und menschenverachtende Denkmuster und Verhaltensweisen nichts in den gemeinsamen Zusammenhängen verloren haben und im Widerspruch zum erklärten Ziel der Entwicklung selbstbestimmter, emanzipativer Politik und Kultur stehen.

Das Haus

Das Haus in der Varrentrappstraße 38 wurde erstmals vor über 30 Jahren besetzt und damals als eines der ersten selbstverwalteten Jugendzentren in Deutschland genutzt. Nachdem das Haus im Laufe der Zeit unter städtische Verwaltung gestellt wurde und die ursprünglichen Nutzer_innen nicht mehr im JUZ Bockenheim aktiv waren, wurden die Räumlichkeiten 2001 verlassen und das JUZ zog in die Schlossstraße. Unter der Verwaltung des Dezernats für Bildung und Frauen war es seitdem dem immer weiter voranschreitenden Verfall ausgesetzt und die Stadt Frankfurt unternahm keine Maßnahmen das denkmalgeschützte Haus zu erhalten.

Die Besetzung

Am 2. August 2008 besetzte die Initiative »Faites votre jeu!« mit einer Eröffnungsparty ehemalige JUZ Bockenheim. Das seit 7 Jahren leerstehende Haus wurde mit dem Ziel besetzt Räume für die Initiative zu schaffen. Es wurde sich bewusst für dieses Gebäude entschieden, da es zum einen als Sinnbild der städtischen Politik dient, in der immer weniger Raum für unkommerzielle und selbstverwaltete Projekte zur Verfügung steht, während auf der anderen Seite immer mehr Gebäude leerstehen und nicht genutzt werden. Außerdem bot es ausreichend Platz für die Vielzahl an geplanten Projekten und steht als ehemals besetztes JUZ bereits in der Tradition von Selbstorganisation und -verwaltung.

Die Nutzung

Seit dem 2. August sind die Räume im ehemaligen JUZ nach jahrelangem Verfall immer weiter nutzbar gemacht worden. Ein selbstverwaltetes, unkommerzielles Zentrum ist entstanden. Es ist zu einem Treffpunkt für Menschen geworden, die hier gemeinsam an Kunst- und Kulturprojekten arbeiten und bietet Raum für politische Diskussionen, Lesungen und Veranstaltungen.

Bisher sind im Erdgeschoss Gemeinschafts-, Bar und Veranstaltungsräume, ein Sport- und Trainingsraum und eine Küche eingerichtet worden. Der erste Stock bietet ausreichend Platz für die verschiedensten Ausstellungen und mit dem »Roten Salon« einen klassizistisch eingerichteten Aufenthaltsraum. Die Bühne im zweiten Stock kann für Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Konzerte genutzt werden. Weitere Räume im zweiten und dritten Stockwerk stehen als offene Ateliers zur Verfügung. Im Keller existieren bereits ein Werkstattraum, ein Umsonstladen, die »Kellerklause« und ein Fotolabor. Aktuell werden ein Medienraum, ein Raum für das Schüler_innen-Café und ein Band-Proberaum eingerichtet. Des Weiteren bietet das ehemalige JUZ auch verschiedenen politischen und kulturellen Gruppen und Initiativen einen Raum.

Das Programm

Seit der Wiedereröffnung im August haben sich eine Reihe wöchentlich stattfindender Veranstaltungen etabliert: Jeden Dienstag der Bar-Abend, zum Teil mit musikalischen Themenabenden. Mittwochs finden nach dem Schüler_innen-Café am Nachmittag das »Faites votre cuisine« statt, bei dem für wenig Geld lecker gespeist werden kann. Im Anschluss kann bei der »Autonomen Gamble-Night« bis in die Nacht gezockt werden. Sonntags werden beim »Fragwürdigen Filmabend« Überraschungsfilme gezeigt.

Neben diesen regelmäßigen Terminen hat es im letzten halben Jahr bereits zahlreiche, abwechslungsreiche weitere Veranstaltungen gegeben. Neben diversen Vorträgen, Info- und Diskussionsveranstaltungen fanden zum Beispiel ein Zeitzeugengespräch mit dem Widerstandskämpfer und Antifaschisten Ernesto Kroch und eine Reihe von Autorenlesungen im Rahmen der Gegenbuchmasse statt. Außerdem haben nach fast zehn Jahren Pause verschiedene Bands aus Berlin, Argentinien und den USA an dem Ort gespielt, der in den achtziger und neunziger Jahren – auch über Frankfurts Grenzen hinaus – für seine Konzerte berühmt war.

Ein weiterer Schwerpunkt der Programmgestaltung ist die Organisation und Durchführung von Ausstellungen. So haben mittlerweile sechs Ausstellungen stattgefunden, bei der bereits über 30 verschiedene Künstler_innen ihre Werke ausgestellt haben.

Die Organisation

Alle Entscheidungen, die Initiative »Faites votre jeu!« und die Räume in der Varrentrappstraße 38 betreffend, werden von allen Nutzer_innen nach dem Konsens-Prinzip auf dem wöchentlichen Plenum getroffen. Hieran kann sich jede_r Interessierte beteiligen. Entgegen autoritärer Hierarchien, steht der Versuch einer selbstbestimmten, sozialen und kulturellen Praxis.

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Quartalsbericht – 146 Tage im ehemaligen JUZ Bockenheim
Quartalsbericht - 146 Tage im ehemaligen JUZ Bockenheim
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»Faites votre jeu!«-Dokumentation
veröffentlicht am 18.12.2008

Diese Dokumentation wurde zum ersten Mal auf der öffentlichen Pressekonferenz der Initiative „Faites votre jeu!“ am 18.12.2008 vorgeführt.