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Auch die Gegenbuchmasse beginnt

www.journal-frankfurt.de, 09.10.2012

Seit 2006 veranstaltet ein linkes Bündnis immer pünktlich zur Buchmesse die »Gegenbuchmasse«. Werke und Autoren, die auf der gehypten Veranstaltung keinen Platz finden, rücken hier in den Fokus.

Linke Verlage, linke Autoren, kritisches Gedankengut: Die Gegenbuchmasse setzt sich von 9. Bis 14. Oktober in einer Vielzahl von Lesungen und Diskussionsrunden mit dem Status Quo der linken Literaturszene in Deutschland auseinander. Und lässt den geschäftlichen Teil oder Verkaufszahlen dabei außer Acht.

So zeigt etwa die Iniative »Faites votre jeu« im ehemaligen Gefängnis im Klapperfeld die Comic-Reportage »Im Land der Frühaufsteher« von Paula Bulling, die sich mit dem Alltag von Flüchtlingen in Deutschland auseinandersetzt. In sieben Kapiteln erzählt sie vom Leben in Asylbewerberheimen, alltäglichem Rassismus und dem Tod eines Flüchtlings. Am Mittwoch, 10. Oktober, ist Paula Bulling ab 19 Uhr zu Gast, um ihr Comicdebüt in einer bebilderten Lesung gemeinsam mit Maman Salissou Oumarou vorstellen. Der Filmemacher ist sowohl Protagonist des Buches als auch kritischer Begleiter seiner Entstehung gewesen. Die Ausstellung zur Reportage ist anschließend bis 28. Oktober im Klapperfeld zu sehen.

Die erste Veranstaltungsreihe dieser Art wurde in Frankfurt bereits 1996 durchgeführt. Seit 2006 ist die Gegenbuchmasse zu einer festen, alternativen Größe der Buchmesse geworden. Ein Initiativkreis aus Autoren und Verlagen, der Infoladen aus dem Café Exzess und P.A.C.K., eine Gruppe aus dem Umfeld der Antifa Frankfurt zeichnen für das Programm verantwortlich. Veranstaltungsorte sind unter anderem der Club Voltaire, das Café Exzess, die Raumstation Rödelheim oder eben das ehemalige Gefängnis im Klapperfeld.

Im Club Voltaire wird unter anderem die NS-»Euthanasie« am Beispiel Sigrid Falkensteins »Annas Spuren« (Mittwoch, 20 Uhr) thematisiert und Texte von Christa Wolf gelesen (Sonntag, 11.30 Uhr). Im Eintracht-Fanhaus Louisa sprechen die Droogs ’99 über politisch verfolgte Sportler im 20. Jahrhundert (ebenfalls Mittwoch, 20 Uhr), in der Au wird ein Film über Repressionen im Partnerland der Buchmesse, in Neuseeland, gezeigt (Donnerstag, 20 Uhr)
Das komplette Programm der Gegenbuchmasse finden Sie hier.

10.10. bis 28.10.2012: Ausstellung & Lesung »Im Land der Frühaufsteher« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Die gerade Linie – ganz links

Frankfurter Rundschau, 17.09.2012

Von Natalie Kiehl


Hans Schwert erklärt. (Foto: Martin Weis)

Der Gewerkschafter Hans Schwert wird an diesem Montag, 17. September, 105 Jahre alt. Seit er politisch aktiv ist, hat der Kommunist sich immer an seinen Idealen orientiert. Bis heute.

Hans Schwert hat nie bloß zugeschaut. Um gesellschaftliches Unrecht zu beseitigen, war ihm der Preis für sein Engagement egal. Und als Kommunist und Gewerkschafter in der Weimarer Republik war dieser Preis sehr hoch. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 kann er nur noch illegal tätig sein. »Ich habe kaum eine Nacht geschlafen,« erzählt er, zu viel gab es zu tun: heimlich Flugblätter drucken, Fabrikarbeiter organisieren, sich mit anderen Widerständlern vernetzen.

Er ist sich des Risikos bewusst, das er eingeht. Als er 1936 von der Gestapo verhaftet wird, »habe ich mit allem abgeschlossen,« sagt er in einem Interview, dass er 2009 der Initiative »Faites votre jeu« gab. »Ich wusste: Ich bin in der Hand von Mördern.«

In 14 Gefängnissen eingesessen

Ein Jahr hält ihn die Gestapo fest, er wird immer wieder verhört und misshandelt. Aber: »Ich habe keinen belastet. Es war die Richtlinie meiner Partei, vor dem Feind keine Aussage zu machen. Das war für mich eine heilige Sache.« Viele seiner Mitstreiter halten sich daran nicht: Im Prozess belasten ihn 25 Zeugen schwer. Hans Schwert wird zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Doch auch das Zuchthaus kann ihn nicht von seinen Überzeugungen abbringen. Als er von der Hinrichtung eines Hamburger KPD-Funktionärs erfährt, organisiert er eine heimliche Gedenkminute. »Wenn die Wärter das mitbekommen hätten.. « schüttelt Schwert heute den Kopf über sich. »Aber ich habe Glück gehabt.« Erst 1945, nach einer Odyssee durch 14 Gefängnisse wird er befreit und geht zurück nach Frankfurt.

Zeitzeuge für »Faites votre jeu«

Seitdem hat er sich immer für andere eingesetzt. Er engagiert sich 20 Jahre lang im Personalrat für die städtischen Angestellten. Als Kommunist muss er immer wieder berufliche Einschränkungen hinnehmen, doch das hält ihn nicht auf. »Man kann nur einen Weg gehen, ganz gerade,« sagt er. »Ich habe mich für ganz links entschieden.« Diese Integrität und sein Engagement haben dazu beigetragen, dass er von seinen Kollegen sehr geschätzt wurde.

Bis heute tritt er auf Veranstaltungen gegen Rechts auf. Als »Faites votre jeu« in das ehemalige Polizeigefängnis am Klapperfeld einzog, stellte er sich für Zeitzeugeninterviews zur Verfügung. Aber noch einmal in das Gebäude hineinzugehen, in dem ihm so viel Leid zugefügt wurde, hat er bis heute nicht über sich bringen können. »Ich habe das alles noch genau vor Augen,« sagt er. Manche Erinnerungen hören nie auf, weh zu tun.

Sein politisches Engagement hat er mit großer Konsequenz durchgezogen. Das gibt ihm Trost, wenn er an die heutige Finanzkrise denkt: »Dann sage ich mir: Reg’ Dich nicht mehr auf. Du hast in Deinem Leben alles getan, was Du konntest.«
 
 
Das Interview mit Hans Schwert kann auf der Website zur Geschichte des Klapperfelds und in unserer Ausstellung angesehen werden: www.klapperfeld.de/de/ausstellung/zeitzeuge-hans-schwert.html

Feiern hinter Gittern

Frankfurter Rundschau, 12.08.2012

Von Hanning Voigts


Die Initiative »Faites votre jeu!« verwaltet das Klapperfeld nicht nur als Autonomes Zentrum, sondern auch als Ausstellungsraum, in dem die Geschichte des Gebäudes seit 1886 aufgearbeitet wird. Foto: Andreas Arnold

Beim Sommerfest der Initiative »Faites votre jeu« im ehemaligen Gefängnis erleben die Besucher neben einem bunten Programm auch die Geschichte eines Ortes, der stets für die Repression stehen wird.

Die Botschaft ist kurz, mit Bleistift an die Wand gekritzelt. »Soner Schmitt, 25.7.96, Abschiebung Istanbul«. Vermutlich war es ein Abschiebehäftling, der sich auf diese Weise in der Zelle verewigt hat, in diesem erbärmlich schmalen Raum mit Wänden aus nacktem Beton.

Unwillkürlich stellt man sich die Frage, was Soner Schmitt für ein Mensch war, was aus ihm geworden sein mag.

Es sind Details wie dieses, die eine Führung durch das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld ebenso bedrückend wie beeindruckend machen.

Rund 20 Interessierte führt Sarah von der Initiative »Faites votre jeu« an diesem Samstagnachmittag durch das verwinkelte Gebäude. Seit 2009 nutzt die Gruppe den ehemaligen Knast für linke Politik und Kultur, seit die Stadt ihn als Ersatzobjekt für ein im August 2008 besetztes Jugendzentrum angeboten hat. Heute feiert »Faites votre jeu« sein vierjähriges Bestehen mit einem Sommerfest. Es gibt Bier und Gegrilltes, Führungen, eine Tombola und Kinderprogramm.

Vom Klapperfeld nach Auschwitz

Doch es wird nicht nur unbeschwert gefeiert. Das würde an diesem Ort, der durch Gitter und Stacheldraht an seinen ursprünglichen Sinn erinnert, auch schwerfallen. Seit seiner Errichtung 1886 war das Klapperfeld ein Polizeigefängnis, in den 1980er Jahren saßen hier Gegner der Startbahn West ein, noch bis 2001 Abschiebehäftlinge. Während des Nationalsozialismus herrschte hier die Gestapo.

Sarah erzählt vom Schicksal einiger Inhaftierter, vom Gewerkschafter und KPD-Mitglied Hans Schwert etwa, der im Keller des Klapperfeld von den Nazis gefoltert wurde. Oder von Cäcilie Breckheimer, die 1943 im Klapperfeld inhaftiert wurde, weil sie Jüdin war. Von hier aus wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Eine Ausstellung mit Zeitzeugen-Interviews erinnert heute an ihr Schicksal und die Geschichte des Hauses.

»Immer ein Ort der Repression«

Johannes von »Faites votre jeu« erzählt davon, was es bedeutet, an so einem Ort Veranstaltungen und Ausstellungen zu machen. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass man das Haus nur unter der Bedingung nutzen könne, sich intensiv mit dessen Geschichte zu befassen, sagt der 36-Jährige.

»Es war gleichermaßen eine Zumutung wie eine Herausforderung, schließlich war das hier immer ein Ort der Repression.« Die Aktivisten durchsuchten das Haus, führten Interviews und stießen auf zum Teil sensationelle Dokumente, etwa Listen aus den 40er Jahren mit den Namen deportierter Juden.

»Faites votre jeu« hofft, bleiben zu können

Obwohl sich heute harmlose Dinge wie Ateliers, Proberäume und eine Fahrradwerkstatt im Klapperfeld befänden, habe er hier noch oft ein mulmiges Gefühl, sagt Johannes. »Die Ambivalenz bleibt.« Deshalb gräbt die Initiative weiter in der Geschichte des Hauses, aktuell führt sie Interviews mit hier inhaftierten Startbahn-West-Gegnern. »Es gibt noch viel zu tun«, sagt Johannes. Die Initiative hoffe daher, langfristig im Klapperfeld bleiben zu können. Draußen hört man Musik und Gelächter, die Sonne scheint in de Raum. Durch dicke Gitterstäbe.

Zur Fotostrecke über das Sommerfest

Fotostrecke: Sommerfest im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Frankfurter Rundschau, 12.08.2012


Die Initiative »Faites votre jeu!« lud am Samstag zum Sommerfest ins ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld in Frankfurt.
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Sommerfest im Klapperfeld

www.journal-frankfurt.de, 09.08.2012

Die Intitiative »Faites votre jeu!« lädt am Samstag zum Sommerfest ins Klapperfeld. Ihren 4. Geburtstag feiert die Iniative mit Live-Musik und informiert über ihre eigene und die Geschichte des Knasts.

Am 2. August 2008 war es, als die Aktivisten der Initiative »Faites votre jeu!« das ehemalige Jugendzentrum in Bockenheim besetzten, um dort ein selbstverwaltetes, alternatives Begegnungszentrum einzurichten. Da die Stadt allerdings andere Pläne hatte, mussten die Aktivisten schon bald wieder weichen. Im Polizeigefängnis Klapperfeld fanden sie eine neue Bleibe, die ob ihrer Geschichte allerdings umstritten war. Hatte doch selbst die Gestapo den Knast als solchen genutzt. Vergangenes und Zukunft fest im Blick hat »Faites votre jeu!« inzwischen seinen Frieden mit dem Klapperfeld gemacht. Selbstverwaltet und unkommerziell, mit Platz für Kunst und Diskussionen, Kultur und Politik ist das Zentrum zur beliebten Anlaufstelle für Alternative geworden.

Wer die Initiative und das Klapperfeld noch nicht kennt, hat am Samstag, 11. August, beim Sommerfest ab 16 Uhr beste Gelegenheit dies zu ändern. Im Knast-Hof bietet die Intitiative einige Leckereien und eine Tombola an. Die Frankfurter Band #4 gibt ein unplugged-Konzert, gegen 22 Uhr treten zudem DiskoCrunch aus Hamburg und die Frankfurter The Stars‘ Tennisballs im Keller des Gebäudes auf. Um 17, 18 und 19 Uhr bietet die Initiative Fürhungen durch die Daueraustellung an, die sich mit der Geschichte von »Faites votre jeu!« und des Gefängnisses auseinandersetzt. Das Lebenswerk des Künstlers Stephan Kaczor wird in der Ausstellung »Aus Resten eine Welt« in den oberen Stockwerken des Knasts von 17 bis 20 Uhr zugänglich sein. (ges)

Fahrradwerkstatt im Klapperfeld

Diese Woche ist in der Frankfurter Rundschau ein Artikel über die Fahrradwerkstatt erschienen, die von der Haftentlassenenhilfe (www.haftentlassenenhilfe-ev.de) im Klapperfeld organisiert wird. Wer Lust hat, auch mal mit zu schrauben, kann gerne Montags um 14 Uhr vorbeikommen.

Hier der Artikel aus der FR:

Fahrradwerkstatt
Zurück im Knast

Nicht nur Haftentlassene nutzen das ehemalige Gefängnis als Fahrradwerkstatt. Auch Männer, die nie ein Gefängnis von innen gesehen haben, arbeiten in Klapperfeld.

Frankfurter Rundschau, 17.07.2012
(Print-Ausgabe als pdf)


Gespendete Fahrradwracks werden fahrtüchtig gemacht. Foto: Morgenstern/FR

Von Lukas Gedziorowski

Hohe Backsteinmauern mit Stacheldrahtkrone umgeben den Hof, indem der Wildwuchs wuchert. Eine überdachte Bar ist hier zu finden, Biergartenmobiliar und Reifenstapel. Auf eine Wand sind Marx-Porträts gemalt, auf eine andere eine schwarz vermummte Gestalt, die die Faust in die Luft streckt. In direkter Nachbarschaft stehen die Gebäude der Justiz. Noch vor elf Jahren wurden hier Urteile vollzogen – im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld.

In dieser Kulisse werkelt eine kleine Gruppe von Männern an Fahrrädern. Die Gefährte sind nicht im besten Zustand, viele sind schrottreif. Und dennoch gelingt es den Männern, sich aus den Ersatzteilen brauchbare Velos zusammenzubasteln. Das Besondere daran: Die Männer sind mit dem Gesetz in Konflikt geraten, manche haben dafür eine Freiheitsstrafe verbüßt. Mit dem Projekt der Haftentlassenenhilfe bauen sie sich, immer montags, selbst ihren fahrbaren Untersatz – im ehemaligen Knast.

Niemand wollte einen ehemaligen Häftling

»Für die Teilnehmer ist die Werkstatt eine gute Möglichkeit Geld zu sparen«, sagt Joachim Brehm von der Haftentlassenenhilfe. »Mit einem Fahrrad müssen sie nicht mehr schwarzfahren. Außerdem haben sie eine Beschäftigung und eine Tagesstruktur.« Die Räder sind gespendet, der Landeswohlfahrtsverband hat 1500 Euro für Werkzeug dazugegeben. Nur die Suche nach einem Raum für die Werkstatt gestaltete sich schwierig. Niemand wollte die ehemaligen Häftlinge aufnehmen, die auch nach dem Verbüßen ihrer Strafe als Kriminelle gelten.

Ein Problem, mit dem sich auch die Betreiber des ehemaligen Polizeigefängnisses in der Klapperfeldstraße beschäftigen. Die Initiative »Faites votre jeu!« verwaltet das Klapperfeld nicht nur als Autonomes Zentrum, sondern auch als Ausstellungsraum, in dem die Geschichte des Gebäudes seit 1886 aufgearbeitet wird. „Wir haben kein Problem mit den ehemaligen Häftlingen«, sagt Maja Koster von »Faites votre jeu« und fügt hinzu: »Solange die anderen mit dem Ort klarkommen.«

Die Männer schrauben, weil sie es wollen

»Die Teilnehmer finden die Idee gut und witzig«, sagt Brehm. »Sie sehen das entspannt.« Einer von ihnen ist Sven. Der 41-Jährige hat sich an vier Arbeitstagen ein Fahrrad zusammengebaut. Für ihn sei das Basteln eine Freizeitbeschäftigung. Kleinlaut gibt er zu, dass er auch Probleme mit dem Schwarzfahren gehabt habe. »Für mich ist das ehemalige Gefängnis wie jedes andere«, sagt er.

Chris hat schon mit sechs Jahren angefangen, an Fahrrädern herumzuschrauben. Mittlerweile bastelt der 21-Jährige lieber an Rollern herum. Er hat sich sogar schon einen Golf zusammengebaut. Doch wegen schlechter Angewohnheiten hatte er auch mit der Polizei zu tun: Mit 15 klaute er Fahrräder, auf seinem frisierten Roller fuhr er zu schnell, ohne Führerschein und entgegen der Fahrtrichtung, einmal hat er betrunken Stühle auf einen Demonstrationszug geworfen. Im Gefängnis ist er bisher nicht gewesen. Da aber ein Gerichtsverfahren läuft, wolle er mit seiner Teilnahme an der Fahrradwerkstatt zeigen, dass er etwas Sinnvolles macht.

Vier Stunden pro Woche als Aushilfe

Mario ist der einzige Fahrrad-Profi. Neben einer Ausbildung als Gas- und Wasserinstallateur hat er auch eine als Radmechaniker gemacht. Weil der 43-Jährige körperliche Leiden hat, fällt es ihm schwer, Arbeit zu finden. Vier Stunden in der Woche in der Werkstatt der Haftentlassenen auszuhelfen, mache er gerne. »Ich habe nie einen Knast von innen gesehen«, sagt er.

Einmal hatte er mit Jugendlichen zu tun, die zum Fahrradmontieren gezwungen worden waren, aber hier wollen tatsächlich alle schrauben. »Es macht Spaß, mit diesen Leuten zu arbeiten«, sagt er. »Es ist der beste Job, den ich je hatte.«

Kritische Modelle. Politische Kämpfe in einer Frankfurter Miniaturausgabe

Junge Welt, 10.05.2012 (download pdf)


Foto: Matthias Schmeier

Angelehnt an das berühmte Werk von Peter Weiss ist in Frankfurt/Main die Ausstellung »Ästhetik des Widerstands« zu sehen, allerdings schreibt die sich »Ästhet1k d3s Widerstand5«, denn es geht um »Revolution und Klassenkampf im Maßstab 1:35«. In dieser Größe hat der Kölner Künstler Matthias Schmeier berühmte Szenen aus der jüngeren politischen Geschichte nachgebaut, es geht um Szenen aus der Münchner Räterepublik, aus dem Spanischen Bürgerkrieg, aus dem Prager Frühling und aus dem Vietnamkrieg. Frankfurter Bezug hat das Modell »Frankfurter Autonomendemo nach dem Tode Günter Sares«.

Dieser war am 28.9.1985 bei einer Anti- NPD-Demonstration von einem Wasserwerfer überrollt worden und noch am Unfallort gestorben. Der anschließende Protest wurde von der Frankfurter Polizei brutal niedergeschlagen. Viele der verhafteten Demonstranten wurden in das Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße gebracht – dem Ort, an dem die Ausstellung von Schmeier zu besichtigen ist, da dieser mittlerweile ein selbstverwaltetes Zentrum ist. Um die 115jährige Geschichte des Polizeigefängnisses kümmert die Initiative »Faites votre jeu!«, aus deren Reihen der »Arbeitskreis Geschichte« hervorgegangen ist. Auf der Website schreiben sie: »Zum einen geht es uns um die Nutzung des Klapperfelds als Abschiebeknast ab den 1980er Jahren, zum andern um Repression und Kriminalisierung außerparlamentarischer, linker Bewegungen, von den Studierendenprotesten der späten 1960er Jahre bis heute. In Verbindung mit der Schmeier-Ausstellung hat man hier also die »kritischen Modelle«, von denen Adorno gesprochen hat, in direkter Anschauung. (jW)

Bis 19.5., Klapperfeldstr. 5, Frankfurt/M.

Banner | Ausstellung im Klapperfeld | 28. April – 19. Mai 2012: Ästhetik des Widerstands. Revolution und Klassenkampf im Maßstab 1:35

Weitere Infos zur Ausstellung unter:
asthetikdeswiderstands.klapperfeld.de

Zwergenaufstand

Der Modellbau-Künstler Matthias Schmeier zeigt im ehemaligen Frankfurter Polizeigewahrsam im Klapperfeld seine 3D-Panoramen. Es sind Szenarien gegen Krieg, Militär- und Polizeigewalt sowie gegen den Kapitalismus.

Frankfurter Rundschau, 04.05.2012 (Print-Ausgabe als pdf)


Sozialistischer Widerstand: Szene aus dem Spanischen Bürgerkrieg im Werk »Mein Katalonien«. Foto: Michael Schick

Rote Farbe rinnt die Fassade einer Deutsche-Bank-Filiale hinunter. Der Farbbeutel dazu stammt aus der Hand eines daumengroßen schwarz vermummten Autonomen. Dessen rechter Arm im Kapuzenpulli-Ärmel hängt wie eingefroren in der Luft, für ewig in seiner Wurfbewegung erstarrt. Der Kapuzenpulli war mal Teil einer Uniform, und die Hand keineswegs für den antikapitalistischen Protest eines Linken gedacht. Sondern für das Gewehr eines Soldaten.

Die Welt des Modellbaus ist im besten Fall mit dem Ruch der Spießigkeit, im schlechtesten mit dem des Militarismus behaftet. Eisenbahnpanoramen und Schlachtszenen aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg prägen das Klischee. Michael Schmeier ist seit seiner Kindheit Modellbau-Fan. Und hat mit beidem nichts zu schaffen.

Im ehemaligen Frankfurter Polizeigewahrsam im Klapperfeld zeigt der Künstler unter dem Ausstellungstitel »Ästhetik des Widerstands« bis zum 19. Mai zehn seiner rund einen Quadratmeter großen Modellbauwelten:-3-D-Landschaften, die er »Dioramen« nennt. Weit jenseits der seltsam heilen Welten aus den Hobbykellern gestaltet der 46-jährige Kölner Geschichtslehrer Hausbesetzungen in Kreuzberg, Flüchtlingsdramen in Südostasien, Szenen aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder Straßenkämpfe in Beirut – alles im Maßstab 1:35.

Es sind Szenarien gegen Krieg, Militär- und Polizeigewalt, gegen den Kapitalismus. All das empfindet Schmeier mit Wasserfarben, Gips und Werkzeugen nach, die ihm ein Zahntechniker überlassen hat. Die Rohlinge für seine Figuren stammen aus dem Modellbaufachhandel. Die ausgebombten Autos für die Darstellung aus dem belagerten Sarajewo oder die vor den amerikanischen Truppen fliehenden vietnamesischen Familien hat er hingegen selbst kreiert. Denn der klassische Modellbau kennt keine Toten, keine Verletzten, keine Flüchtenden. »Da liegen Soldaten vor Panzern in der Sonne und spielen Karten.«

Die eingangs beschriebene Demonstrationsszene spielt in Frankfurt. »Nichts ist vergessen – Günter Sare« steht auf einem Transparent. Günter Sare starb 1985 während der Demonstration gegen eine NPD-Versammlung im Haus Gallus, als ihn ein Wasserwerfer überrollte. Sein Tod löste Straßenschlachten zwischen der autonomen Szene und der Polizei aus.

Matthias Schmeier hat in den 80ern in besetzten Häusern gewohnt, er hat gegen Atomkraft und die Startbahn West demonstriert. Viele Szenarien hat er aus der eigenen Erinnerung nachgebaut. Die Gruppe »Faites votre jeu!«, die im Klapperfeld in den vergangenen drei Jahren ein alternatives Kulturzentrum mitten in der Innenstadt geschaffen hat, freut sich, dem Künstler ein Forum bieten zu können. »Die von ihm geschaffenen Modellbauwelten eröffnen einen neuen Zugang zur historisch-politischen Auseinandersetzung«, sagt Sprecherin Maja Koster. Matthias Schmeier gefällt die Location gut: »Das ehemalige Polizeigefängnis als historischer Ort scheint mir ein besonders gut geeigneter Platz für meine Dioramen zu sein.«

Ausstellung

Die Schau »Ästhetik des Widerstands« mit Matthias Schmeiers Dioramen im ehemaligen Frankfurter Polizeigewahrsam Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5, ist noch bis zum 19. Mai geöffnet: dienstags von 17 bis 20, mittwochs von 10 bis 13, samstags sowie sonntags von 15 bis 18 Uhr. Eintritt frei, Spenden erwünscht.

Während der Öffnungszeiten können sich Besucher auch die Dauerausstellung zur Geschichte des Klapperfelds anschauen. Gruppen, die außerhalb der regulären Zeiten kommen möchten, können unter der Rufnummer 0163 / 9401683 oder per Mail unter info[ät]klapperfeld.de einen Termin vereinbaren. Infos im Internet: www.klapperfeld.de.

Begleitend zur Ausstellung organisiert »Faites votre jeu!« Veranstaltungen zu den Themen Repression und Polizeigewalt. Am Mittwoch, 9. Mai, hält der Frankfurter Philosoph Daniel Loick einen Vortrag: »But who protects us from you? Zur Kritik der Polizei«. Beginn ist um 19.30 Uhr.