Archiv der Kategorie 'Pressespiegel'

Zwischen Ankunft und Abschiebung

Frankfurter Rundschau, 11.02.2013 (downlaod pdf)


Teilnehmerinnen stellen die Enge in der Asylbewerber-Unterkunft in Oberursel nach. (Foto: Jülich)

Im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld zeigt eine Schau Fotos und Filme von Europas Grenzen und dokumentiert die Lebenssituation von Flüchtlingen

Von Alicia Lindhoff

Das »Bildungskollektiv Bleiberecht« will auf die Lebensbedingungen von Asylbewerbern aufmerksam machen und bietet einen Stadtrundgang unter dem Titel »Leben ohne Papiere« an.
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Zum Stadtrundgang unter dem Titel »Leben ohne Papiere« wurde geladen – doch am Samstagvormittag bleibt die Gruppe, die sich im Klapperfeld versammelt hat, um etwas über die Situation von Illegalen und Asylbewerbern in Frankfurt zu erfahren, die meiste Zeit über im ehemaligen Gefängnis selbst. Lediglich drei Stationen im Umkreis von etwa 300 Metern stehen auf dem Programm.

Das hängt auch mit der Kälte zusammen, die draußen herrscht. Doch selbst, wenn es wärmer wäre, hätte sich der »Rundgang« nicht in wesentlich größerem Radius bewegt. Aylin, eine der beiden jungen Frauen, die das Ganze anleiten, erklärt das so: »Es ist kein klassischer Rundgang, denn die Menschen, um die es geht, müssen meist sehr isoliert leben und haben keine Orte in der Stadt, an denen sie sich aufhalten können.« Sie und ihre Mitstreiter vom »Bildungskollektiv Bleiberecht« haben das Projekt eigentlich für Schülergruppen konzipiert. Mit denen suchen sie symbolische Orte in der Innenstadt auf, die für verschiedene Stationen stehen, die Flüchtlinge in Deutschland durchlaufen.

Das beginnt in der B-Ebene der Konstablerwache mit dem Thema »Ankunft, Wohnen und Mobilität«. Die 26-jährige Aylin und ihre Kollegin Silvia berichten, dass Flüchtlinge, die es bis nach Hessen schaffen, zunächst in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommen und von dort anhand eines Quotensystems auf die verschiedenen Landkreise verteilt werden. Dort ist die Unterbringung entweder dezentral in eigenen Wohnungen oder in Lagern möglich. Nebenbei bemerkt Aylin, dass in Hessen gerade die beiden reichsten Kreise – der Hochtaunus- und der Main-Taunus-Kreis – die meisten Asylbewerber in Lagern unterbringen. So etwa im »berüchtigten« Lager in Oberursel, wo zum Teil zwei Menschen in einem neun Quadratmeter großen Zimmer leben müssten, und wo die Bewohner nur knapp 40 Euro »Taschengeld« pro Monat bekämen. Zum Thema »Mobilität« gehört vor allem die Residenzpflicht, die es Menschen ohne festen Aufenthaltsstatus unter Strafe verbietet, den Landkreis zu verlassen, dem sie zugeteilt wurden. »Wer in Frankfurt wohnt, kann zum Beispiel keine Bekannten in Mainz besuchen«, veranschaulicht Aylin.

So geht es weiter zu Themen wie »Arbeit und Ausbildung«, »Recht und Asyl« und letztlich »Abschiebung«.

Letztere ist die wohl berührendste Station, denn es geht nicht nur darum, wie Menschen oft nach Jahren in Deutschland von einem Tag auf den anderen gezwungen werden, in ihr Herkunftsland zurückzukehren – häufig über den Frankfurter Flughafen. Es geht auch um Abschiebehaft, in die Menschen genommen werden können, damit sie der Abschiebung nicht zu entkommen versuchen – allerdings ohne dass tatsächlich eine Straftat vorliegt. Das Klapperfeld hat noch bis in die 2000er-Jahre hinein als Abschiebegefängnis gedient. Die Initiative »Faites votre jeu!«, die es seit 2009 nutzt, beließ die Zellen im selben Zustand, in dem sie sie vorgefunden hatte. Und der ist erschütternd: Die Zellen sind winzig, heruntergekommen und dunkel – die Wände voller trauriger Botschaften von Rumänen, Nigerianern und Kosovaren, die hier auf ihre Ausweisung warteten. Die 23-jährige Sarah ist erschüttert: »Ich wusste nicht, dass die Zellen in so schlechtem Zustand waren – und wie lange das Klapperfeld trotzdem noch genutzt wurde.«

Die Schüler, mit denen Aylin und ihre Kollegen ihre Tour gemacht haben, waren weniger beeindruckt: »Ich habe den Eindruck, für viele, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, ist es einfach zu weit weg von ihrem eigenen Leben.«

Leben ohne Papiere

Das »Bildungskollektiv Bleiberecht« bietet den Rundgang »Leben ohne Papiere« zu symbolischen Orten wieder am Samstag, 13. April, und am Freitag, 24. April, für Einzelpersonen an. Los geht es an beiden Tagen um 10 Uhr vor dem Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5. Infos zu Buchungen für Schülergruppen gibt es unter lebenohnepapiere.antira.info

Die Ausstellung »Europäische Grenzen: Traces to and through Europe«, zu dessen Rahmenprogramm der Rundgang gehörte, ist zum letzten Mal in dieser Woche geöffnet – am Mittwoch, 13. Februar, von 10 bis 13 Uhr, und am Donnerstag, 14. Februar, von 17 bis 20 Uhr. Mehr Informationen unter klapperfeld.de

17.01. bis 15.02.2013: Ausstellung »EUropäische Grenzen: Traces to and through Europe« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Ausgegrenzt

Frankfurter Rundschau, 16.01.2013 (downlaod pdf)


Gestrandet: Friedhof der Flüchtlingsboote auf der Insel Lampedusa. (Foto: LOVIS e.V.)

Im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld zeigt eine Schau Fotos und Filme von Europas Grenzen und dokumentiert die Lebenssituation von Flüchtlingen

Von Marie-Sophie Adeoso

»Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?«, fragt Giusi Nicolini. Die Bürgermeisterin von Lampedusa beklagt in ihrem offenen Brief, der seit kurzem im Internet kursiert, die vielen ertrunkenen Flüchtlinge, die bei dem Versuch starben, die italienische Insel zu erreichen.

In Frankfurt nimmt eine Ausstellung im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld ebenfalls einen Friedhof auf Lampedusa und die europäische Einwanderungspolitik in den Blick: »Europäische Grenzen: Traces to and through Europe“ heißt die Schau – und »mit den Fotos aus Lampedusa fing alles an«, erzählen Alexander Wagner und Katharina Vester. Sie gehören zum siebenköpfigen Planungsteam, das über Freunde und die Frankfurter No-Border-Initiative zueinander fand. Unterstützt von zahlreichen Kooperationspartnern haben sie ein umfangreiches Begleitprogramm mit Diskussionen, Filmabenden, Stadtführungen und Lesungen auf die Beine gestellt.

Das Klapperfeld ist eine passende Kulisse – einst saßen hier Abschiebehäftlinge ein

»Die Ausstellung soll eine politische Öffentlichkeit schaffen und darüber aufklären, was Grenzpolitik für Menschen bedeutet, die nach Europa kommen wollen«, sagtWagner.

Neben den Lampedusa-Bildern des Vereins Lovis sind auch Fotos von Philip Eichler zu sehen. Er hat die Lebenssituation von Menschen ohne Papiere festgehalten, die auf dem Weg nach Großbritannien in der französischen Küstenstadt Calais festsitzen. Auf den Bildern siehtmanMenschen, die sich im Spiegel von Glasscherben rasieren, durch notdürftig geflickte Zeltplanen blicken, sich an Lagerfeuern wärmen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung dokumentiert die Lebenswege junger Menschen aus dem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos. Ergänztwerden die Fotoreihen von mehreren Kurzfilmen und Hörfunkfeatures. Und von der kalten Kulisse des Veranstaltungsortes: Im Klapperfeld saßen bis vor wenigen Jahren Abschiebehäftlinge ein. Mitten in Frankfurt.

Begleitprogramm

Eröffnet wird die Schau in der Klapperfeldstraße 5 am Donnerstag, 17. Januar, um 17 Uhr. Die Regisseurin Alexandra D’Onofrio und der Journalist Gabriele Del Grande zeigen um 20 Uhr Filme über Abschiebehäftlinge.

Besichtigungszeiten bis 15. Februar: Samstags und sonntags, 15 bis 18 Uhr, sowie am 22.1., 29.1., 4.2., 14.2., 17 bis 20 Uhr; 24.1., 30.1., 7.2., 13. 2. 10 bis 13 Uhr.

Das Begleitprogramm findet, sofern nicht anders angegeben, in den Ausstellungsräumen statt. Eine Auswahl:

Mittwoch, 23. Januar, 19.30 Uhr: Lesung mit Zekarias Kebraeb und Marianne Moesle: »Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn. Vier Jahre auf der Flucht nach Deutschland«.

Donnerstag, 24. Januar, 19.30 Uhr: Diskussion über »Illegalisierte Migration nach Europa« am Beispiel von Menschen ohne Papiere in Calais.

Samstag, 26. Januar, 15 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit dem Fotografen Philip Eichler. 16 Uhr: Diskussion zur Grenzkontrolle von Frontex und privaten Sicherheitsfirmen.

Montag, 28. Januar 2013, 20 Uhr: Diskussion zu Hintergründen und Konsequenzen europäischer Migrationspolitik, Flüchtlingslager und Abschiebegefängnisse in Nordafrika. Club Voltaire, Kleine Hochstraße 5.

Donnerstag, 31. Januar, 19.30 Uhr: »We love Bleiberecht« – Barabend mit Erzählungen, Gesang und Rap mit Hassan Khateeb und Yahye Adan Dualle, Jugendliche ohne Grenzen. Siks, Koblenzer Straße 9.

Weitere Programmpunkte im Internet, unter grenzen.klapperfeld.de

17.01. bis 15.02.2013: Ausstellung »EUropäische Grenzen: Traces to and through Europe« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Europas Grenzen – mitten in Frankfurt

www.journal-frankfurt.de, 15.01.2013

Von Mia Hofmann

Im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld beginnt die Schau »Europäische Grenzen: Traces to and through Europe«. Zum Auftakt eröffnet eine Ausstellung zum Thema Grenzverläufe und deren Auswirkungen.

Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Ort in Frankfurt, um auf das Schicksal von Menschen aufmerksam zu machen, die sich illegal in Deutschland aufhalten oder hier nur geduldet werden: Das Klapperfeld ist das einstige Abschiebegefängnis, dessen Zellen noch bis 2003 genutzt wurden. Mittlerweile hat sich dort die Initiative Faites votre jeu niedergelassen, die nicht nur die Historie dieses Ortes aufgearbeitet hat, sondern immer wieder Ausstellungen organisiert. Diesmal stehen Menschen ohne Unionsbürgerschaft der EU im Fokus. Sie stoßen immer wieder auf Grenzen im europäischen Alltag. Oft müssen sie unter schwierigen Bedingungen und unter ständiger Angst vor Verfolgung und Unterdrückung leben. Genau dies soll in der Ausstellung »Europäische Grenzen: Traces to and through Europe« thematisiert werden. Kernstück der Ausstellung ist eine Fotoreihe über die Mittelmeerinsel Lampedusa, auf der es einen Schiffsfriedhof mit Flüchtlingsbooten gibt (Foto). Die Insel ist immer wieder in den Schlagzeilen, weil dort afrikanische Flüchtlinge nach ihrer oft dramatischen Reise über das Mittelmeer anlanden. Die Schau wird unter anderem durch Radiofeatures, Kurzfilme und eine Ausstellung des Netzwerkes »Welcome to Europe« ergänzt. Darüberhinaus soll ein Begleitprogramm den Teilnehmern die Möglichkeit zur tiefergehenden Auseinandersetzung bieten, indem es die Hintergründe und Zusammenhänge europäischer Grenz- und Migrationspolitik deutlich macht. Zum Auftakt in dem ehemaligen Gefängnis präsentieren die Regisseurin Alexandra D‘Onofrio und der Journalist Gabriele del Grande aus Mailand drei Kurzfilme, die Geschichten von Abschiebhäftlingen und den Alltag im Gefängnis erzählen. In den anschließenden drei Wochen folgen ein Stadtrundgang, Diskussionsrunden, Lesungen, Konzerte und Filmvorführungen, die nicht im Klapperfeld, sondern an verschiedenen Orten in Frankfurt stattfinden. Dort soll auch auf die konkrete Situation in Frankfurt eingegangen werden, nämlich die besonderen Lebensumstände von Menschen ohne Aufenthaltsstatus. »Wir hoffen, dass durch die Ausstellung und das begleitende Programm eine breitere Öffentlichkeit für dieses Themenkomplex geschaffen wird«, so Maja Koster von der Initiative Faites votre jeu.

EUropäische Grenzen: Traces to and through Europe
Ausstellung im Klapperfeld, Ffm: Klapperfeldstraße 5, 17.1.-15.2., Sa-So 15-18 Uhr, Vernissage am 17.1., 20 Uhr, Eintritt frei (Spenden erwünscht).

Web: grenzen.klapperfeld.de

17.01. bis 15.02.2013: Ausstellung »EUropäische Grenzen: Traces to and through Europe« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Ermittlung im Polizeigewahrsam

Studenten der Goethe-Universität inszenieren Theaterstück über den Frankfurter Auschwitzprozess

Frankfurter Neue Presse, 25.10.2012


Regisseurin Fabienne Pauly (li.) liest bei der Generalprobe im Skript den Text mit.

Eine Studentengruppe macht den Frankfurter Auschwitzprozess erlebbar: Mit Unterstützung des Asta und der Initiative »Faites votre jeu« inszeniert sie Peter Weiss’ »Die Ermittlung« und wahrt eine beklemmende Distanz zu den Rollen.

Innenstadt/Westend. Meterhohe Stacheldrahtmauern umgeben den in fahles Licht getauchten Innenhof des Polizeigewahrsams. Monoton und entfremdet melden sich Stimmen zu Wort, die protokollarisch von Güterzügen mit Frachtbriefen und rauchenden Schornsteinen berichten. Dann fallen die grellen Scheinwerfer auf die neunköpfige Personengruppe, eine »Zeugin« meldet sich zu Wort: »Es war das Normale, dass die, die unter uns standen, auch beim Prügeln halfen…«

Natürlich spricht die Studentin Vera Emrich ihren Text laut, sicher und auswendig – doch ihre Zeugenaussage klingt wie teilnahmslos verlesen. Spielt Vera Opfer, Täter oder am Ende nur willenloses Instrument eines perfiden automatisierten Systems? Mit dieser Frage wird sich das Publikum auseinandersetzen müssen, wenn die Initiative »Die Ermittlung« ihr Stück jeweils um 20 Uhr morgen im IG-Farbenhaus und am Freitag, 26. Oktober, im Polizeigefängnis im Klapperfeld spielt. An die Aufführungen schließen sich Audio-Installationen an, zu denen die Zuschauer geführt werden, um Originalstimmen und -aussagen aus dem damaligen Gerichtssaal im Römer und im Haus Gallus zu hören.

Der 1963 begonnene Frankfurter Auschwitzprozess dauerte zwei Jahre, 22 Angeklagte und 350 Zeugen wurden damals vernommen, darunter 211 Überlebende. Der Beobachter und Schriftsteller Peter Weiss verdichtete das Geschehen auf sieben Stunden, der Dramaturg Johannes Bellermann und die Regisseurinnen Fabienne Pauly und Marie Wolters kürzten das Stück wiederum auf 85 Minuten: Nach ersten Vorstellungen im vergangenen Mai wurden die Fragen und Aussagen nochmals überarbeitet, der Schwerpunkt mehr auf rezitierende Sprechchöre gelegt. Vier Zeugen, je ein Ankläger, Richter und Verteidiger und zwei Angeklagte stehen von links nach rechts schematisch und mit minimaler Kostümierung auf der Freilichtbühne, die allein durch die Originalschauplätze wirkt: Das Polizeigefängnis war Durchgangslager auf dem Transport nach Auschwitz, im IG Farbenhaus (dem heutigen Unicampus Westend) wurde die Herstellung von Zyklon B verwaltet.

Wie die Ankläger und Angeklagten folgt auch die »Zeugin« Vera Emrich ihrem eigenen einsilbig klingenden Sprechrhythmus. Die Frage nach ihrer historischen Rolle ist hinfällig, da Weiss die Namen der Personen ebenso anonymisierte wie die des Konzentrationslagers. Zu den wenigen authentisch genannten Namen gehören Dr. Josef Mengele und sein zu neun Jahren Zuchthaus verurteilter Assistent Victor Capesius. Wen also verkörpern der »Zeuge« Markus Schuld und der »Staatsanwalt« Bernd Marquardt, die beide erstmals auf der Bühne stehen, oder der »Angeklagte« Wolf Gerhardt, der Auschwitz von der Rampe über die Erschießungswand bis ins Krematorium erklärt und behauptet, er habe »nur auf Befehl gehandelt und für Ordnung gesorgt«?

»Im Prinzip verkörpern die Schauspieler gar niemanden“, erklärt Marie Wolters. Den Grund dafür kennt Peter Weiss ebenso wie der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll, der Marie und ihre Kommilitonen im Seminar »Fiktion der Realität« mit dem Stoff konfrontierte. »Kein Darsteller kann eine Rolle verkörpern, die er sich nicht einmal annähernd vorstellen oder gar erleben kann«, ergänzt Fabienne Pauly. »Die Sprache muss künstlich bleiben, wir können uns ›den Prozess‹ nicht aneignen.« »Die Darsteller wirken als Sprachrohre«, sagt Bellermann. Für den Zuschauer bleibt der bedrückende Klang von Worten, die von einer Maschinerie sprechen. Nachdem der »Verteidiger« das Geschehene herunterspielt, erweckt nur das Plädoyer des »Staatsanwalts« etwas Hoffnung: »Das ist wie eine bewusste und gewollte Missachtung und Kränkung der Toten des Lagers und der Überlebenden.«

Es wird draußen gespielt, der Eintritt ist kostenlos. Zu den Aufführung im IG Farbenhaus werden die Zuschauer vor dem Haupteingang des Universitätscampus Westend abgeholt. (got)

Das Grauen unter freiem Himmel

Auschwitzprozess als Theaterstück

Frankfurter Rundschau, 24.10.2012


Studenten der Goethe-Universität bei der Generalprobe im Hof des ehemaligen Gefängnisses Klapperfeld. (Foto: Andreas Arnold)

Von Jakob Blume

Eine Gruppe von Studenten der Goethe-Uni bringt den Auschwitzprozess auf die Bühne. Ausgesucht haben sie sich dafür zwei geschichtsträchtige Orte in Frankfurt: das IG-Farben-Haus und das ehemalige Polizeigefängnis im Klapperfeld.

»Es war normal, dass zu allen Seiten gestorben wurde«, sagt die tonlose Stimme von Markus Schuld. Er steht im Halbkreis mit acht Kommilitonen, in einem spärlich beleuchteten Innenhof, umringt von hohen, stacheldrahtbewehrten Mauern.

Die Studenten der Goethe-Universität führen das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld auf. Weiss hat den ersten Frankfurter Auschwitzprozess zu einem Theaterstück verarbeitet. Es ist in elf Gesänge eingeteilt und basiert auf Aussagen von Zeugen und Angeklagten sowie den Reden von Staatsanwälten, Verteidigern, Richtern. Der Autor selbst hat den Prozess beobachtet.

Vom Dezember 1963 bis August 1965 wurden im ersten Frankfurter Auschwitzprozess 22 Mitglieder der Lagermannschaft angeklagt. 211 Überlebende des Konzentrationslagers sagten in dem 20 Monate andauernden Gerichtsprozess aus.

»Das ist auch ein Stück Erinnerungsarbeit, der wir uns annehmen«, sagt Johannes Bellermann. Der 27-jährige Promovend der Politikwissenschaften ist für die Dramaturgie des Stückes verantwortlich. Fabienne Pauly pflichtet ihm bei: »Wir haben das Stück in einem Seminar behandelt. Was in diesem Text steht, habe ich sonst noch nirgendwo so gelesen«, sagt sie. Die 25-jährige Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft führt Regie, zusammen mit ihrer Kommilitonin Marie Wolters. »Ich dachte: Das müssen wir öffentlich aufführen«, so Fabienne Pauly.

Den Aufführungsort wirken lassen

Auch Vera Emmerich ist begeistert von dem Theaterprojekt. Die 22-Jährige steht auf der Bühne. Sie studiert ebenfalls Theater-, Film- und Medienwissenschaft, zusammen mit Politik. »Schon in der Schule wird die NS-Zeit ausführlich behandelt. Auf Dauer kann das abstumpfen. Das Theaterstück eröffnet einen ganz neuen Zugang zu diesem Thema«, findet sie.

Die Aufführungen sind unter freiem Himmel. Das Bühnenbild besteht hauptsächlich aus Lautsprechern und Scheinwerfern. So lassen die Studierenden den Aufführungsort wirken. Der könnte kaum passender gewählt sein. Vom ehemaligen Gefängnis an der Konstablerwache wurden, nach Angaben der Initiative »Faites votre jeu!«, auch Menschen nach Auschwitz deportiert.

Zwei weitere Vorstellungen werden auf dem Campus Westend am IG-Farben-Haus aufgeführt. Auch dieser Ort ist eng mit Auschwitz verknüpft. „Das wird eine andere, aber ebenso eindrucksvolle Atmosphäre sein“, hofft Vera Emmerich. Im Anschluss an das etwa ein-stündige Theaterstück kommen auch die Zeugen selbst zu Wort: Eine Audioinstallation präsentiert Original-Aufnahmen aus dem Gerichtssaal.

Die Aufführungen finden am Mittwoch, 24., und Donnerstag, 25. Oktober, am Haupteingang des IG-Farben-Hauses, am Freitag, 26. Oktober, im Innenhof des ehemaligen Gefängnisses Klapperfeld statt, jeweils 20 Uhr. Eintritt frei.

Eingeschlossen

Frankfurter Rundschau, 10.10.2012 (downlaod pdf)


Ab vom Schuss: Bulling begibt sich in eine fremdeWelt. PR

Von Anne Lemhöfer

Im Klapperfeld öffnet die Schau zum gemalten Flüchtlingsdrama »Im Land der Frühaufsteher«

»Im Land der Frühaufsteher« heißt eine Graphic Novel der Berliner Autorin und Zeichnerin Paula Bulling. Die Comic-Reportage erzählt Geschichten von Flüchtlingen in Deutschland. Am Mittwoch, 10. Oktober, 19 Uhr stellt Bulling im Rahmen der GegenBuchMasse linker Autoren und Verlage ihr Debüt im ehemaligen Frankfurter Polizeigewahrsam, Klapperfeldstraße 5, auf Einladung der Kulturinitiative »Faites votre jeu!« vor.

Die bebilderte Lesung bestreitet sie mit dem Filmemacher Maman Salissou Oumarou. Oumarou ist sowohl Protagonist des Buches als auch kritischer Begleiter seiner Entstehung. Im Anschluss an die Lesung wird die neue Sonderausstellung eröffnet, die bis zum 28. Oktober die Original-Zeichnungen aus »Im Land der Frühaufsteher« zeigt.

Der Ausstellungsort Klapperfeld
war 20 Jahre lang Abschiebeknast

Graphic Novels sind anspruchsvolle Comics, die komplexe, oft autobiografisch inspirierte Geschichten erzählen und mit den ästhetischen Möglichkeiten des Mediums experimentieren. Geradezu prädestiniert scheint das Kulturzentrum Klapperfeld für die Vorstellung von Bullings Roman. Das Klapperfeld wurde von Beginn der 80er Jahre bis zur Schließung 2003 als Abschiebeknast genutzt.

Während ihrer Recherche musste Paula Bulling, wie sie berichtet, feststellen: Flüchtlingsheime sind blinde Flecken auf der Landkarte. Als die Comiczeichnerin alle Asylbewerberheime in Deutschland auf einer Übersicht verzeichnen wollte, konnte sie nirgendwo vollständige Daten finden. Zugang zur Welt der Asylheime bekam Paula Bulling durch die Flüchtlingsorganisation The Voice. Als sie sich das Heim Katzhütte in Thüringen ansah, lernte sie den Nigerianer Oumarou kennen, der damals selbst noch im Asylverfahren feststeckte.

Seine Geschichte ist die Basis für »Im Land der Frühaufsteher«. Maja Koster von »Faites votre jeu!« freut sich über die Kooperation mit der Künstlerin: »Ihre Arbeit gibt eindrücklichen Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen.«

Im Land der Frühaufsteher, Lesung und Vernissage, 10.10., 19 Uhr, Frankfurt, Kulturzentrum Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5, Ausstellung bis zum 28.10., Infos: www.klapperfeld.de

Im Land der Frühaufsteher, Graphic Novel von Paula Bulling, Avant-Verlag, 125 Seiten, 17,95, ISBN-10: 3939080683
 
 
10.10. bis 28.10.2012: Ausstellung & Lesung »Im Land der Frühaufsteher« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Düstere Comics skizzieren die Lebenswelt von Flüchtlingen

Frankfurter Neue Presse, 10.10.2012 (download pdf)

Innenstadt. Kombiniert man ein altes Gefängnis mit einer frisch erschienen Graphic Novel, entsteht daraus eine Ausstellung. Daher dreht sich im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld von heute an alles um den Comic »Im Land der Frühaufsteher«. Zur heutigen Eröffnung der Ausstellung sind die Autorin Paula Bulling und ihr Protagonist Maman Salissou Oumarou für eine Lesung angereist. Denn das Thema der Ausstellung und des Buchs liegt ihnen am Herzen: Es geht um das Leben von Flüchtlingen in Deutschland.

Wer bei dem Stichwort Comic an bunte Bildchen denkt, ist für »Im Land der Frühaufsteher« auf der falschen Spur. Bunt ist hier nichts, und »Bildchen« sind die skizzenartigen Zeichnungen schon gar nicht. In düsteren Tönen halten sie die problematische Lebenswelt von Flüchtlingen in Halle fest – nicht nur die Probleme, sondern auch die einfachen Wünsche der Menschen, die beispielsweise einfach nur ihr Wohnheim verlassen und nicht unter der »Residenzpflicht« stehen wollen, die für Asylbewerber vorgeschrieben ist.

Paula Bulling näherte sich dem Thema künstlerisch erstmals, als sie Menschen in Halle für ein Projekt ihres Studiengangs Kommunikationsdesign porträtierte. Dabei traf sie auf die dort untergebrachten Flüchtlinge. »Erste Bilder, erste Stücke der Geschichte hatte ich. Daraus musste mehr werden.« Zwei Jahre recherchierte, zeichnete und konzipierte sie, bis »Im Land der Frühaufsteher« fertig war. Die Arbeit hat sich gelohnt. Für ihren Comic erhält sie den diesjährigen Sondermann-Preis für Newcomer, die renommierteste Auszeichnung für junge Comickünstler in Deutschland. Verlegt wurde der Titel im Berliner Avant-Verlag, der für seine anspruchsvollen Graphic Novels bekannt ist. Die erste Lesung aus ihrem Comic – und ihre erste Comic-Lesung überhaupt – wird die Autorin jetzt allerdings in Frankfurt geben.

Aufregung gehört zu dieser Premiere dazu. »Ein wenig nervös bin ich natürlich. Aber wir werden die Rollen verteilt lesen. Maman Salissou Oumarou liest die Geflüchteten, ich die Deutschen, und die einzelnen Panels projizieren wir an die Wand.« Eine Einführung in das Buch und im Anschluss eine Gelegenheit zur Diskussion gibt es ebenfalls. tos

Die Ausstellung »Im Land der Frühaufsteher« ist vom 11. Bis 15. Oktober von 17 bis 20 Uhr und vom 17. bis 28. Oktober dienstags von 17 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 13 Uhr und am Wochenende von 15 bis 18 Uhr im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld an der Klapperfeldstraße 5 zu sehen. Die Ausstellungseröffnung und Lesung beginnt heute um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

10.10. bis 28.10.2012: Ausstellung & Lesung »Im Land der Frühaufsteher« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld

Auch die Gegenbuchmasse beginnt

www.journal-frankfurt.de, 09.10.2012

Seit 2006 veranstaltet ein linkes Bündnis immer pünktlich zur Buchmesse die »Gegenbuchmasse«. Werke und Autoren, die auf der gehypten Veranstaltung keinen Platz finden, rücken hier in den Fokus.

Linke Verlage, linke Autoren, kritisches Gedankengut: Die Gegenbuchmasse setzt sich von 9. Bis 14. Oktober in einer Vielzahl von Lesungen und Diskussionsrunden mit dem Status Quo der linken Literaturszene in Deutschland auseinander. Und lässt den geschäftlichen Teil oder Verkaufszahlen dabei außer Acht.

So zeigt etwa die Iniative »Faites votre jeu« im ehemaligen Gefängnis im Klapperfeld die Comic-Reportage »Im Land der Frühaufsteher« von Paula Bulling, die sich mit dem Alltag von Flüchtlingen in Deutschland auseinandersetzt. In sieben Kapiteln erzählt sie vom Leben in Asylbewerberheimen, alltäglichem Rassismus und dem Tod eines Flüchtlings. Am Mittwoch, 10. Oktober, ist Paula Bulling ab 19 Uhr zu Gast, um ihr Comicdebüt in einer bebilderten Lesung gemeinsam mit Maman Salissou Oumarou vorstellen. Der Filmemacher ist sowohl Protagonist des Buches als auch kritischer Begleiter seiner Entstehung gewesen. Die Ausstellung zur Reportage ist anschließend bis 28. Oktober im Klapperfeld zu sehen.

Die erste Veranstaltungsreihe dieser Art wurde in Frankfurt bereits 1996 durchgeführt. Seit 2006 ist die Gegenbuchmasse zu einer festen, alternativen Größe der Buchmesse geworden. Ein Initiativkreis aus Autoren und Verlagen, der Infoladen aus dem Café Exzess und P.A.C.K., eine Gruppe aus dem Umfeld der Antifa Frankfurt zeichnen für das Programm verantwortlich. Veranstaltungsorte sind unter anderem der Club Voltaire, das Café Exzess, die Raumstation Rödelheim oder eben das ehemalige Gefängnis im Klapperfeld.

Im Club Voltaire wird unter anderem die NS-»Euthanasie« am Beispiel Sigrid Falkensteins »Annas Spuren« (Mittwoch, 20 Uhr) thematisiert und Texte von Christa Wolf gelesen (Sonntag, 11.30 Uhr). Im Eintracht-Fanhaus Louisa sprechen die Droogs ’99 über politisch verfolgte Sportler im 20. Jahrhundert (ebenfalls Mittwoch, 20 Uhr), in der Au wird ein Film über Repressionen im Partnerland der Buchmesse, in Neuseeland, gezeigt (Donnerstag, 20 Uhr)
Das komplette Programm der Gegenbuchmasse finden Sie hier.

10.10. bis 28.10.2012: Ausstellung & Lesung »Im Land der Frühaufsteher« im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld