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Orte der Erinnerung

Beim Tag des Denkmals öffnen in Frankfurt »unbequeme Denkmäler« ihre Türen. Zu diesen besonderen Sehenswürdigkeiten gehört das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße, ein düsterer Ort mit einer ebenso düsteren Vergangenheit.

Frankfurter Rundschau, 06.09.2013 (download pdf)


Etwa fünf Quadratmeter groß sind die Zellen in dem ehemaligen Polizeigefängnis im Klapperfeld. (Foto: Andreas Arnold)

Von Oliver Teutsch

Diese Frankfurter Sehenswürdigkeiten stehen in keinem Reiseführer. Sie sind düster, nicht mehr funktional, irgendwie beklemmend, aber denkmalgeschützt. Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag lädt das Denkmalamt in zwei sogenannte »unbequeme Denkmäler« ein: Das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße und einen sehr gut erhaltenen Hochbunker in Goldstein.

Die Zellen sind nur rund fünf Quadratmeter groß und durch die doppelt vergitterten Fenster dringt auch an sonnigen Tagen nur wenig Licht. Im Innenhof rostet der Stacheldraht vor sich hin. 1886 wurde in Frankfurt ein riesiges Polizeigefängnis gebaut. Frankfurt war gerade Preußen zugeschlagen worden und der preußische Polizeiapparat benötigte Platz für Zucht und Ordnung. 203 Zellenplätze gibt es seit jener Zeit in der Klapperfeldstraße. Der Gebäudetrakt hat die beiden Weltkriege »wie durch ein Wunder nahezu unbeschadet überstanden«, freut sich Lorena Pethig, Konservatorin im städtischen Denkmalamt.

Gefängnis der Gestapo

Der ursprünglich nur für einen zweitägigen Polizeigewahrsam errichtete Gefängnis blieb so gut erhalten, dass er offiziell bis ins Jahr 2001 genutzt wurde. Während des Nazi-Regimes diente der Bau als Gestapo-Gefängnis, in den 80er Jahren schließlich als Abschiebegefängnis. Die Verzweiflung und Ohnmacht der in dieser Zeit inhaftierten Menschen ist noch heute sichtbar. In die Zellentüren und Wände sind wütende Kommentare in vielen Sprachen geritzt oder aufgemalt. An einer Zellentür sind noch heute vergilbte Zeitungsausschnitte der No Angels angebracht. Konservatorin Pethig spricht von »einer Authentizität, die erschlägt«.

Nachdem der Gebäudetrakt zunächst abgerissen werden sollte, wird das sogenannte »Klapperfeld« seit fünf Jahren von der Initiative »Faites votre jeu« als kulturelle Begegnungsstätte für Lesungen, Konzerte und Barabende genutzt. Das Hessische Landesamt für Denkmalpflege denkt derzeit darüber nach, das mehr als 125 Jahre alte Gefängnis unter Denkmalschutz zu stellen.

Anbauten als Tarnung

Der Hochbunker in Goldstein ist zwar wesentlich jünger, steht aber bereits unter Denkmalschutz. »Erbaut 1941« prangt an dem aufwendig gestalteten Eingangsbereich des zweigeschossigen Gebäudes. Der Hochbunker in der Goldsteinstraße ist einer von noch 36 übererdigen Bunkern in Frankfurt. Zehn davon stehen unter Denkmalschutz, weil sie auffällig gut erhalten oder besonders aufwendig gestaltet sind. Der am Sonntag für die Öffentlichkeit zugängliche Hochbunker ist beides.

Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamtes, spricht von einer »überraschenden Vielfalt bei der Ausgestaltung«. Das Gebäude besteht aus zwei Einheiten: Dem bombensicheren Trakt und den zur Tarnung dienenden Anbauten. Dazu gehört auch der laut Hampel »tolle Bimbsbeton-Dachstuhl«, der einem Wohnhaus nachempfunden ist. Der Bunkerbau ist bis ins Detail gut erhalten, vom Klappsitz für den Bunkerwart über den Sicherungskasten bis hin zum Maschinenraum mit den Filteranlagen.

Bis 1990 war der Bunker als Zivilschutznutzung ausgewiesen, 1993 hat Hans Hankel das große Gebäude gemietet und aufwendig saniert, um seiner Frau im Dachgeschoss ein Künstleratelier einrichten zu können. Am Sonntag wird das komplette Ensemble zugänglich sein: Die beklemmenden dunklen Bunkerräume und das helle und lebensfrohe Künstleratelier.

Ausgewählte Führungen

Dom, Turm-Führungen 14+16 Uhr, Anmeldung: Tel. 069/13 37 61 86
Haus des Buchhandels, Berliner Straße27, Führung 10 Uhr
Kirche St. Leonhard, Alte Mainzer Gasse 23, Führungen 10.30+12 Uhr
Hochbunker, Goldsteinstraße 302/ Tränkweg, Führung 11 Uhr
Maininsel, Ruderverein von 1865, 11.30-13.30 Uhr und 14.30-16.30 Uhr, Führung 12+15 Uhr
Ehemaliges Polizeigefängnis Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5, geöffnet 10-18 Uhr, Führungen 10, 12, 14 und 16 Uhr
»Koselburg«, Koselstraße 15, geöffnet 11-15 Uhr, Vortrag 12 Uhr
Alte Nikolaikirche, Römerberg 11, geöffnet 11-20 Uhr, Führung 11.15 Uhr, Gottesdienst 9.30 Uhr
Heimatmuseum, Berger Rathausplatz 1, geöffnet: 15 bis 18 Uhr
Ehem. Bonifatius-Kapelle, Oberer Kalbacher Weg 7, 14-18 Uhr
Bethanienkirche, Wickenweg, geöffnet 9.30-13.30 Uhr, Führungen 11.30+12.30 Uhr, Gottesdienst 10 Uhr
Ernst-May-Haus, Im Burgfeld 136, geöffnet 12-17 Uhr, Führungen 12.30+15.30 Uhr.
Justinuskirche Höchst, Justinusplatz, geöffnet 13-19 Uhr, Führungen 14, 16 und 18 Uhr
Fachwerkhaus, Höchster Schlossplatz 14, Führung 11 Uhr.
Petrihaus, Am Rödelheimer Wehr 15, geöffnet 14-18 Uhr. Führungen Museum und Park 15 Uhr, Märchenlesung 14.30 Uhr

Meinhofs letzte Stunden – Ich, Ulrike, schreie!

www.journal-frankfurt.de, 21.08.2013

Von Miriam Mandryk


Foto: © Dirk Ostermeier

Seit zwei Jahren lebt die gebürtige Frankfurterin als Schauspielerin in Marseille. Nun kehrt Miriam Meurers mit einem Stück über die letzten Stunden Ulrike Meinhofs im Stammheimer Gefängnis nach Frankfurt zurück.

»Ich bin nicht Ulrike Meinhof«, konstatiert Miriam Meurers, um gleich der häufig gestellten Frage nach der Identifikation mit der Rolle weitestgehend aus dem Wege zu gehen. Denn die 31-jährige Schauspielerin wird in den nächsten Tagen an verschiedenen Orten in Frankfurt eine Rolle spielen, die ihr, so sagt sie, körperlich und auch psychisch viel abverlangt.

Eingeschlossen in »weiße Stille« und ein »Grab des Schweigens« – in einem Theater-Monolog schreit Miriam in der Rolle der Ulrike Meinhof voller Wut, Wahnsinn und Verzweiflung aus dem Stammheimer Gefängnis ihre Anklagen gegen »diese Sozialdemokratie, die sich anschickt, mich umzubringen«. Das Stück zeigt eine mechanische Wiederholung, eine Choreografie der Gefangenschaft Ulrike Meinhofs, die sich bis zur geistigen Erschöpfung immer weiter um sich selbst dreht. Dennoch bleibt bis zum Ende der Versuch, sich zu befreien – mit Gesten und Worten, die letzten Stunden Ulrike Meinhofs, die sich am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle in der »Waschmaschine Stammheim« erhängte, beschreibend.

Autor dieses fiktiven Monologs, den die Sozialpädagogin zusammen mit dem französischen Regisseur Antoine Meunier in ein packendes Stück, eine sich endlos drehende Performance, verwandelt, ist Dario Fo, Enfant terrible des linken italienischen Theaters.

Erstmals wird Miriam hier in Frankfurt dieses Stück auf deutsch, und nicht wie sonst, auf französisch spielen. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied der Theater-Company Théâtre de l‘Arnaque in Marseille, wo die gebürtige Frankfurterin mit französischen Wurzeln am 2. August 2011 im Rahmen des internationalen Austauschprogramms über die Uni Frankfurt ihre Zelte aufschlug. Seither lebt und arbeitet Miriam als Schauspielerin in der französischen Hafenstadt. »Ich hatte schon immer den Wunsch, nach Frankreich zu gehen. Meine Mutter kommt aus der Nähe von Marseille und ich habe hier als Kind viel Zeit verbracht und diese sehr genossen. Vor zwei Jahren habe ich dann meine Koffer gepackt und bin nach Marseille gezogen.« Eigentlich wollte sie dort ihr Studium beenden, »doch ich habe gemerkt, dass ich einfach nur Theater spielen will und nichts anderes«, sagt sie mit leuchtenden Augen. Sie und ihre Company-Kollegen des Théâtre de l‘Arnaque spielen häufig »auf Hut« – freier Eintritt für alle, nur wer kann und will, gibt nach der Vorstellung, wenn der Hut die Runde macht, was er kann und mag. »Wir wollen Theater für jeden zugänglich und soziale Realitäten wieder ins Bewusstsein rücken,« erklärt Miriam das Credo der Company. Häufig proben sie in besetzten Häusern und bespielen öffentliche Plätze, bewegen sich dabei zwischen zeitgenössischer Kunst, theatralem »Clowntum« und sozialer Realität.

Dass es schwierig werden könnte, sich in der Theaterszene durchzuschlagen, daran habe sie eigentlich nie gedacht, sagt Miriam. Sie will einfach nur Theater spielen. Und so gibt sie Kurse im Theateratelier und mimt als Statistin schwerkranke Patienten für Examensprüfungen in Krankenhäusern, um sich etwas dazu zu verdienen. »Allein von der Schauspielerei am Theater leben zu können, ist absoluter Luxus, vor allem in einer so unglaublich armen Stadt wie Marseille«, weiß sie heute, lässt sich aber von ihrem Traum und ihrer Passion nicht abbringen. »Wenn ich längere Zeit nicht spiele, bin ich völlig aufgedreht und meine Freunde sagen dann häufig, ich solle endlich mal wieder auf die Bühne, um mich abzureagieren.«

Und Theater spielen wird sie nun auch hier, in ihrer Heimatstadt, im Cafè Wiesengrund, im Club Voltaire und in der für dieses Stück womöglich aufregendsten Location: dem alten Polizeigefängnis im Klapperfeld. Miriam ist aufgeregt und gespannt auf die Reaktionen des Publikums. »Sicherlich werden die Leute hier völlig anders reagieren, als in Frankreich«, vermutet sie. »Gerade hier in Frankfurt gibt es bestimmt noch einige Leute, die sich an die Zeit der R.A.F. erinnern, die mit den Mitgliedern zusammen studiert oder sie anderweitig gekannt haben. Ulrike Meinhof soll ja, wie mir erzählt wurde, auch öfter im Club Voltaire gewesen sein. Das ist total spannend, aber auch eine riesige Herausforderung, denn ich werde häufig, wenn ich das Stück gespielt habe, mit der Person Ulrike Meinhof assoziiert und das ist ungeheuer schwierig für mich.« Und dennoch lässt sich Miriam immer wieder neu auf diese Rolle ein, so auch hier in Frankfurt.

25. August, 20:00 Uhr: Klapperfeld
27. August, 20:00 Uhr: Café Wiesengrund
29. August, 20:00 Uhr: Club Voltaire

Der Eintritt ist kostenlos. Wer mag, kann nach der Vorstellung seinen ganz persönlichen Beitrag in den Hut werfen.

Freies Spiel und kritischer Ernst

Kulturprojekt »Faites votre jeu« feiert fünfjähriges Bestehen / Geschichte des alten

Frankfurter Rundschau, 05.08.2013 (download pdf)


Party im ehemaligen Gefängnishof. (Foto: Michael Schick)

Von Christina Lenz

Polizeigefängnisses erforscht Die Initiative »Faites votre jeu« gestaltet seit fünf Jahren den öffentlichen Raum mit kulturellem Leben und kritischem Denken. Mehrere hundert Menschen feierten am vergangenen Samstag das fünfjährige Bestehen im sogenannten »Klapperfeld«.

Angefangen hatte alles 2008, als eine kleine Gruppe von politischen Aktivisten das ehemalige JUZ Bockenheim besetzte. Zwar billigte die Stadt die Aneignung nicht, bot der Gruppe aber nach zermürbenden, öffentlich und medial geführten Debatten ein Ersatzobjekt an: das ehemalige Polizeigefängnis an der Klapperfeldstraße, kurz »Klapperfeld«. Das Gebäude hatte unter anderem als Gestapo-Gefängnis gedient und war in den 80er Jahren als Abschiebegefängnis genutzt worden. »Das Klapperfeld soll ein offener Ort für alternative Kultur sein, jenseits von ökonomischen Zwängen«, sagt Jörg Schmidt, seit Beginn bei »Faites votre jeu« dabei, das Kulturprojekt.

Die Gäste tummeln sich auf dem immer noch von Stacheldraht umsäumten Hof des ehemaligen Polizeigefängnisses. »Wir wollen möglichst viel von der Geschichte des Gebäudes erhalten, keine Spuren verwischen«, erklärt Schmidt. Die schwierige Gratwanderung zwischen lebensfroher Kulturszene und einem verantwortungsvollen Umgang mit dem bedrückenden Areal ist auch an diesem Nachmittag spürbar. Es werden einerseits mehrere Führungen durch die Gefängniszellen angeboten, andererseits wird bei Punk-Konzerten auch richtig gefeiert.

Die linke Gruppe habe sich anfangs den Kopf über eine angemessene Nutzung des Gebäudes zerbrochen. »Lassen sich Kultur, Kunst und Feste einfach umtopfen in Räume, in denen Menschen gefoltert und eingesperrt wurden? Das war für uns keine leichtfertige Entscheidung,« erzählt Sarah vom Arbeitskreis Geschichte.

Unermüdlich hat die Gruppe die Geschichte dieses Ortes erforscht: Diverse Stadtarchive und Suchregister wurden nach Akten durchforstet, Zeitzeugen ausführlich befragt. Viele Vorgänge wären ohne die Arbeit nie ans Licht gekommen. Zum Beispiel, dass die Frankfurter Polizei zur NS-Zeit neben der Gestapo aktiv in die Inhaftierung und Deportationen von Juden und Oppositionellen verwickelt war. Eine Dauerausstellung und unzählige Einzelausstellungen bilden die Geschichte der Unterdrückung ab. Keine städtische Initiative hatte Vergleichbares für den Ort je geleistet. Es habe vielmehr Pläne gegeben, das Gebäude zu einem Hotel zu machen oder sogar abzureißen, um den Innenstadtbereich aufzuwerten und das »Mikroklima des Stadtteils zu verbessern«, erzählt Schmidt.

Inzwischen beherbergt das Gebäude Ateliers, Proberäume, Sportgruppen und sogar eine Garten AG. Film- Vortrags- und Musikprojekte werden hier verwirklicht, Barabende veranstaltet und Schulklassen regelmäßig durch das Gebäude und seine Geschichte geführt. Im Moment arbeitet der Arbeitskreis Geschichte daran, die vielen Inschriften von Abschiebehäftlingen zu übersetzen, um auch auf diesen Abschnitt der Geschichte des Ortes besser aufmerksam zu machen.

Seit fünf Jahren für mehr Freiheit

www.journal-frankfurt.de, 01.08.2013

Mit der Besetzung eines Jugendzentrums ging es 2008 mit der Gruppe los, ein Jahr später folgte der Umzug ins »Klapperfeld«-Gefängnis. Jetzt feiert »Faites votre jeu!« Geburtstag.

Ein Zusammenschluss junger Menschen, die sich unabhängig von bestehenden Institutionen über Kunst, Kultur und Politik austauschen können: das war die Grundidee von »Faites votre jeu!« und die entwickelt sich seit mittlerweile fünf Jahren in immer wechselnder Form. Die Initiative will in kein Raster passen, sie ist offen für Ideen und Veranstaltungen jeder Art und versucht die Organisationsstrukturen dabei so flach wie möglich zu halten. Der Anlass zur Gründung waren im August 2008 repressive Umstrukturierungen der Stadt. Ihnen wollten die Mitglieder ein selbstverwaltetes Zentrum entgegensetzen, das zunächst im leerstehenden Jugendzentrum Bockenheim gefunden schien. Die Stadt versuchte anfangs mit Räumungsdrohungen und Strafanzeigen gegen die Besetzung des Gebäudes vorzugehen. Nach andauernden Verhandlungen kam es zum Angebot eines Ersatzobjektes: dem ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld. Die erste Reaktion der Initiative war ablehnend. Maja Koster, aktiv bei »Faites votre jeu!«, erinnert sich an diese Zeit: »Während die Stadt ihr Angebot feierte und die regionale Presse bereits vermeldete ›Hausbesetzer müssen in den Knast‹, begannen innerhalb unserer Initiative nächtelange Diskussionen. Für uns stellte sich die Frage, ob man ein selbstverwaltetes Zentrum und unseren damit verbundenen Anspruch an eine emanzipatorische Politik und Kultur an einem Ort fortführen kann, der über einhundert Jahre ein Ort der Repression war.« Denn in dem Gefängnis wurden von 1886 bis 2003 Menschen inhaftiert, im Dritten Reich wurde es von der Gestapo genutzt.

»Faites votre jeu!« entschloss sich schließlich, das Gebäude trotzdem zu beziehen und sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Dafür wurde der Arbeitskreis Geschichte vom Plenum der Initiative gegründet. In diesem Plenum werden alle die Organisation betreffende Entscheidungen getroffen, auf feste Mitgliedschaften verzichtet man jedoch und die Teilnahme ist freiwillig. Im Klapperfeld befindet sich inzwischen eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes und der Arbeitskreis arbeitet noch an einer Online-Datenbank zu den von 1939 bis 1945 im Klapperfeld Inhaftierten. Ein weiteres Ergebnis der Forschungsarbeit ist der Bericht »Haftbedingungen von Frauen im Klapperfeld während der NS-Zeit«. Dieser geht von Zeitzeuginnen-Berichten aus und erläutert die Deportationswege der Inhaftierten vom Klapperfeld in andere Gefängnisse und Lager.

Auch wenn der Initiative die Geschichte ihres Hauses wichtig ist, stellen sie hier auch einen Ort für Veranstaltungen aller Art zur Verfügung, seien es Barabende, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen, Theateraufführungen oder Konzerte. Darüber hinaus befindet sich im Klapperfeld der »Umsonst-Laden«, in dem brauchbare Dinge abgegeben und mitgenommen werden können, sowie verschiedene Ateliers, Werkstätten und Gemeinschaftsräume. Außerdem findet regelmäßig die Veranstaltung »Faites votre cuisine« statt, ein Schülercafé, in dem für wenig Geld gegessen werden kann. Für neue Veranstaltungen ist »Faites votre jeu!« stets offen. Was sie nicht wollen, sind reine Partys, da diese in einem zu extremen Widerspruch zur Geschichte des Hauses stünden, sowie rein kommerziell ausgerichtete Veranstaltungen. Generell ist aber alles, was das Grundziel der Initiative – eine selbstbestimmte, emanzipierte Politik und Kultur – unterstützt, gerne gesehen.

Die nächste große Veranstaltung im Klapperfeld ist ein Sommerfest am 3. August anlässlich des Jubiläums der Initiative. Über den Tag verteilt kann gegrillt, gespielt und Musik gehört werden. Außerdem werden Führungen durch die Dauerausstellung angeboten.

Feiern im Klapperfeld

Initiative Faites votre jeu wird fünf Jahre alt

Frankfurter Rundschau, 30.07.2013 (download pdf)

Im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld wird am kommenden Samstag gefeiert. Von 15 Uhr an bis in die Nacht. Drinnen und draußen, wie Maja Koster von der Initiative Faites votre jeu mitteilt: Nach der Besetzung des Jugendzentrums in Bockenheim sei der Initiative von der Stadt das Gebäude als Ersatzobjekt angeboten worden. Die Presse habe damals »Hausbesetzer müssen in den Knast« getitelt, in der Initiative habe es nächtelange Diskussionen gegeben, ob der Ort mit dem Anspruch einer emanzipatorischen Politik und Kultur vereinbar sei.

Im Klapperfeld wurden von 1886 bis 2003 Menschen inhaftiert, auch die Gestapo habe in der Zeit von 1933 bis 1945 diesen Ort genutzt. „Für uns war klar“, sagt Maja Koster, »dass wir unser Projekt nur fortsetzen können, wenn wir uns mit der Geschichte des Hauses auseinandersetzen.«

So entstand eine Dauerausstellung zur Geschichte des Orts, die man während des Sommerfests am Samstag besichtigen kann. Um 16, 18 und 20 Uhr sind Führungen vorgesehen. Dazu gibt es Kinderprogramm, Essen, Getränke und Musik. Das Klapperfeld sei zu einem Zentrum für die kritische, politische, künstlerische und kulturelle Arbeit geworden, lautet die Bilanz von Maja Koster. »Trotz aller Bedenken sind wir mittlerweile gerne im Klapperfeld.« ft

Abgeschobene erzählen

Frankfurter Rundschau, 11.06.2013 (downlaod pdf)


Zellentrakt im Frankfurter Klapperfeld. (Foto: Andreas Arnold)

Von Marie-Sophie Adeoso

Nadire und ihre Familie hatten nur eine halbe Stunde Zeit, zu packen. Mitten in der Nacht hatte die Polizei an die Wohnungstür geklopft, erzählt die Neunjährige. Nun wohnt sie im Kosovo, abgeschoben aus Deutschland, wo sie so gerne zur Schule ging; wo ihre Freunde leben, die sie »ganz doll« vermisst.

Der Dokumentarfilmer Ralf Jesse hat Nadires Geschichte und die anderer abgeschobener oder von Abschiebung bedrohter Menschen aufgezeichnet. In der seit 2010 durch verschiedene Städte tourenden Medieninstallation »Blackbox Abschiebung« sind Videoaufnahmen in Dauerschleife auf einem Fernseher zu sehen, der in einem Wohnzimmer steht.

Es könnte das Wohnzimmer der Abgeschobenen sein, in dem sie einst lebten, ehe die Polizei sie holte. Nun dringen ihre Geschichten aus der »Blackbox« heraus zu den Zuhörern vor, die so zur Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und Asyl, Aufenthaltsrecht und Abschiebung gezwungen sind.

Die Initiative »Faites votre jeu!« hat die Installation ins Klapperfeld geholt. Ein passender Ort, denn in dem ehemaligen Gefängnis saßen einst Abschiebehäftlinge ein. Zur Eröffnung liest der Autor Miltiadis Oulios aus seinem auf dem Projekt beruhenden Buch »Blackbox Abschiebung«. msa

Blackbox Abschiebung, 11.-30.6., Klapperfeldstraße 5, Frankfurt, Lesung am 11.6., 19 Uhr, geöffnet Di und Do 17-19 Uhr, sowie 22.6. (16-21 Uhr), 23.6. (13-18 Uhr), 29.6. (15-20 Uhr), 30.6. (10-14 Uhr), blackbox.klapperfeld.de

11. bis 30. Juni 2013: Ausstellung Blackbox Abschiebung im ehemaligen Abschiebeknast Klapperfeld

16. Frankfurter Gegenuni beginnt

www.journal-frankfurt.de, 07.06.2013

Im Juni steht die 16. Frankfurter Gegenuni an. Dort planen Aktivisten des IvI ein vielfältiges Programm. Die Veranstaltungen werden in ganz Frankfurt stattfinden, da das IvI nicht mehr zur Verfügung steht.

Seit nun mehr zwei Monaten steht das Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI) nach der Räumung leer. Doch die Aktivisten feierten dort am vergangenen Mittwoch einen Barabend. Spontan versammelten sich 50 bis 60 Personen im Garten des Kettenhofweges 130 um zu feiern. Schon kurze Zeit später beendeten, laut den Aktivisten, Polizisten den Abend. Davon wollen sich die Leute jedoch nicht beeindrucken lassen. Im Sommer wird die 16. Gegenuni, eine zweiwöchige Veranstaltungsreihe, vom 10. bis 23. Juni angeboten. Die Veranstaltungen werden an verschiedenen Frankfurter Orten stattfinden. Das reicht von Abendevents im Mousonturm, im Studierendenhaus oder auch im Tanzhaus West. Sabine Winter vom IvI erzählt: »Wir haben die Gegenuni schon länger vorbereitet und sind froh darüber, dass es so viele Unterstützer gibt. Es hat die Arbeit deutlich erschwert, keine eigenen Räume zur Verfügung zu haben. Für die weitere Programmplanung des Instituts kann es natürlich keine Lösung sein, Veranstaltungen quer über die Stadt verstreut machen zu müssen.« Neben den Events sollen auch Aktionen und Workshops im öffentlichen Raum stattfinden. Zum Beispiel ist eine Queer-Tagsüber-Party im Klapperfeld geplant. Der inhaltliche Rahmen der diesjährigen Gegenuni ist das Motto des Instituts »Theorie-praxis-party«. Hierbei wird die eigene Arbeit der Aktivisten reflektiert und es geht um die Entwicklung neuer politischer Perspektiven. Aber auch aktuelle politische Fragen stehen zur Diskussion.

Ein Sprecher der Vorbereitungsgruppe der Gegenuni, Benjamin Walter, äußert sich zur aktuellen Lage wie folgt: »Eine sinnvolle kontinuierliche Arbeit braucht feste Räume. Wir fordern die Stadt auf, ein Ersatzobjekt zu finden und uns nicht weiter in dieser Unsicherheit festzuhalten. Es kann nicht sein, dass wir jeden Tag an einem neuen Platz unser Zelt aufschlagen müssen. Dennoch freuen wir uns natürlich sehr auf das tolle Programm und laden alle Interessierten dazu ein.«

Mehr Infos zur diesjährigen Gegenuni finden Sie unter ivi.copyriot.com im Netz.

Radiobeitrag: Radio-X, 02.06.2013, Knallfabet

Radio-X (UKW 91.8 Mhz), 02.06.2013 (12.00 Uhr bis 13.00 Uhr)
Sendung: Knallfabet

Hier der Audiomitschnitt der einstündigen Sendung als Stream und zum Download (Die Musik zwischen den Interviews wurde entfernt):

Teil 1:

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Teil 2:

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Teil 3:

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Teil 4:

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Teil 5:

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