Archiv für Juli 2018

Pressemitteilung, 18.07.2018: Initiative »Faites votre jeu!« bezieht Stellung zu jüngsten Angriffen auf ihr autonomes Zentrum

In den letzten Wochen und Monaten war »Faites votre jeu!« immer wieder Gegenstand medialer und politischer Auseinander­setzung in Frankfurt. Die Initiative nutzt seit über neun Jahren das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld als ­autonomes Zentrum und hat dort zwei Dauerausstellungen zu dessen Geschichte eingerichtet. Die jüngste Debatte entzündete sich wegen eines Wandbildes, das die Comic-Figur eines Polizisten zeigt, der sich eine mit Donuts beladene Pistole in den Mund steckt. ­Daneben war bis vor kurzem der Spruch »Niemand muss Bulle sein« zu lesen.

Matthias Schneider, seit vielen Jahren bei »Faites votre jeu!« aktiv, zeigte sich amüsiert: »Eigentlich hatten wir nicht vor, uns zu dem groben Unfug verschiedener Frankfurter ›Law-and-Order-Fachkräfte‹ zu äußern, mit dem versucht wird das Sommerloch zu stopfen und Wahlkampf zu betreiben. In der Debatte wurde jedoch deutlich, dass es mitnichten nur um das Wandbild geht: Anscheinend ­befinden sich Reaktionäre von FNP, FDP und CDU auch in Frankfurt in einem Wettrennen darum, die AfD rechts zu überholen und so haben sie sich unter anderem das Klapperfeld und unsere Initiative ausgesucht, um sich ins ›rechte Licht‹ zu rücken.«

Während Christoph Schmitt (CDU) den Plan aus der Mottenkiste holte, das Klapperfeld zur Erweiterung des Justizviertels zu nutzen, stellte die in die neoliberale Bedeutungslosigkeit verbannte FDP fest, dass das »Grundstück aufgrund der zentralen Lage immobilien­wirtschaftlich ein sehr großes Potential hat«. Maja Koster, die sich ebenfalls bei »Faites votre jeu!« engagiert, erteilte beiden Plänen eine klare Absage: »In der Forderung, das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld mit seiner über 115-jährigen ­Gewalt- und Repressions­geschichte wieder zu einem Ort deutscher Justiz zu machen, zeigt sich eine unsägliche Geschichtsvergessenheit. Es ist besonders ein Hohn für all jene, die dort zwischen 1933 und 1945 von Gestapo und Polizei inhaftiert, gefoltert, deportiert und ermordet worden sind. Das ­Klapperfeld einfach nur in Wert setzen zu wollen, steht für eine Form der Politik, in der alles hinter Kapitalinteressen zurückstehen muss und ist kein Stück weniger geschichtsvergessen.«

Auch behauptete Schmitt wiederholt, das Klapperfeld stelle einen »Affront für den Rechtsstaat« dar. Matthias Schneider entgegnete: »Die Behauptung, es sei im Besonderen Richter*innen und Polizist*innen nicht zuzumuten am Klapperfeld vorbeizugehen, ist absurd. Eine kritische Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, für die das Klapperfeld und unsere Nutzung stehen, ist für diese Berufsgruppen ­bestimmt kein Schaden; Zeigt doch grade die Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses, zu was der ›Rechtsstaat‹ fähig war und ist. Darüber informieren können sich Besucher*innen in den von uns erarbeiteten Dauerausstellungen – eine mit Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Vergangenheit und eine zur Abschiebehaft. Die weit über 1.000 Gäste, die allein im Jahr 2017 die Ausstellungen zu den regulären Öffnungszeiten besuchten, scheinen Schmitts Sorge nicht zu teilen. Und auch die vielen Schulklassen und andere Gruppen, die immer wieder Termine zu außerordentlichen Führungen vereinbaren, machen deutlich, wie notwendig unsere Arbeit und der Erhalt des Klapperfelds sind.«

Darüber hinaus forderte Schmitt, die Stadtverwaltung solle Einfluss auf Art und Inhalt von Veranstaltungen im Klapperfeld ­nehmen. Maja Koster dazu: »Mit dieser abwegigen Forderung offenbart Schmitt mehr über sein eigenes als über unser politisches Verständnis. Wir jedenfalls werden Veranstaltungen weiter so gestalten, wie wir es wichtig und richtig finden: Alles was im Klapperfeld stattfindet, besprechen wir auf unserem wöchentlichen, öffentlichen Plenum. Teilnehmen können alle, die das Klapperfeld mitgestalten wollen. Grundlage für das, was läuft und nicht läuft ist unser Selbstverständnis – kurz gesagt wollen wir bei allen Veranstaltungen möglichst einen Schutzraum ohne ausschließende oder diskriminierende Verhaltensweisen für alle Teilnehmenden bieten.«

Am 4. August 2018 feiert die Initiative »Faites votre jeu!« ihr zehnjähriges Bestehen. Im Zuge des anstehenden Jubiläums zeigte sich Maja Koster selbstbewusst: »Es sollte allen klar sein, dass es in jeder Hinsicht ein schwieriges Unterfangen wäre uns aus dem Klapperfeld zu schmeißen. Auch das werden wir bei unserem Sommerfest feiern. Im kommenden Jahrzehnt werden wir gerne weiter ein Stachel im Frankfurter Justizviertel sein. In Zeiten eines deutlichen Rechtsrucks in Deutschland und Europa werden wir erst recht ein Ort kritischer linksradikaler Auseinandersetzung bleiben.«

Anlagen:

Über das Klapperfeld und die Arbeit der Initiative »Faites votre jeu!«

Im August 2008 besetzte »Faites votre jeu!« ein ehemaliges Jugendzentrum und betrieb dort über ein Drei­vier­tel­jahr ein ­selbstverwaltetes Zentrum. Allerdings hatte die Stadt Frankfurt andere Pläne für das Gebäude und drohte mit Räumung. Dank breiter Unterstützung, der sich die Initiative bis heute erfreut, sah sich die Stadt dazu gezwungen, das Klapperfeld als Ersatzobjekt anzubieten.

Die Entscheidung, in das ehemalige Polizeigefängnis als Raum der Repression und Gewalt umzuziehen, fiel der Initiative alles andere als leicht. Letztlich entschied sich »Faites votre jeu!«, die Herausforderung anzunehmen. Dem voraus gingen Gespräche mit ehemaligen Inhaftierten wie Hans Schwert (1907 – 2013) und Wolfgang Breckheimer (1926 – 2011), die in Auszügen auch in der Dauerausstellung zu sehen sind.

Geöffnet wurde das Klapperfeld im August 2009 mit der Eröffnung der Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses im ­Nationalsozialismus. Im Herbst 2015 konnte auch die zweite Dauerausstellung zum Abschiebehaft eröffnet werden. In ­jahrelanger Arbeit, die immer noch andauert, wurde mühselig und mit viel Unterstützung begonnen, die Inschriften der im Original erhaltenen Zellen zu übersetzen und für Besucher*innen lesbar und hörbar zu machen. Die Dauerausstellungen können jeden Samstag zwischen 15 und 18 Uhr kostenfrei besucht werden. Gruppen und Schulklassen können darüber hinaus ­individuelle Termine vereinbaren.

Selbstverwaltet und unkommerziell organisieren im Klapperfeld außerdem Menschen in unterschiedlichsten Zusammenhängen regelmäßig ein breites Spektrum an Veranstaltungen: von Zeitzeug*innengesprächen, Vorträgen und Diskussions­veranstaltungen über Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen bis hin zu Barabenden, Konzerten und Partys. ­Unzählige Nutzer*innen erfreuen sich an den im Klapperfeld eingerichteten Proberäumen, Sporträumen, Ateliers, Fahrrad-, Holz- und Siebdruckwerkstätten. Nicht zuletzt dienen die Räume verschiedensten Gruppen für ihre politische und kulturelle Arbeit.

Informationen & Kontakt

Website der Initiative »Faites votre jeu!«: faitesvotrejeu.blogsport.de
Website zur Geschichte des Polizeigefängnisses Klapperfeld: www.klapperfeld.de
Kontakt: 0177 3982718 | faitesvotrejeu[ät]yahoo[punkt]com
 
 
Pressemitteilung als PDF: download

Samstag, 4. August 2018, ab 15 Uhr // Sommerfest – 10 Jahre »Faites votre jeu!«

OPEN AIR SOMMER & SONNE KONZERTE & AUFLEGEREI LECKERE COCKTAILS KALTE GETRÄNKE SÜSSE & SALZIGE SNACKS RUNDGÄNGE DURCH DEN KNAST WORKSHOPS & INFOSTÄNDE KINDERPROGRAMM TOMBOLA …

Hausbesetzer*innen gehen in den Knast…

… titelte die Frankfurter Rundschau am 06.02.2009. Etwa ein halbes Jahr zuvor, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2008 hatte die Initiative »Faites votre jeu!« ein ehemaliges Jugendzentrum in Bockenheim besetzt, um dort ein autonomes Zentrum aufzubauen. Anfang 2009 drohte die Stadt Frankfurt mit Räumung. Nach langen Verhandlungen wurde ein Ersatzobjekt angeboten: das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld. Da das Gefängnis von 1886 bis 2002 durch alle Phasen der deutschen Geschichte hindurch als solches betrieben wurde, war klar: Eine Nutzung, ohne eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte zu führen, war für die Initiative ausgeschlossen – und so begannen noch während der Verhandlungen die ersten Recherchen. Im August 2009 eröffnete dann, kurz nach dem Einzug von »Faites votre jeu!«, der erste Teil der Dauerausstellung zur Geschichte des Klapperfelds. Die Ausstellung wurde und wird im Laufe der Zeit erweitert, sie ist öffentlich zugänglich und es finden Führungen statt. Gleichzeitig ist das Gebäude ein autonomes Zentrum. Die Räume werden für kritische, politische, künstlerische und kulturelle Arbeit genutzt. Selbstorganisiert finden unterschiedlichste Veranstaltungen statt: von Lesungen, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen über Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen bis hin zu Barabenden, Konzerten und Partys.

Das möchten wir mit euch feiern!
 
 

Bands

Lost In Life
Antifa Anarcho Hardcore | lil161.Bandcamp.com

Go! Go! Action Bronco
Surf Punk Garage Rock | gogoactionbronco.bandcamp.com

Secret Suprise Act
Rior Rrrap

Squalloscope
Box Pop / Tree House / Internal Screaming | squalloscope.com

Lassie
Power Pop / Garage Punk | lasssie.bandcamp.com

Oidorno
Diskurs-Oi | oidorno.bandcamp.com
 
 

Chor

SheChoir
shechoir.com/frankfurt

Roter Stern Chor
roterstern-ffm.de/category/ag-chor
 
 

Performance

Die bösen Tanten
Polit-Tunten-Trash
 
 

Auflegerei

Autonome Beautyfarm
Female Popcore / Punkmob | soundcloud.com/autonome-beautyfarm

Dj A Millie
Rap / Hip Hop | soundcloud.com/snake_radio
 
 

Workshops und Rundgänge

Siebdruck zum selber machen
15 Uhr bis Open End

Fotolabor-Workshop
15 bis 18 Uhr

Fotobox
Nachmittags bis abends

Rundgänge durch die Ausstellungen und das Gebäude
Beginn: 16 / 18 / 20 Uhr
 
 

Bitte beachten!

Wir möchten, dass sich bei uns alle wohl fühlen ­können. Auf ­­antisemitisches, rassistisches, sexistisches, homophobes oder transphobes Verhalten haben wir keinen Bock.Wem das nicht passt, der fliegt raus!
 
 
Download: Faltplakt zum Sommerfest als PDF

Öffentliche Führung am 7. Juli

Die Initiative »Faites votre jeu!« bietet jeden ersten Samstag im Monat von 17 bis ca. 18 Uhr eine öffentliche Führung zum Klapperfeld und seiner Geschichte als Polizei- und Abschiebegefängnis an, jeweils mit unterschiedlichem Themenschwerpunkt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich – einfach vorbeikommen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Termin & Schwerpunkt im Juli 2018:
Samstag, 7. Juli, 17 Uhr:
Das Klapperfeld während der Zeit des Nationalsozialismus

Wie jeden Samstag sind zudem ab 15 bis 18 Uhr die Dauerausstellung im Keller mit Fokus auf der Zeit des Nationalsozialismus sowie die Dauerausstellung »RAUS VON HIER. Inschriften von Gefangenen in Abschiebehaft und Polizeigewahrsam im Klapperfeld 1955–2002« geöffnet.

Macht alle Knäste zu autonomen Zentren!

Als Inititaive »Faites votre jeu!« erklären wir uns solidarisch mit den am 27. Juni inhaftierten Genoss*innen und fordern ihre sofortige Freilassung! Deshalb unterstützen wir die Erklärung des Solitreffens vom 28. Juni 2018:

Gemeint sind wir alle!
Lasst unsere Genossen*innen frei!

Gestern haben bundesweit im Zuge der G20 Repressionen 13 Razzien stattgefunden. Sechs Genoss*innen und Freund*innen sitzen im Knast, vier davon aus Frankfurt/Main und Offenbach. Wir hatten uns im Voraus verabredet, um auf die Angriffe auf emanzipatorische Strukturen und gerechtfertigte Kämpfe – in diesem Fall gegen den G20 Gipfel – gemeinsam zu reagieren. Deshalb haben sich 100 Leute zusammengefunden, um eine Antwort auf die Vorgänge zu finden und sich mit den Gefangenen des heutigen Tages zu solidarisieren. Unsere Solidarität gilt den Gefangenen und ihrem Umfeld, auch wenn wir wissen, dass wir alle damit gemeint waren. Die heutigen Festnahmen reihen sich ein in eine Vielzahl von Angriffen der Repressionsorgane gegen die G20-Proteste; angefangen bei Öffentlichkeitsfahndungen, über mehrere Wellen von internationalen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, bis hin zu Terrorisierungen ganzer Stadtteile und massiver medialer Hetze.

Wir fordern die sofortige Freilassung aller unserer Genoss*innen und erklären unsere Solidarität mit allen emanzipatorischen Kämpfen weltweit. Kein Angriff auf unsere Leute und Strukturen darf unbeantwortet bleiben. Bei Repression ist unser aller Solidarität gefragt, organisiert euch, werdet aktiv und lasst die Leute nicht alleine.

United we stand – Fight G20!
Freiheit für alle politischen Gefangenen!
Emanzipatorische Kämpfe in die Offensive!

Solitreffen Frankfurt am Main 28. Juni 2018
 
 
Anfragen, Soliaktionen etc. bitte an:
unitedwestand_offm[ät]riseup[punkt]net

Spendet für die Gefangenen:
Spendenkonto der Ortsgruppe Frankfurt
Rote Hilfe e.V. – Ortsgruppe Frankfurt
IBAN: DE24 4306 0967 4007 2383 90
BIC: GENODEM1GLS
Konto: 4007238390
BLZ: 43060967 GLS-Bank
Betreff: G20