Erinnerung gegen die Nation. Keine Versöhnung mit Deutschland!

Ein Beitrag der Initiative »Faites votre jeu!« in der kürzlich erschienenen »Mobilisierungszeitung zum europoaweiten Aktionstag gegen den Kapitalismus«.


Foto: Oorim | heise.de

Die Großmarkthalle als Beispiel deutscher Erinnerungspolitik

Die Erinnerung an den Holocaust ist inzwischen in hegemonialen nationalen Diskursen wesentlicher Bestandteil des deutschen Selbstverständnisses. Das spiegelt sich in der offiziellen Erinnerungskultur wider, die sich im Laufe der Jahrzehnte den jeweiligen Ansprüchen gemäß verändert hat. Während die Nachkriegszeit noch von Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen geprägt war, wurde der Holocaust inzwischen zum Bezugspunkt für die deutsche Nation, die ihr Selbstbewusstsein zunehmend auf den Stolz über ihre angeblich vorbildliche Aufarbeitung gründet. Dass es dazu kam, ist Ergebnis politischen Drucks, sei es international oder von Initiativen innerhalb Deutschlands. Diese Entwicklung einfach als Erfolg zu verzeichnen, wäre genauso zu kurz gegriffen, wie die Annahme eine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit sei per se staatstragend.
Klar ist, dass es einer ernst gemeinten Auseinandersetzung nicht allein um das Erinnern an die Opfer gehen kann. Vielmehr müsste es auch um eine Auseinandersetzung mit den Täter_innen und den Ursachen gehen.
Eine staatstragende Form der Erinnerung beschränkt sich auf moralische Appelle, Formeln und Rituale und versperrt sich einer kritischen Auseinandersetzung. Kontinuitäten geraten aus dem Blick und der Akt der Einsetzung der „demokratischen Grundordnung“ gilt als eindeutiges Ende einer dunklen Vergangenheit.
Gedenkorte werden somit vielfach zu steinernen, metallenen oder in Beton gegossenen Floskeln. So auch der geplante Gedenkort an der EZB auf dem Gelände der ehemaligen Frankfurter Großmarkthalle.

Die Frankfurter Großmarkthalle war lange ein wichtiger Bestandteil der städtischen Infrastruktur. Die gute Verkehrsanbindung zur Versorgung der Stadt diente ab 1941 aber auch für die Deportation von mehr als 10.000 jüdischen Bürger_innen Frankfurts. Weshalb Initiativen dort in den letzten Jahren die Einrichtung eines Gedenkortes forderten. Nun wird auf dem Gelände das neue Gebäude der EZB errichtet, womit größere Umstrukturierungen des ganzen Stadtteils einhergehen. Dabei soll auch ein Gedenkort geschaffen werden.

Einerseits soll das in Form eines Denkmals in der geplanten Parkanlage um das Gebäude erfolgen, ob ein Teil im Keller des Gebäudes zum Gedenkort wird ist unklar, klar ist aber, dass wenn das der Fall ist, dieser nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen betreten werden darf (Anmeldung, Passkontrolle, Kameraüberwachung etc.) Erinnern verkommt hier zur gefälligen Parkdekoration oder wird unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abgeschottet, aber zumindest kann niemand sagen, man würde die Geschichte ignorieren.

Erinnerung als kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte

Dass nationale Geschichtsschreibung mit nationalen Interessen in Einklang gebracht wird, ist kein Argument gegen die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern macht diese aus emanzipatorischer Perspektive nur umso wichtiger.

Es gab besondere gesellschaftliche Bedingungen, die Auschwitz ermöglichten und diese leben verändert und unter anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen in der Gegenwart weiter und prägen die einzelnen Individuen. So bedarf es eines geschichtlichen Bewusstseins als Resultat einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Anstelle floskelhafter Bekenntnisse oder einer Identifikation mit den Opfern im Allgemeinen muss es um die Auseinandersetzung mit dem historisch-gesellschaftlichen und politisch Konkreten gehen. Eine solche Auseinandersetzung wirft Fragen auf, die über das historische Geschehen hinausgehen und Bezüge zur Gegenwart aufzeigen.

Eine Beschäftigung mit der Geschichte beinhaltet daher auch eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Formen der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Bei dieser Auseinandersetzung geht es uns nicht um historische Vergleiche, die weder der Analyse der historischen noch der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse dienlich sind. Eine Gleichsetzung unter dem Banner der wissenschaftlich unhaltbaren Extremismustheorie behindert direkt antifaschistische Initiativen, die – wie der Fall der „NSU“ drastisch zeigt – dringend nötig sind.
Es geht darum, eine Lehre aus der Geschichte zu ziehen und Brüche aber auch Kontinuitäten deutlich zu machen. Eine der wesentlichen Fragen, die sich bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte ergeben, ist die nach Handlungsspielräumen innerhalb einer Gesellschaft, um sich Ungerechtigkeiten und Repression widersetzen zu können.

Eine Lehre, die aus der Geschichte gezogen werden muss, ist die, dass die Nation als per se auf Ausschließung basierende Gesellschaftsform grundsätzlich zu kritisieren ist. Eine sinnvolle auf deren Überwindung zielende Kritik erfordert darüber hinaus aber eine Analyse der konkreten historischen Bedingungen. Dazu gehört es in Bezug auf die historische Auseinandersetzung und das Gedenken auch, genauer hinzusehen, mit welcher Intention diese stattfinden, denn zunehmend steht Erinnerungspolitik im Einklang mit nationalen Interessen.

In den letzten Jahren wurde die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und das Gedenken an dessen Opfer immer häufiger instrumentalisiert – zur Stärkung nationalistischer Diskurse und/oder zur Rechtfertigung aktueller politischer Interventionen (z.B.: Begründung für den Kriegseinsatz deutscher Truppen im Kosovo). Eine kritische Auseinandersetzung ist folglich von staatlicher Seite kaum zu erwarten. Ein Grund, warum Orte kritischer historischer Auseinandersetzung jenseits staatlicher Abhängigkeiten und Einflussnahme besonders wichtig sind.

Gegen nationales Gedenken und Volksgemeinschaft! Gegen eine nationale Inszenierung der Geschichte!

Faites votre jeu!

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Weitere Infos zum europäischen Aktionstag gegen den Kapitalismus »M31«: www.march31.net