Archiv für Dezember 2010

Beitrag über Frankfurt im Fanzine »Maximum RocknRoll« aus San Francisco

Maximum RocknRoll, #331, Dezember 2010 (download pdf)

In der Dezember-Ausgabe des Fanzines »Maximum RocknRoll« aus San Francisco ist in der Rubrik »scene reports« einen Bericht über Frankfurt erschienen. Neben diversen Bands, Labels, Plattenläden, Kneipen und anderen besetzen und/oder selbstverwalteten Projekten finden auch die Initiative »Faites votre jeu!«, die Besetzung des ehemaligen JUZ Bockenheim und das Klapperfeld Erwähnung. Diese interkontinentale Berichterstattung möchten wir euch natürlich nicht vorenthalten. Deshalb hier die entsprechenden Seiten als pdf. Wer das Magazin bestellen möchte findet es auf der Webite von »Maximum RocknRoll«.

Leserbrief

Leserbrief zum Artikel »Schwieriges Gedenken« in der Frankfurter Rundschau vom 3. Dezember 2010 (Link zum Artikel)

Anlass für diesen Leserbrief ist die missverständliche Berichterstattung über die Podiumsdiskussion »Erinnerung wachhalten – Gedenkorte gestalten« am Mittwoch, den 1. Dezember 2010.

Laut des Artikels »Schwieriges Gedenken« vom 3. Dezember 2010 hätten wir als Vertreterinnen der Initiative »Faites votre jeu!«, die sich im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld unter anderem mit dessen Geschichte befasst, gesagt, der Ort interessiere nicht, sondern es gelte nur die richtigen Fragen aufzuwerfen. Das haben wir so weder gesagt noch gemeint.

Schon unsere Arbeit zur Geschichte des Klapperfelds zeigt, dass wir die Auseinandersetzung mit ›konkreten Orten‹ des historischen Geschehens sehr wohl als wichtig erachten. Allerdings halten wir es für unerlässlich, dass sich eben an diesen ›konkreten Orten‹ kritisch mit der Vergangenheit auseinandergesetzt wird. So ist es richtig, wie im Artikel erwähnt wird, dass wir es wichtig finden, die richtigen Fragen aufzuwerfen. Fragen, die über das historische Geschehen hinaus gehen und Bezüge zur Gegenwart aufzeigen.

In diesem Kontext ist auch das Klapperfeld besonders interessant, weil es eine über 100-jährige Geschichte der gesellschaftlichen Ausgrenzung schreibt, die bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Eine Beschäftigung mit dieser Geschichte beinhaltet daher auch eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Formen der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Bei unserer Auseinandersetzung geht es uns nicht um historische Vergleiche, die weder der Analyse der historischen noch der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse dienlich sind. Es geht darum, eine Lehre aus der Geschichte zu ziehen und Brüche aber auch Kontinuitäten deutlich zu machen. Eine der wesentlichen Fragen, die sich bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte ergibt, ist die nach Handlungsspielräumen innerhalb einer Gesellschaft, um sich Ungerechtigkeiten und Repression widersetzen zu können.

Darüber hinaus ist es uns in Bezug auf die historische Auseinandersetzung und das Gedenken besonders wichtig, genauer hinzusehen, mit welcher Intention diese stattfinden, denn zunehmend geschieht beides im Sinne der Nation. Die Nation ist eine per se auf Ausschließung basierende Gesellschaftsform. Eine Lehre, die aus dem Geschichte gezogen werden muss, ist die, dass Nationalismus grundsätzlich zu kritisieren ist. In den letzten Jahren wurde jedoch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und das Gedenken an dessen Opfer immer häufiger instrumentalisiert – zur Stärkung nationalistischer Diskurse und/oder zur Rechtfertigung aktueller politischer Interventionen (z.B.: Begründung für den Kriegseinsatz deutscher Truppen im Kosovo). Eine kritische Auseinandersetzung ist folglich von staatlicher Seite kaum zu erwarten. Ein Grund, warum Orte kritischer historischer Auseinandersetzung jenseits staatlicher Abhängigkeiten und Einflussnahme besonders wichtig sind.

»Faites votre jeu!«

Schwieriges Gedenken

Die Europäische Zentralbank als Ort der Erinnerung an die Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 rückt in immer weitere Ferne. Der Ort scheint seiner historischen Wirkung nun endgültig beraubt.

Frankfurter Rundschau, 03.12.2010 (download pdf)


Architektenskizze für eine Gedenkstätte Großmarkthalle. (Foto: Stadtplanungsamt Frankfurt)

Mag sein, dass man sie gar nicht baut. Je länger diskutiert wird, desto mehr scheint die Errichtung einer Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle in Frage gestellt zu werden. Eine Debatte zum Thema »Gedenkorte (für morgen) gestalten« am Mittwochabend im Haus am Dom hat jedenfalls mehr Zweifel als Überzeugung zutage gebracht.

Der Keller, der zum Sammellager wurde, die (eingelagerten) Eisenbahngleise, auf denen Juden-Transporte gen Osten rumpelten, und das Stellwerk, aus dem die Abfahrt ins Lager gelenkt wurde – diese Erinnerungsstücke gibt es noch. Alle mit dem Bau einer Erinnerungsstätte befassten Architekten nehmen sie als Eckpunkte für ihre Entwürfe. Sie mühen sich ab, die Teile durch die Sicherheitsanlagen der Europäischen Zentralbank hindurch so zusammen zu bringen, »dass sich Bezüge zur Deportation herstellen«, wie Marcus Kaiser vom Kölner Büro »Katzkaiser« in der von den Grünen organisierten Veranstaltung sagte.

Info vor Ort

Und je mehr dazu ausgeführt wurde, je deutlicher war: Das klappt nicht. Schon weil der Sammelkeller künftig nur noch aufgesucht werden kann, wenn die neue Grundstückseigentümerin Europäische Zentralbank Führungen zulässt. Aber auch, weil »vieles verschwunden ist« auf dem Gelände, wie der Berliner Architekt Cyrus Zahiri sagte.

Die Halle ist nur noch ein nacktes Gerippe, die Aura des Authentischen ist dahin. Nikolaus Hirsch, Gedenkstättenbauer und Direktor der Städelschule, hakte ein: Solle sich »an einem Ort etwas manifestieren«, dann müsse »von dem Ort noch etwas da sein«. Der Ort Großmarkthalle, das sei »jetzt einfach die EZB«, »der Ort spricht nicht mehr aus sich heraus«. Und bald stehe ein riesiges Hochhaus da. Der Sozialpsychologe Harald Welzer wunderte sich ohnehin, »dass man diese Räume so auratisiert; mir ist der Keller total egal«.

Möglich, dass man »einen Zipfel braucht, an dem man das Gedenken aufhängen kann«. Weder Taten noch Täter kämen aber nur an einem bestimmten Ort vor; der Prozess von Ausgrenzung und Vernichtung habe alle und alles berührt: »Der Holocaust«, sagte Welzer, »findet in den Küchen statt«. Und das müssten alle erfahren, darüber gelte es zu informieren, stellten am Tisch die jungen Frauen von »Faites votre jeu« heraus, die sich im historischen Klapperfeld um eben dies bemühen.

Der Ort interessiere nicht, es gelte, »die richtigen Fragen aufzuwerfen«, meinte Katharina Rhein. Und für ihre Mitstreiterin Mirja Keller käme am Sitz der EZB doch nur »kameraüberwachtes Gedenken mit gut auswendig gelerntem Betroffenheits-Vokabular« heraus. Was den Architekten Zahiri zum Widerspruch reizte. Auch Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums, hatte Zweifel: »Sobald man weiß, was da passiert ist, verändert sich ein Ort.« Klar sei aber auch ihm: »Das Wissen spielt die Hauptrolle.«

Erinnerungsstätte

Im Keller der Großmarkthalle wurden ab 1941 jüdische Frankfurter eingesperrt, bevor man sie von dort aus mit Güterzügen aus der Stadt deportiert hat. Im NS-Sprachgebrauch war die Rede von »Judenevakuierungen«.

Seit die Händler die Großmarkthalle 2004 geräumt haben, wird aufs Neue die Einrichtung einer Erinnerungsstätte diskutiert. Drei Entwürfe dafür hat eine Jury in diesem Frühjahr ausgesucht.

Diese Architekturbüros überarbeiten jetzt die Vorschläge. Das Hallen-Grundstück wird von der EZB neu bebaut. (clau)

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 19.30 Uhr // Filmvorführung: »Es war ein anderes Leben«

Es war ein anderes Leben als eine Gruppe deutsch-jüdischer Kinder 1939 aus Deutschland entkommen war und in Palästina ankam. Der Dokumentarfilm »Es war ein anderes Leben« (Deutschland 2008, 41 Min.) beschreibt die Geschichte dieser Gruppe anhand der Lebensgeschichten der Einzelnen, die alles zurückließen, was für sie Alltag und Gewohnheit gewesen war und die ihre Familien verloren. Er erzählt von dem neuen anderen Leben, das die Gruppe formte, mit dem die Gruppe das neue Land mitaufbaute.

Die Geschichte führt über das Internat in Nord Talpiot und die Entscheidung, sich der Kibbuzbewegung anzuschliessen, bis hin zur Gründung und zum Aufbau des eigenen Kibbuz: Maagan Michael. Hinter dieser Geschichte kommt das Werk von Recha Freier in den Blick. Recha Freier hatte die Jugend-Alijah gegründet, mit der die Gruppe nach Palästina gekommen war. Diese zionistische Einwanderungsorganisation rettete etwa 10.000 Kinder aus Deutschland.

Die Interviews mit vier Mitgliedern der Gruppe, mit der ehemaligen Madricha/Betreuerin der Gruppe, Elly Freund, und mit der Tochter von Recha Freier, Maayan Landau, lassen die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven lebendig werden. Persönliche Kommentare zu Fotos und Archivmaterialien machen die Vergangenheit vorstellbar. Ausschnitte aus dem täglichen Leben der mittlerweile mehr als 50 Jahre älteren Gruppenmitglieder in ihrem Kibbuz zeigen, wohin das »andere Leben« bis heute geführt hat.

Ein Film von Hans Jan Puchstein und Katinka Zeuner
Anschließende Diskussion mit Hans Jan Puchstein

Veranstaltende: DocView, Fachschaft Erziehungswissenschaften, Faites votre jeu!, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Jugendbegegnungsstätte Anne Frank

Flyer als pdf: download

Sonntag, 5.Dezember 2010, 16 Uhr: »Saugemütlicher auskater_innen Nachmittag«