Archiv für Oktober 2010

Das ehemalige Polizeigefängnis »Klapperfeld« in Frankfurt am Main 1886 – 2003

In der Ausgabe Nr. 157 des GedenkstättenRundbrief ist ein Artikel des Arbeitskreis Geschichte erschienen. Der GedenkstättenRundbrief erscheint sechs Mal im Jahr und wird von der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin herausgegeben.

GedenkstättenRundbrief Nr. 157, Oktober 2010
(download pdf: Einzelseiten | Doppelseiten)

Von Sarah Friedrich, Mirja Keller und Jörg Schmidt

Die Initiative Faites votre jeu! besetzte Anfang August 2008 ein ehemaliges Jugendzentrum in Frankfurt – Bockenheim. Ein selbstverwaltetes Projekt entstand. Obwohl das Projekt gut angenommen wurde hat die Stadt Frankfurt mit der Räumung gedroht. Nach Verhandlungen mit Vertreter_innen der Stadt im Jahr 2009 entschied sich die Initiative das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstrasse 5 als Ausweichqaurtier anzunehmen.

Die Nutzung dieses Gebäudes konnte und kann jedoch nur in Verbindung mit einer kontinuierlichen, kritischen Auseinandersetzung mit der über 115jährigen Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses stattfinden. Ein selbstverwaltetes Projekt entstand und zugleich etablierte sich ein Ort der Erinnerung.
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Gegen die Masse, nicht die Messe

Heute erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel zur »GEGEN BUCH MASSE«. Auch die Initiative »Faites votre jeu!« beteiligt sich seit drei Jahren an der Veranstaltungsreihe, die seit 1996 jährlich parallel zur Frankfurter Buchmesse linken Autor_innen und Verlagen ein Forum für kritische Gedanken bietet. Aus diesem Grund möchten wir euch den Artikel hier nicht vorenthalten:

Gegen die Masse, nicht die Messe

Eine linke Alternative: Seit 15 Jahren findet in Frankfurt zur Buchmessenzeit die »Gegen-Buch-Masse« statt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2010 (download pdf)


Kultur für alle: Auf der »Gegen-Buch-Masse« werden Bücher verliehen, Boris Schöppner liest unentgeltlich. (Fotos: Julia Zimmermann)

Von Nina Belz

Der Mann wirkt verloren. In einer großen, dunklen Halle, vor einem schwarzen Vorhang, sitzt er allein an einem Tisch. Zwei Mikrofone und eine Leselampe behindern seine Sicht auf das Publikum, das etwa ein Drittel der rund 60 Stühle im Saal des selbstverwalteten Zentrums ExZess im Frankfurter Stadtteil Bockenheim besetzt, »Wollt ihr nicht ein bisschen näher rücken?«, fragt er.

Boris Schöppner ist Journalist und Autor. Er wird gleich aus einem Buch lesen, das er nicht selbst geschrieben, aber aus dem Spanischen übersetzt hat: »Patagonia rebelde«, das auf Deutsch »Aufstand in Patagonien« heißt. Der argentinische Historiker und Journalist Osvaldo Bayer hat darin die Arbeiteraufstände im Patagonien der frühen zwanziger Jahre minutiös analysiert und ein Stück Arbeitergeschichte aufgearbeitet.

Das Buch ist auf Deutsch noch nicht erschienen, aber das Thema passt zum argentinischen Ehrengast der diesjährigen Buchmesse – und in die Frankfurter Veranstaltungsreihe »Gegen-Buch-Masse«. »Wir möchten Autoren mit linkem Gedankengut und kleinen Verlagen eine Plattform bieten, die in den riesigen Hallen der Messe untergehen«, sagt Mitveranstalterin Adele Müsser. 22 Veranstaltungen in Frankfurt und-Wiesbaden stehen während der Buchmessenwoche auf dem Programm, viele mit antifaschistischen Themen. »Wir richten uns nicht gegen die Buchmesse«, sagt Müsser und fügt hinzu: »Wir sind auch im Buchmessenkatalog aufgeführt.« Müsser besucht die Messe jeweils auch selbst – und sie weiß genau, wo sie die Verlage findet, die in ihr Programm passen. Dennoch bleibt ihr Eindruck von der Buchmesse der gleiche, der sie und ein paar Kollegen vor 15 Jahren dazu brachte, die ersten Lesungen zu veranstalten: »Zu viel, zu voll.«

Voll ist es auch im Frankfurter Club Voltaire in der Kleinen Hochstraße, einem weiteren Veranstaltungsort der »Gegen-Buch-Masse«. Michael Wilk, Arzt, anarchistischer Autor und Umweltaktivist, liest aus dem Buch »Das Recht auf Faulheit« von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx. Wilk, der einst beim trotzdem-Verlag arbeitete, hat zum Buch ein Vorwort verfasst. »Die wenigsten haben einen Beruf, in dem sie sich selbst verwirklichen können«, sagt er. »Wir verkaufen uns an ein System.« Anerkennendes Nicken. Die Zuhörer sitzen dicht gedrängt an Tischen, auf Treppen, lehnen an den Wänden. Viele haben in der darauffolgenden Diskussion das Bedürfnis, über den Begriff »Arbeit«, ihre Erfahrungen im Arbeitsleben und die politische Situation in Deutschland zu sprechen. Nicht nur das Mikrofon, sondern auch ein brauner Schlapphut macht die Runde. »Es ist uns wichtig, dass die Veranstaltungen kostenlos sind«, sagt Müsser, »denn längst nicht alle können sich Kultur leisten.« Im an das Bockenheimer ExZess angrenzenden »Infoladen« kann man die vorgestellten Bücher deshalb nicht nur kaufen, sondern auch ausleihen. Nur Bayers »Aufstand in Patagonien« muss zuerst noch gedruckt werden.


Weitere Infos zur »GEGEN BUCH MASSE«

Die letzte Lesung im Klapperfeld im Rahmen der diesjährigen »GEGEN BUCH MASSE« findet heute, am Freitag den 8. Oktober um 19.30 Uhr statt: Zu Gast sind Jens Ambacher und Romin Khan die gemeinsam das Buch »Südafrika – Nach der Apartheid: Die Grenzen der Befreiung« bei »Assoziation A« herausgegeben haben. Weitere Infos zu dieser Veranstaltung findet ihr hier.

Infos und Termine zu den Veranstaltungen an anderen Orten in Frankfurt findet ihr auf der Website der »GEGEN BUCH MASSE«: www.gegenbuchmasse.de

Besonders ans Herz legen wollen wir euch abschließend noch die »Lange Lesenacht«, die morgen, am Samstag den 9. Oktober um 19 Uhr im Cafe ExZess (Leipziger Straße 91, 60487 Frankfurt, www.exzess.de.nr) beginnt. Neben dem super leckerem Buffet für wenig Geld gibt es dort sechs Lesungen hinter einander auf die Ohren:
19:30 Uhr: Gustav Landauer: Antipolitik
20:10 Uhr: Briefe aus der Deportation
20:50 Uhr: An der Heimatfront
21:30 Uhr: Woher der Wind weht
22:10 Uhr: Freiheit und Gerechtigkeit
22:50 Uhr: Erinnerungen eines Anarchisten

Weitere Infos zur »Langen Lesennacht« und den dort vorgestellten Titeln findet ihr hier.

Erneut Hausbesetzung in Darmstadt geräumt!

Wie wir hier bereits berichteten (1, 2), wurde im Juni in Darmstadt ein Haus in der Neckarstraße 5 besetzt. Die Besetzung erfolgte mit dem Ziel das leerstehende Haus als Wohnraum und Raum für Kultur und politische Arbeit zu nutzen. Leider musste das Gebäude aufgrund von polizeilicher Repression gegen die neuen Nutzer_innen des Hauses bereits am Tag nach der Besetzung aufgegeben werden. Dadurch haben sich die Darmstädter Besetzer_innen und ihre Unterstützer_innen jedoch nicht entmutigen lassen. So wurde am vorigen Freitag den 25. September in Darmstadt erneut ein Haus besetzt. Auch hier kommen Glückwünsche zu spät. Denn das Haus wurde bereits nach nur einem Tag mit polizeilicher Gewalt geräumt.

Beide Besetzungen gingen bewusst darüber hinaus lediglich Forderungen nach einem bis dato nicht existierenden selbstverwalteten Zentrum in Darmstadt zu formulieren und griffen die Frage nach der Verteilung und Verwaltung von Eigentum wie z.B.: Wohnraum in der Gesellschaft auf. Allein in Darmstadt steht derzeit etwa 10% des Wohnraums, der sich in städtischem Besitz befindet – ungenutzt leer. Dennoch beharrte die Stadtverwaltung gegenüber den Besetzer_innen darauf, dass sich kein Ersatzobjekt für ein besetztes Haus finden liesse.

Praktisch widerlegt wurde die Stadt, welche sich weigerte auf den Sachverhalt des Leerstandes ungenutzten Wohnraums in Darmstadt auf irgendeine Weise einzugehen, durch die Besetzung eines Hauses in der Heidelberger Straße 168 am letzten Freitag. Dieses wurde zuvor zur Unterbringung von Asylbewerber_innen genutzt und stand zuletzt leer. Es befindet sich im Besitz der Stadt Darmstadt.

Diese zeigte sich jedoch wiederholt nicht zu Verhandlungen mit den Besetzer_innen bereit. Sie forderte eine sofortige Räumung des Hauses. Gegen die Besetzer_innen wurden Strafanzeigen erlassen. Am folgenden Nachmittag umstellte ein Großaufgebot der Polizei das Haus in der Heidelberger Straße 168. Die Besetzer_innen beschlossen nicht freiwillig aufzugeben und verbarrikadierten sich im Gebäude. Der Polizei gelang es daraufhin erst nach einigen Stunden in das Haus einzubrechen und das Haus zu räumen. Im und vor dem Haus kam es dabei zu Schikanen und Übergriffen von Seiten der Polizeibeamt_innen auf Besetzer_innen und Unterstützer_innen. Den Besetzer_innen wurde nach ihrer Festnahme im Haus die Hände mit Kabelbindern gefesselt. Insgesamt wurden mehr als 40 Personen von der Polizei in Gewahrsam genommen und über mehrere Stunden lang festgehalten.

Auch dieses Mal haben die Besetzer_innen nicht vor die Räumung und darauf folgenden Repressalien einfach hinzunehmen. Bereits gestern, am 30. September hatten die Besetzer_innen zu einer ersten Demo gegen die Räumung der Hausbesetzung in der Heidelberger Straße 148 aufgerufen. An dieser beteiligten sich etwas mehr als 100 Menschen.

Wir als Initiative ›Faites votre jeu!‹ wollen unseren Darmstädter Freund_innen an dieser Stelle wünschen, dass sie auch nach wiederholten Rückschlägen und verschärfter Repression weiterhin Kraft finden ihren Wunsch nach selbstbestimmt gestaltbaren Räumen zu verwirklichen.

Weiterhin rufen wir dazu auf, die Besetzer_innen auch ganz praktisch zu unterstützen: Wer es gestern nicht zur Demo nach Darmstadt geschafft haben sollte, hat am 16. Oktober noch einmal die Gelegenheit zum Support. Da findet in Darmstadt unter dem Motto »Linke Freiräume erkämpfen & verteidigen – Unsere Solidarität gegen eure Repression!« (Aufruf zur Demonstration und der Kampagne) eine Demonstration für selbstverwaltete Räume in Darmstadt und Bensheim statt. Weitere Infos dazu finden sich auf neckar5.blogsport.de.

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