Archiv für März 2010

Künstler sind ganz gern im Knast

Rettet das »Klapperfeld«

Hessischer Rundfunk, 31.03.2010


Während der »Nacht der Museen« war das Klapperfeld in der Vergangenheit schon Hort für Kultur. (Bild: © picture-alliance/dpa)

Erst wollte die Frankfurter Künstlergruppe »Faites votre jeu« nicht in das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße einziehen, doch dann hat sie mit viel Initiative eine Stätte der Erinnerung geschaffen. Jetzt droht dem Kulturzentrum neues Ungemach.

Die Stadt Frankfurt plant den Abriss des ehemaligen Polizeigefängnisses »Klapperfeld«. Das »Innenstadtkonzept«, das vom Stadtplanungsamt vorgestellt wurde, lässt keinen Raum für Zweifel. Dort heißt es: »Das Untersuchungsgefängnis soll abgebrochen werden und durch einen Neubau ersetzt werden.« Auf dem Grundstück soll ein Büro- und Geschäftshaus entstehen.

Für die Initiative »Faites votre jeu« würde das bedeuten, dass sie schon wieder einmal ein Feld räumen muss und zwar eines, das sie gerade in mühevoller Kleinarbeit bestellt hat. Erst im April 2009 musste die Gruppe das bis dahin genutzte ehemalige Jugendzentrum in Bockenheim verlassen. Zunächst hatten die Künstler wenig Ambitionen, sich ins ehemalige Gefängnis abschieben zu lassen, doch mittlerweile hat der Arbeitskreis sich dem Gebäude nicht nur angenähert, sondern es mit neuem Leben erfüllt.

»Faites votre jeu« fühlt sich übergangen

Seit dem Umzug setzt sich der »Arbeitskreis Geschichte« mit der Historie des alten Gemäuers auseinander. Bereits im August 2009 wurde eine Dauerausstellung eröffnet, deren bisheriger Schwerpunkt die Nutzung des Baus durch die Gestapo während der Zeit des Nationalsozialismus ist. Ergänzt wird die Ausstellung seit kurzem durch die Website www.klapperfeld.de.

Auch hier wird deutlich, dass die Projektgruppe das »Klapperfeld« mittlerweile als langfristige Aufgabe angenommen hat. Umso erstaunter ist man nun über die Pläne der Stadt. »Wir sind sehr verwundert darüber, dass es bisher von Seiten der Stadt wohl niemand für nötig gehalten hat, uns über diese neueren Pläne in Kenntnis zu setzen«, erlärt Imke Kurz, Vertreterin der Initiative.

»Wollen die Abrisspläne nicht hinnehmen«

Auch Maja Koster, Vertreterin des Arbeitskreises Geschichte, kann die Entscheidung der Stadt nicht nachvollziehen. »Nachdem wir damit begonnen haben, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, plant die Stadt den Abriss dieses geschichtsträchtigen Ortes.« Die Initiative will sich dafür einsetzen, dass dieser Teil der Frankfurter Geschichte erhalten bleibt und kündigte ah, die Abrisspläne keinesfalls hinnehmen zu wollen.

Mehr zum Thema
Die Dauerausstellung zur Geschichte des »Klapperfelds«

»Mietvertrag im Klapperfeld gilt«

Bildungsdezernat: Kulturinitiative kann vorerst bleiben

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2010 (download pdf)

Nach der Ankündigung der Kulturinitiative »Faites votre jeu«, das von ihr als Atelier und Ausstellungsfläche genutzte Gefängnis Klapperfeld trotz der Abrisspläne nicht zu verlassen, sieht das Bildungsdezernat vorerst keinen Handlungsbedarf. Wie Rüdiger Niemann, Referent von Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), auf Anfrage sagte, »liegen momentan keine Fakten vor, dass sich an der Nutzung der Räume irgendetwas ändern soll«. Es gebe einen Mietvertrag bis August 2011. Der werde in jedem Fall eingehalten. Sollte das Klapperfeld irgendwann einmal nicht mehr für künstlerische Zwecke genutzt werden können, werde man der Gruppe neue Räume anbieten.

Wie berichtet, wendet sich die Kulturinitiative »Faites votre jeu« gegen die im Entwurf des Innenstadtkonzepts formulierten Pläne für das von ihr genutzte ehemalige Gefängnis an der Klapperfeldstraße. In dem Konzept heißt es, dass das Gebäude abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden solle. »Faites votre jeu« war vor einem Jahr nach einer Besetzung des Jugendzentrums Bockenheim in dem leerstehenden Gefängnis untergebracht worden. Die Bildungsdezernentin hatte sich damals um den Dialog mit den Besetzern bemüht.

Die Initiative hat in dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis ein »selbstverwaltetes Zentrum« eingerichtet und die Geschichte des 1886 errichteten und im »Dritten Reich« von der Gestapo genutzten Gebäudes zum Gegenstand einer Ausstellung gemacht. In unregelmäßigen Abständen finden Vorträge und Diskussionsabende statt.

Die in dem Entwurf zum Innenstadtkonzept formulierten Pläne zur Entwicklung des Justizquartiers in der östlichen Innenstadt haben die Aufmerksamkeit der Gruppe erregt. Die Initiative kündigt Widerstand an: »Wir halten es für unerlässlich, dass dieser Teil der Frankfurter Geschichte erhalten und allen interessierten Menschen zugänglich bleibt. Die Abrisspläne werden wir keinesfalls hinnehmen«, heißt es in einer Mitteilung.

Bei den im Entwurf zum Innenstadtkonzept gesammelten Ideen handelt es sich nicht um konkrete Vorhaben, sondern um grobe und langfristige Planungsziele. Darunter sind Ideen für neue Fußgängerverbindungen und Passagen oder die Gestaltung von Wohnvierteln.

Zwar hat das Stadtplanungsamt eine Reihe von Bürgerveranstaltungen organisiert; über das Konzept wurde zudem ausführlich berichtet. Die Gruppe wirft den Stadtplanern aber dennoch vor, die unmittelbar von den Veränderungen betroffenen Anlieger nicht inforrniert zu haben. Sie kündigt an, die auf eine Bürgerbeteiligung zielenden Themenwerkstätten um Innenstadtkonzept »kritisch zu begleiten«. isk./rsch.

Stadt will linkes Zentrum abreißen

Neues Deutschland, 31.03.2010 (download pdf)

(ND). Die Stadt Frankfurt am Main plant den Abriss des ehemaligen Polizeigefängnisses »Klapperfeld«, das derzeit als selbstverwaltetes Zentrum genutzt wird. Seit April 2009 betreibt die Gruppe »Faites votre jeu!« die Räume, die sie in Eigenleistung renoviert hat. Zusammen mit dem Arbeitskreis Geschichte setzt sie sich mit der Historie des Gebäudes auseinander. Eine Dauerausstellung erinnert an die Nutzung des Gefängnisses durch die Gestapo. »Wir halten es für unerlässlich, dass dieser Teil der Frankfurter Geschichte erhalten und allen interessierten Menschen zugänglich bleibt«, erklärte Maja Koster vom AK Geschichte. »Die Abrisspläne werden wir keinesfalls hinnehmen.«

Artikel und Kommentar in der Frankfurter Rundschau vom 30.03.2010

Künstler im Knast: Die Frankfurter Gruppe Faites votre jeu will den Abriss des ehemaligen Polizeigewahrsams verhindern.

Artikel:
Künstler wollen im Knast bleiben

Die Gruppe Faites votre jeu wehrt sich gegen den Abriss des ehemaligen Polizeigewahrsams

Kommentar:
Das Klapperfeld muss bleiben

Künstler wollen im Knast bleiben

Die Gruppe Faites votre jeu wehrt sich gegen den Abriss des ehemaligen Polizeigewahrsams

Frankfurter Rundschau, 30.03.2010 (download pdf)

Von Anne Lemhöfer

Früher Schauplatz schlimmer Schicksale, heute Kulturzentrum: Das Klapperfeld. (Bild: Monika Müller)
Früher Schauplatz schlimmer Schicksale, heute Kulturzentrum: Das Klapperfeld. (Bild: Monika Müller)

Wahrscheinlich kann man sagen: Sie sind ein bisschen heimisch geworden hier. So heimisch man eben werden kann an einem Ort, der so unwirtlich ist wie das ehemalige Polizeigewahrsam in der Klapperfeldstraße nahe der Konstablerwache. Die unabhängige Künstlerinitiative Faites votre jeu hat sich wahrlich nicht leicht getan, den fahlgelben Klotz zu beziehen.

Nur unter Protest ist die Gruppe vor einem Jahr vom besetzten ehemaligen Jugendzentrum in Bockenheim in das schwer zu heizende Gebäude im Herzen der Innenstadt gewechselt.

Jetzt scheint es allerdings, als ob das Kulturzentrum hinter den dicken Mauern doch nur eine vorläufige Einrichtung bleiben wird. Das Innenstadtkonzept der Frankfurter Stadtplaner sieht vor, das Klapperfeld abzureißen und durch ein Büro- und Geschäftsgebäude zu ersetzen. Das kommt nun ausgerechnet in dem Moment ans Licht, als klar ist: Faites votre jeu hat den Ort, hat die besondere historische Bedeutung des Orts offenbar angenommen – und setzt sich produktiv und in großer Ernsthaftigkeit mit ihm auseinander.

Im August 2009 hat Faites votre jeu den ersten Teil einer Dauerausstellung eröffnet, die auf Infotafeln und in Zeitzeugen-Videos die Verwandlung des düsteren Un-Orts zwischen Zeil und Gericht in verschiedene Schauplätze von Tragödien thematisiert: preußisches Polizeipräsidium von 1886 an, Gestapo-Gefängnis, Polizeigewahrsam für Festgenommene, etwa auf den Studentendemonstrationen der späten 60er Jahre, Abschiebeknast. Bereits im 16. Jahrhundert stand an dieser Stelle ein Pest- und später ein Armen-, Waisen- und Zuchthaus. Eigentlich waren noch viele weitere Ausstellungen geplant.

»Die Auseinandersetzung mit der über 115-jährigen Gefängnisgeschichte begreifen wir als kontinuierlichen Prozess«, sagt Gruppenmitglied Maja Koster. Dieser Prozess sei »integraler Bestandteil unseres Projekts« geworden und auf Dauer angelegt. Maja Koster und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter rekonstruieren ohne Unterlass in mühevoller ehrenamtlicher Arbeit, in langen Gesprächen mit Zeitzeugen und ständig auf der Suche nach Dokumenten die Geschichte des »Klapperfelds« – die trotz der zentralen Lage von Seiten der Stadt bislang nur wenig beleuchtet wurde. „Wir halten es aber für unerlässlich, dass dieser Teil der Frankfurter Geschichte erhalten und allen interessierten Menschen zugänglich bleibt“, sagt Maja Koster. Die Abrisspläne werde Faites votre jeu keinesfalls hinnehmen. Faites votre jeu hat das alte Gefängnis in Eigenregie renoviert, betreibt dort eine Kneipe und lädt zu Filmabenden und Diskussionen ein.

Zeitzeugen online zuhören

Planungsdezernent Edwin Schwarz bestätigt auf Anfrage, dass ein Abriss vorgesehen ist. »Das Grundstück ist aus dem Besitz des Landes Hessen in den Besitz der Stadt übergegangen – für die Stelle ist ein Büro- und Geschäftsgebäude vorgesehen.« Wann das geschehen soll, stehe allerdings noch in den Sternen. »Der Gruppe würden wir in diesem Fall natürlich andere Räume als Alternative anbieten.«

Seit neuestem existiert das Klapperfeld nicht nur als steinerner Schauplatz von Folter, Demütigung und Angst. Sondern auch als virtuelle Erinnerung an Menschen wie Hans Schwert. Schwert wurde von der Gestapo im Klapperfeld misshandelt. Interviews mit ihm und anderen Zeitzeugen aus verschiedenen Epochen kann man sich jetzt online auf der Webseite www.klapperfeld.de anschauen. Kommentar F4

Das Klapperfeld muss bleiben

KOMMENTAR

Frankfurter Rundschau, 30.03.2010 (download pdf)

Von Anne Lemhöfer

Die Künstlerinnen und Künstler von Faites votre jeu haben allen Grund, wütend zu sein. Es ist schwer verständlich, warum die Stadt ihnen erst mit großem Brimborium das ehemalige Polizeigewahrsam in der Klapperfeldstraße als Domizil anbietet – und anderthalb Jahre später verlauten lässt, dessen Abriss zu planen. Die Arbeit der unabhängigen Kulturinitiative scheint den politischen Entscheidungsträgern vor allem eins zu sein: herzlich egal.

Auch das ist schwer verständlich – hat sich die Gruppe doch daran gemacht, in unbezahlter Kleinarbeit die Geschichte des Klapperfelds aufzuarbeiten, das über die Jahrhunderte Gestapo-Knast und Abschiebegefängnis, Polizeigewahrsam und Armenhaus war. Wer sich so um Frankfurt verdient macht, sollte Dank erfahren und nicht rüde herumgestoßen werden. Ja, das Klapperfeld ist hässlich. Genau darum muss es bleiben.

Denn auch die Stadtgeschichte ist teils ziemlich hässlich. Der unheimliche Kasten gehört hierher wie das Goethehaus. Frankfurt braucht sein Klapperfeld. Als Mahnmal. Als Kulturzentrum jenseits der etablierten Institutionen. Und als ein Stück echte Urbanität, der man am Main leider viel zu selten begegnet. F5 (Zum Artikel)

Der Link-Tipp des Tages

Frankfurter Neue Presse (Online), 25.03.2010

Das Haus in der Klapperfeldstraße 5 hat eine bewegte Geschichte. Nun wird die Vergangenheit des ehemaligen Polizeigefängnisses aufgearbeitet: http://www.klapperfeld.de

Pressemitteilung 25.03.2010 ­– Kein Abriss des »Klapperfeldes«! Konzept des Stadtplanungsamtes zur Umstrukturierung der Innenstadt sieht Neubau auf dem Areal des ehemaligen Polizeigefängnisses vor.

Wie bereits mehrfach in der Presse berichtet wurde, plant die Stadt Frankfurt den Abriss des ehemaligen Polizeigefängnisses »Klapperfeld«. Dies manifestiert sich im vom Stadtplanungsamt vorgestellten sogenannten »Innenstadtkonzept«. Dort heißt es auf Seite 29: »Das Untersuchungsgefängnis soll abgebrochen werden und durch einen Neubau ersetzt werden.«

Imke Kurz, eine Vertreterin der Initiative »Faites votre jeu!« – die das »Klapperfeld« seit Ende April 2009 als selbstverwaltetes Zentrum nutzt – sagte dazu: »Wir sind sehr verwundert darüber, dass es bisher von Seiten der Stadt wohl niemand für nötig gehalten hat, uns über diese neueren Pläne in Kenntnis zu setzen.« Sie ergänzte: »Erst im April letzten Jahres mussten wir das bis dahin von uns genutzte ehemalige Jugendzentrum in Bockenheim verlassen und in die Klapperfeldstraße umziehen.«

Seit dem Umzug setzt sich die Initiative bzw. der »Arbeitskreis Geschichte« mit der Historie des Gebäudes auseinander. Die Dauer­ausstellung dazu eröffnete im August 2009, deren bisheriger Schwerpunkt die Nutzung des Baus durch die Gestapo während des Nationalsozialismus ist. Seit kurzem ist diese Auseinandersetzung auch auf der Website klapperfeld.de dokumentiert. Dazu Maja Koster, eine Vertreterin des AK-Geschichte: »Die Auseinandersetzung mit der über 115-jährigen Gefängnisgeschichte begreifen wir als kontinuierlichen Prozess, welcher integraler Bestandteil unseres Projekts geworden ist. Nachdem wir damit begonnen haben, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, die trotz der zentralen Lage in der Frankfurter Innenstadt vorher so gut wie keine Beachtung gefunden hat, plant die Stadt den Abriss dieses geschichtsträchtigen Ortes. Wir halten es für unererlässlich, dass dieser Teil der Frankfurter Geschichte erhalten und allen interessierten Menschen zugänglich bleibt. Die Abrisspläne werden wir keinesfalls hinnehmen.« Neben dieser geschichtspolitischen Auseinandersetzung wurden zahlreiche Räume in Eigenleistung renoviert und seitdem vielfältig genutzt – zum Beispiel als Ateliers, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, Sporträume, Fotolabor, Plenaräume und Proberäume

Zu den angeblichen Mitwirkungsmöglichkeiten, die das Stadtplanungsamt im Rahmen ihrer Kampagne zur Legitimierung des »Innenstadtkonzeptes« einräumt, sagte Imke Kurz abschließend: »Dass jetzt die Stadt im Rahmen sogenannter ›Themenwerkstätten‹ versucht, ihrem Konzept durch vermeintliche Partizipationsmöglichkeiten den Anschein einer demokratischen Legitimation zu verleihen, ist nichts als Schönfärberei. Da augenscheinlich die vom Konzept direkt betroffenen Menschen und Gruppen in diesem weder Erwähnung finden, noch von diesem informiert worden sind, halten wir eine Teilnahme an derlei Veranstaltungen für absolut sinnlos. Nichtsdestotrotz werden wir das gesamte Vorhaben der Stadt ab jetzt kritisch begleiten.«

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