Archiv für Januar 2010

Filmvorführung »Herrenkinder«

Heute, am 29. Januar 2010 sollte bei uns die Filmvorführung »Herrenkinder« mit anschließender Diskussion mit dem Autor und Regisseur Christian Schneider stattfinden. Leider hat uns Christian Schneider heute wegen Krankheit für die Diskussion absagen müssen. Der Film wird trotzdem um 19.30 Uhg gezeigt.

Zum Film:
In den Erziehungsanstalten der Nationalsozialisten (»Napola« genannt) sollte die künftige Elite bzw. der nationalsozialistische Führernachwuchs entstehen. Viele der ehemalige Napola-Schüler haben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, entscheidende Positionen in Wirtschaft, Politik und Kultur inne. Der Dokumentarfilm »Herrenkinder« thematisiert das Leben der Napola-Schüler als Generationsgeschichte. Er zeichnet die Lehrzeit verschiedener Napola-Schüler nach und fragt, was aus den Schülern von damals geworden ist. Aufgezeigt wird,wie sich die Erlebnisse jener Zeit, auf die Erziehung ihrer Kinder auswirkten.

Wie läuft das hier?

Auf unserem Plenum haben wir in den letzten Monaten immer wieder über unser politisches Selbstverständnis diskutiert. Ein Ergebnis dieser Diskussion ist der hier veröffentliche Text mit dem wir unser Projekt und die Art unserer Organisierung darstellen und transparent machen wollen. Gleichzeitig wollen wir damit klarmachen, was in unseren Räumen geht und was mit uns nicht zu machen ist. Dieser Text ersetzt auch die veraltete Selbstdarstellung auf dieser Seite, die sich noch auf die Besetzung des ehemaligen Jugendzentrums in Bockenheim bezogen hatte.

Wie läuft das hier?

Was im Klapperfeld geht, was nicht geht und wer das entscheidet

I. »En garde!« Wir sind ein politisches Projekt.

Wir, der Zusammenschluss »Faites votre jeu!«, haben im August 2008 das frühere Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38 besetzt, um der repressiven Umstrukturierung des städtischen Raums den Versuch eines selbstverwalteten, unkommerziellen Zentrums entgegenzustellen. Im Februar 2009 haben wir uns entschlossen, in das ehemalige Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße 5 umzuziehen (hier: »das Klapperfeld«), das von der Stadt Frankfurt unter dem Druck der breiten Unterstützung für unser Projekt als Ersatzobjekt angeboten worden ist. Innerhalb kurzer Zeit ist das Klapperfeld zum Magneten für viele Menschen geworden, die unser Bedürfnis nach gegenkulturellen Räumen teilen. Es ist auch zum Anlaufpunkt für Menschen geworden, die zur Ausrichtung unseres Projekts keine erkennbare Beziehung haben. Dieser Umstand ist von uns mit verursacht worden, denn bislang haben wir unser politisches Selbstverständnis inhaltlich nicht hinreichend bestimmt und unsere Organisationsstruktur kaum nach außen transparent gemacht. Als ein Ergebnis unserer Auseinandersetzung damit ist dieser Text entstanden.
Wir wissen um das Problem, dass das Verwirklichen von »Freiräumen« und »Selbstbestimmung« unter den Bedingungen von Herrschaftsverhältnissen, die jeden Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchwirken, unvollkommen bleiben muss. Wir sind uns auch den Herausforderungen unserer Entscheidung bewusst, emanzipative Kultur und Politik in einem Gebäude entwickeln zu wollen, das für Unterwerfung, Disziplinierung und Zwang geschaffen und genutzt worden ist. Doch auch im Klapperfeld ist es weiterhin unser Anspruch, auf solidarischer Basis ein Maximum an Selbstbestimmtheit zu verwirklichen. Dieser Anspruch beinhaltet nicht allein ein Maximum an Freiheit von kapitalistischen Verwertungszwängen und staatlicher Macht, sondern insbesondere auch ein Maximum an Freiheit von diskriminierenden Ungleichheits- und Ungleichwertigkeitsideologien bzw. -praktiken.

II. Das Klapperfeld ist ein offener Raum.

Wir sind keine geschlossene Gruppe sondern offen für alle, die den uns zur Verfügung stehenden Raum im oben skizzierten Sinne mitgestalten bzw. bespielen wollen. Realisierbar sind z. B. Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen oder Filmvorführungen. Auch nicht-öffentliche Veranstaltungen sind denkbar, etwa Gruppentreffen oder Workshops. Die längerfristige Nutzung von Räumen durch Kunstproduzent_innen – z. B. als Atelier oder Proberaum – ist momentan allerdings schwierig, da alle infrage kommenden Räume belegt sind.
Für Vorschläge sind wir auf verschiedenen Wegen ansprechbar: Persönlich (z. B. an einem der regelmäßig stattfindenden Barabende), per Post (»Faites votre jeu!« / Klapperfeldstraße 5 / 60313 Frankfurt), telefonisch (0160-95656439) und am liebsten per E-Mail: faitesvotrejeu [ät] yahoo.com. Da uns relativ viele Anfragen erreichen, bitten wir euch, zunächst eine Beschreibung des Vorhabens per E-Mail zu schicken. Wir melden uns, sobald das Plenum (s. u.) besprochen hat, ob sich das Vorhaben im Klapperfeld realisieren lässt, und dann sehen wir weiter. Das dauert im Idealfall wenige Tage, unter Umständen auch zwei Wochen oder länger. Wir haben viel vor und sind keine Dienstleistungsagentur.

III. Das Klapperfeld ist kein Raum der Beliebigkeit.

Wenn ihr das Klapperfeld als aufregende Kulisse für euren nächsten Betriebsausflug nutzen möchtet, schon immer ein stylisches Schuhgeschäft in einer Zelle eröffnen wolltet oder gerne die kommende Jahresversammlung eurer Reservistenkameradschaft hier ausrichten würdet, schreibt uns bitte gar nicht erst. Das Diskutieren von Anfragen für Vorhaben, die im Klapperfeld von vorneherein keinen Sinn machen, geht zu Lasten der Verwirklichung anderer Projekte und blockiert unsere inhaltlichen Auseinandersetzungen.
Die hier verwirklichten Vorhaben sollten in erkennbarer Beziehung zu unserem Projekt stehen. Das schließt Vorhaben aus, die kommerziell orientiert sind, im Klapperfeld nur eine exotische Bühne sehen (»mal was anderes«) oder Menschen ausgrenzen (weil sie z. B. zu wenig Geld haben oder Diskriminierung befürchten müssten). Bitte denkt auch daran, dass die Räume relativ klein und für Veranstaltungen schlecht geeignet sind, die einen massenhaften Andrang erwarten lassen. Auch als Schlafplatz für durchreisende Künstler_innen oder andere Gäste eignet sich das Gebäude leider nicht.
Für Barabende oder andere Veranstaltungen mit Party-Charakter kann das Klapperfeld prinzipiell genutzt werden – besonders gerne dann, wenn die Einnahmen einem solidarischen Zweck zugute kommen. Allerdings kann unseres Erachtens ein Gebäude, in dem Menschen gefoltert und aus dem noch vor wenigen Jahren Flüchtlinge deportiert wurden, nicht einfach eine Party-Location sein. Die Dauerausstellung im Keller ist auch während Barabenden geöffnet, um es Besucher_innen zu ermöglichen, sich mit der Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen. Barabende sollten nicht in einer Weise ausarten, die solche Auseinandersetzungen verunmöglichen würden. Die Grenze dahin können wir selbst nicht sicher bestimmen, wohl aber einige Vorschläge machen, wie Veranstaltungen »beherrschbar« bleiben – z. B. durch den Verzicht auf Hart-Alk, ein relativ frühes Veranstaltungsende oder die Begrenzung der Musiklautstärke. Wer das Klapperfeld für Barabende o. ä. nutzen möchte, sollte diese Aspekte bereits in der Konzeption berücksichtigen. Ihr könnt euch wahrscheinlich denken, was für Events wir hier jedenfalls nicht wollen.
Niemand bekommt Geld dafür, hier zu arbeiten. Erwartet bitte keinen »Service« und schickt uns keine Stellengesuche. Wir wollen generell keine Dienstleistungssituation mit »Betreiber_innen« auf der einen und »Nutzer_innen« auf der anderen Seite entstehen lassen.

IV. Do It Yourself!

Das Klapperfeld ist nicht, das Klapperfeld wird gemacht. Die Entwicklung des Raums ist das – niemals abgeschlossene – Ergebnis der vielfältigen Aktivitäten derer, die ihn nutzen und dadurch lebendig machen. Die Entscheidungen über alle Formen der Nutzung werden auf dem wöchentlichen Plenum getroffen, das allen offen steht, die sich beteiligen möchten. Das Plenum wird von manchen regelmäßig und von manchen eher sporadisch besucht – es gibt weder eine formelle Mitgliedschaft, noch informelle Teilnahmezwänge. Allerdings erwarten wir von Gruppen, die das Klapperfeld regelmäßig nutzen, dass sie Leute ins Plenum schicken, um eine beständige Kommunikation in beide Richtungen zu gewährleisten. Wer im Klapperfeld ein Vorhaben realisiert, kommt zum vorherigen Plenum, um für eventuelle Rückfragen hinsichtlich der Technik o. ä. persönlich ansprechbar zu sein.
Wo Menschen interagieren, entstehen Hierarchien – auch in unserem Plenum. Unsere Organisationsstruktur folgt der Maxime, diese so gering wie möglich zu halten und wo immer möglich abzubauen, was beinhaltet, dass sie transparent und angreifbar gemacht werden. Es gibt keine »Chef_innen«, auch nicht für bestimmte Zuständigkeitsbereiche; die Verantwortlichkeit für einzelne Aufgaben wird regelmäßig weitergegeben. Aus dem Plenum heraus entstehen eigenständige Arbeitsgruppen. Einige von ihnen arbeiten kontinuierlich – etwa der Geschichts-AK, der sich mit der Vergangenheit des Gebäudes auseinandersetzt –, andere werden temporär gebildet, um z. B. einen bestimmten Raum zu gestalten.
Auch abseits des Plenums und der AGen gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Dazu zählt insbesondere der Umsonst-Laden, wo brauchbare Dinge mitgenommen oder abgegeben werden können – ohne Geld und ohne Tausch. Regelmäßig finden gemeinsame Renovierungs- und Putztage statt, die wir am schwarzen Brett im Flur ankündigen.
Unsere Organisationsstruktur ist ein dynamischer Bestandteil unserer Praxis und wird nicht in einem Statut o. ä. münden. Nur eins steht fest: Wir gestalten unsere Organisierung nach der Maßgabe unserer Ziele und Bedürfnisse, nicht nach einem institutionalisierten Korsett.

»Faites votre jeu!«, im Januar 2009

Zeitzeugen gesucht

Frankfurter Rundschau (Print-Ausgabe), 06.01.2010 (download pdf)

Mit ihrem Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte des ehemaligen Polizeigewahrsams in der Klapperfeldstraße geht die Kulturinitiative Faites votre jeu in die nächste Runde. Die Gruppe sucht weitere Zeitzeugen, die erzählen möchten, was ihnen im Klapperfeld widerfuhr, das mal Gewahrsam, Gestapo-Knast und Abschiebegefängnis war. Auch Festgenommene bei Demonstrationen in den 60ern oder gegen die Startbahn West wurden in die Klapperfeldstraße 5 gebracht. Derzeit läuft eine Dauerausstellung zur NS-Geschichte, die Faites votre jeu auf andere Epochen ausweiten will. F6 (zum Artikel) lem

Weitere Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 06.01.2010

Geschichte gesucht
Die Kulturinitiative Faites votre jeu will Zeitzeugen zur Aufbereitung der Vergangenheit im Klapperfeld gewinnen

Gut, dass sie da sind (Leitartikel)

Geschichte gesucht

Die Kulturinitiative Faites votre jeu will Zeitzeugen zur Aufbereitung der Vergangenheit im Klapperfeld gewinnen

Frankfurter Rundschau (Print-Ausgabe), 06.01.2010 (download pdf)

Von Anne Lemhöfer


Kein Ort, um einfach nur Partys zu feiern: Eine Frau im Klapperfeld, in dem einst die Gestapo folterte. (Andreas Arnold)

Hans Schwert zum Beispiel. Er ist heute 102 Jahre alt, und er hat der Gruppe Faites votre jeu seine Erinnerungen erzählt. Es sind schlimme Erinnerungen, so wie es fast immer schlimme Dinge sind, die Menschen zu erzählen haben, die das Klapperfeld als ehemaliges Frankfurter Polizeigewahrsam von innen gesehen haben.

Die unabhängige Kulturinitiative sucht jetzt weitere Menschen, die solche Geschichten erzählen können – Geschichten von Folter, Demütigung, Ausgrenzung und Angst. Hans Schwert war als KPD-Mitglied im August 1936 im Polizeigefängnis inhaftiert und dort in den zwölf Monaten bis zu seiner Verurteil ung vor dem Kasseler Sondergericht – mehrfach verprügelt und misshandelt worden. In der Klapperfeldstraße 5 betrieb die Gestapo ihren Knast.

Trutzburg der Gewalt

Hans Schwert kann man heute, mehr als 70 Jahre später, wieder im Klapperfeld begegnen, in dieser fahlgelben Trutzburg der Gewalt, die jetzt ein alternatives Kulturzentrum ist: Auf einem Video. Aufgenommen haben es Mitglieder von Faites votre jeu, einer unabhängigen Initiative, die nach eigenen Angaben als »Reaktion auf die immer weiter voranschreitende repressive Umgestaltung des städtischen Lebens« gegründet wurde. Neben der geschichtlichen Auseinandersetzung organisieren die Aktivisten im Klapperfeld auch Bar-Abende und Partys.

Schwert selbst sei auf die Gruppe zugekommen, als im März vergangenen Jahres klar wurde, dass sie vom besetzten Jugendzentrum an der Bockenheimer Varrentrappstraße ins Gerichtsviertel würden ausweichen müssen, sagt eine Sprecherin. Auch Jüdinnen und Juden – besonders aus so genannten »Mischehen« – wurden, meist nach Denunziationen, verhaftet und ins Klapperfeld gebracht. Im obersten Stockwerk befand sich im Frühjahr 1943 eine »Judenabteilung«, die ausschließlich der Gestapo unterstand. Die Gefangenen waren dort, so erfährt man in der Ausstellung von Faites votre jeu, in käfigartigen Drahtverhauen untergebracht.

Im August 2009 wurde der erste Teil einer Dauerausstellung eröffnet, die auf Infotafeln und in Zeitzeugen-Videos die Verwandlung des düsteren Un-Orts zwischen Zeil und Gericht in verschiedene Schauplätze von Tragödien thematisiert: preußisches Polizeipräsidium von 1886 an, Gestapo-Gefängnis, Polizeigewahrsam für Festgenommene, etwa auf den Studentendemonstrationen der späten 60er Jahre, Abschiebeknast. Bereits im 16. Jahrhundert stand an dieser Stelle ein Pest- und später ein Armen-, Waisen- und Zuchthaus. »Von vornherein hatten wir klargestellt, dass es für uns unvorstellbar ist, ein Gebäude wie das ehemalige Gefängnis Klapperfeld ohne geschichtspolitische Auseinandersetzung unreflektiert zu nutzen«, sagt Maja Koster von Faites votre jeu. »Wir verstehen unsere Arbeit zur Geschichte jedoch als kontinuierlichen Prozess. Um mehr über die Vergangenheit zu erfahren, hoffen wir nun, weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu finden.« Gesucht werden Menschen aus verschiedenen historischen Zusammenhängen bis zur offiziellen Schließung des Gefängnisses im November 2001: Wer, wie Hans Schwert, in der NS-Zeit festgehalten wurde, kann sich ebenso melden wie Studenten, die 1968 nach einer Demo dorthin abgeführt wurden. Auch Berichte von Demonstranten, die das Klapperfeld nach Protesten gegen die Startbahn West in den 80ern kennenlernten, sind willkommen.

Neben dem Ausstellungsteil zur nationalsozialistischen Epoche will die Gruppe weitere Teile erstellen. Aktuell recherchiert Faites votre jeu zu Ereignissen in der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre hinein, dazu zur Historie des Baus als Abschiebegefängnis. Ein genauer Zeitpunkt für die Weiterentwicklung der Schau steht jedoch noch nicht fest. Eines sei jedoch klar: »Noch in diesem Jahr wird eine Erweiterung der Ausstellung stattfinden«, sagt Maja Koster. Kommentar F4

AUFRUF

Wer der Initiative »Faites votre jeu!« helfen kann, Informationen zu der Geschichte des alten Polizeigefängnisses Klapperfeld zu finden oder etwas über die dortigen Schicksale und Ereignisse berichten möchte, kann Sie sich bei deren Arbeitskreis Geschichte melden – entweder per E-Mail unter geschichte.klapperfeld [ät] yahoo.de oder telefonisch unter 0163 – 9 40 16 83.

Eine ausführliche Dokumentation der Geschichte des Klapperfelds findet sich auf der Website http://faitesvotrejeu.blogsport.de

Geöffnet ist die Ausstellung dienstags von 18.30 Uhr an. Faites votre jeu lädt auch zu Veranstaltungen ein, etwa zur Vorführung des Dokumentarfilms »Herrenkinder« am 29. Januar. lem

Gut, dass sie da sind

LEITARTIKEL

Das Klapperfeld ist ein Teil Frankfurter Identität, nicht anders als die Paulskirche. Das weltoffene, tolerante Reiseführer-Frankfurt ist eben nicht die ganze Geschichte.

Frankfurter Rundschau, 06.01.2010 (download pdf)

Von Anne Lemhöfer

Es ist verständlich, dass die Gruppe Faites votre jeu zuerst nicht ins ehemalige Polizeigewahrsam in der Klapperfeldstraße ziehen wollte, an diesen unheimlichen, klammen Ort.

Das war allerdings nicht der Hauptgrund, weswegen die unabhängige Kulturinitiative im letzten Frühjahr nur unwillig vom besetzten Jugendzentrum in Bockenheim in den innerstädtischen Knast wechselte. Da war die von Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Grüne) angedrohte Räumung, und dann als einziges Alternativangebot der Stadt das Klapperfeld – was man als Pistole-auf-die-Brust-Setzen hatte verstehen können. Und da war die Geschichte des fahlgelben Klotzes als Gestapo-Knast, Abschiebegefängnis und Schauplatz von Ausgrenzung über mehr als ein Jahrhundert. Undankbarkeit wurde Faites votre jeu von Seiten der Stadt vorgeworfen, ob des verhaltenen Begeisterungssturms fürs neue Domizil.

Dieser Vorwurf war Quatsch. Wie sehr, das zeigt sich jetzt. Von „Undankbarkeit“ kann man wohl kaum sprechen, wenn sich eine Gruppe junger Menschen ehrenamtlich und in Eigenregie daran macht, die verdrängte Geschichte eines Orts mitten in Frankfurt zu recherchieren und für alle sichtbar zu machen. Wenn sie Frankfurter einladen, vielleicht nach dem Einkaufen auf der Zeil, vorbeizukommen und etwas über ihre Stadt herauszufinden, das zwar nicht schön, aber wesentlich ist – um sich ein Bild davon zu machen, wo man eigentlich wohnt und wie dort (noch bis vor zehn Jahren) mit Menschen umgegangen wurde, die eben nicht ins Bild passten. Das Klapperfeld ist ein Teil Frankfurter Identität, nicht anders als das pittoreske Holzhausenschlösschen oder die Paulskirche. Das weltoffene, tolerante Reiseführer-Frankfurt, Wiege der Demokratie und Heimat großer Dichter, ist eben nicht die ganze Geschichte.

Faites votre jeu hat die Herausforderung des Ortes angenommen. Gut, dass sie da sind. Dankbarkeit müsste dafür eigentlich die Stadt den jungen Künstlern zollen. Dankbarkeit auch dafür, dass sie die von auswärtigen Besuchern immer als so steril und durchgeplant geschmähte Innenstadt beleben – mit Kultur abseits des Mainstreams und für Menschen, die sich die Oper und teure Theater vielleicht nicht leisten können. Dafür, dass sie klug und kreativ einfach selbst den urbanen Raum bespielen und einen Gegenentwurf schaffen zu etablierten Strukturen, die sie einengend finden.

Orte wie diese Mischung aus Dokumentations- und alternativem Kulturzentrum braucht eine Großstadt dringend. Bezahlbare Räume für unabhängige Kulturschaffende sind in Frankfurt leider Mangelware.

Vielleicht lässt das gute Beispiel von Faites votre jeu Stadt, Vermieter und Ämter ja aufhorchen. F6 (Zum Artikel)

Solidarität mit dem Hausprojekt Liebig 14

Die Initiative »Faites votre jeu!« erklärt sich solidarisch mit dem akut von Räumung bedrohten autonomen Wohn- und Kulturprojekt Liebig 14 in Berlin.

Den von uns unterstützten Aufruf könnt hier als pdf herunterladen oder unter folgender Adresse online lesen: http://wba.blogsport.de/tagx-liebig-14/unterstuetzungs-aufruf/

Weitere Infos zum Kampf um das Hausprojekt in der Liebigstraße 14 findet ihr auf der Website der Kampagne »Wir bleiben alle!« unter http://wba.blogsport.de/tagx-liebig-14/, auf der Website des Projekts auf http://www.wix.com/liebig14/home und auf dem Blog des Projekts auf http://liebig14.blogsport.de/

Keine Räumung von selbstverwalteten, emanzipatorischen Projekten – weder in Berlin noch anderswo! Wir bleiben alle!

»Faites votre jeu!« sucht Zeitzeug_innen zur Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses »Klapperfeld«

Frankfurter Info, 17.12.2009

Nach einer gelungenen Ausstellungseröffnung und weiterer Recherche zur Geschichte des alten Polizeigefängnisses »Klapperfeld« in Frankfurt, sucht die Initiative »Faites votre jeu!« nun weitere Zeitzeug_innen, welche etwas über die Ereignisses im damaligen Gefängnis »Klapperfeld« berichten können.

Dazu Maja Koster: »Von vornherein hatten wir klargestellt, dass es für uns unvorstellbar ist, ein Gebäude wie das ehemalige Gefängnis ›Klapperfeld‹ ohne geschichtspolitische Auseinandersetzung unreflektiert zu nutzen. Dies ist auch der Grund, warum wir die Ergebnisse unserer Arbeit in Form einer Dauerausstellung vorstellen. Wir verstehen unsere Arbeit zur Geschichte des ›Klapperfeldes‹ jedoch als kontinuierlichen Prozess. Um mehr über die Vergangenheit des Gefängnisses heraus finden zu können, hoffen wir nun Zeitzeug_innen zu finden, welche uns von dortigen Ereignissen berichten können. Es ist uns wichtig nicht nur die Ereignisgeschichte durch Dokumente darzustellen, sondern auch die Erlebnisberichte einzelner Menschen aufzuzeigen und so der sozialen Wirklichkeit, eingebettet in den gesellschaftlichen Kontext, mehr Raum zu geben.«

Bereits bevor die Initiative der Nutzung des alten Polizeigefängnisses zugestimmt hatte, machte sie mehrfach deutlich, dass es für sie Grundvoraussetzung ist, sich eingehend mit dem Bau und seiner über hundertjährigen Geschichte zu beschäftigen. Der heutige Standort des »Klapperfeldes« war schon lange Zeit Ort der Ausgrenzung.

Bereits im 16. Jahrhundert befand sich dort ein Pest- und später ein Armen-, Waisen- und Zuchthaus. 1886 wurde an dieser Stelle das Gefängnis zusammen mit dem inzwischen nicht mehr existierenden Polizeipräsidium fertiggestellt. Ab 1933 diente das Gefängnis in der Klapperfeldstraße der Frankfurter Gestapo zur Inhaftierung und Folter. Trotz dieser Nutzung durch die Gestapo wurde das Gefängnis auch nach 1945 als solches genutzt. Insbesondere während der Studierendenproteste der 60er Jahre gewann das Gefängnis für den staatlichen Repressionsapparat aufgrund der hohen Zahl von Verhaftungen an Bedeutung. Auch bei anderen Demonstrationen wurden zahlreiche Demonstrant_innen in vorübergehenden Gewahrsam genommen, wie z.B. bei den Protesten gegen die Startbahn West. In den letzten Jahren der Nutzung diente das Gebäude vor allem als Abschiebegefängnis.

Ein Programm in einem solchen Gebäude zu gestalten, ohne kritische geschichtspolitische Auseinandersetzung zu nutzen, ist für die Initiative unvorstellbar.

Persönlichen Erfahrungen oder Dokumenten wie Briefe, Tagebucheinträge oder Fotografien, in Bezug auf die verschiedenen Zeitperioden des alten Gefängnisses »Klapperfeld«, sollen dabei helfen die Geschichte und die verschiedenen Ereignisse, welche dort stattgefunden haben, zu rekonstruieren.

Maja Koster argumentiert: »Ohne Zeitzeug_innen kann keine Geschichte und keine soziale Wirklichkeit rekonstruiert und dargestellt werden. Es ist uns sehr wichtig persönliche Erfahrungen in Bezug auf das ›Klapperfeld‹ zu skizzieren, um so die Geschichte des alten Gefängnisses im gesellschaftlichen Kontext besser darstellen zu können.«

Wenn Sie der Initiative »Faites votre jeu!« helfen können, Informationen zu der Geschichte des alten Polizeigefängnisses »Klapperfeld« zu finden oder etwas über die dortigen Schicksale und Ereignisse berichten können, melden Sie sich bitte bei dem Arbeitskreis Geschichte der Initiative »faites votre jeu!« unter: geschichte.klapperfeld@yahoo.de oder unter der Telefonnummer: 0163-9401683.