Archiv für Juni 2009

Pressemitteilung 28.06.2009 ­– Juli-Programm von »Faites votre jeu!« / Veranstaltungen des Arbeitskreises Geschichte

Nachdem »Faites votre jeu!« Ende April vom einstigen Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38 in das ehemalige Gefängnis in der Klapperfeldstraße 5 umgezogen ist, beginnt am 1. Juli endlich wieder das regelmäßige Programm der Initiative.

Seit dem Umzug ist zur ursprünglichen Arbeit von »Faites votre jeu!« ein neuer Schwerpunkt hinzugekommen. Dazu Imke Kurz, eine Vertreterin der Initiative: »Schon vor dem Umzug hatten wir klargestellt, dass wir unser ursprüngliches Programm ohne kritische geschichtspolitische Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Gefängnis – in dem die Gestapo während des Nationalsozialismus gefoltert und gemordet hatte und das noch bis vor wenigen Jahren zur Inhaftierung von Abschiebehäftlingen genutzt wurde – nicht fortsetzen werden.«

Deshalb startet das Programm am 1. Juli mit einer Veranstaltung, auf der der Arbeitskreis (AK) Geschichte der Initiative die ersten Ergebnisse seiner Arbeit präsentiert. Neben den Auszügen aus Zeitzeugengesprächen mit dem damaligen KPD-Mitglied Hans Schwert – der von der Gestapo zwischen August 1937 und August 1938 im Klapperfeld inhaftiert und gefoltert worden war – und dem Edelweißpiraten Wolfgang Breckheimer – dessen jüdische Mutter erst ins Klapperfeld gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert worden ist, wo sie am 26. Juli 1943 ermordet wurde – sollen auch die Arbeit und die Ziele des AK-Geschichte erläutert werden.

Schwerpunkt der Arbeit des AK-Geschichte ist zur Zeit die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Gebäudes. Dennoch sollen im Laufe der Zeit auch den anderen Teilen der Geschichte ausreichend Raum gegeben werden. Dazu Kim Wellner aus dem AK-Geschichte: »Neben der Präsentation unserer ersten Ergebnisse startet am 6. Juli auch unsere Veranstaltungsreihe, mit der wir die geschichtspolitische Auseinandersetzung auf verschiedenen Ebenen fördern, aber auch die grundlegenden Fragen über die Bedeutung und Funktion der Institution Gefängnis in unserer Gesellschaft behandeln wollen.«

Am 6. Juli wird Jun. Prof. Dr. Bernd Belina vom Institut für Humangeographie der Goethe-Universität unter dem Titel »Räume des strafenden Staates – Gefängnis, Grenze, Stadt« einen Vortrag zu verschiedenen staatlichen Raumproduktionen im Feld »Sicherheit & Ordnung« zum Zweck der Regierung von Bevölkerung halten. Am Mittwoch, den 15. Juli wird Prof. Dr. Micha Brumlik vom Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität zur »Bedeutung der Biographieforschung für die Gedenkstättenpädagogik« referieren. In der Veranstaltung wird es um Fragen des Umgangs mit biografischen Interviews und deren Verwendung in der pädagogischen Vermittlung von Geschichte gehen. Am 20. Juli soll beispielhaft das Interview mit dem KZ Buna/Monowitz-Überlebenden David Salz gezeigt und besprochen werden, das im Rahmen der Erstellung des Wollheim-Memorials entstanden ist. Das Wollheim-Memorial selbst befindet sich auf dem IG-Farben Campus der Frankfurter Universität und verbindet das Gedenken an die Opfer von Buna/Monowitz mit der Geschichte ihrer Verfolgung und Entschädigung.

Darüber hinaus eröffnet am 10. August eine Ausstellung des Fördervereins Roma e.V., die anlässlich des 65. Jahrestag der Liquidation des sogenannten »Zigeunerlagers« in Auschwitz, die Ermordung von fast 3.000 Sinti und Roma an diesem Tag thematisiert. Gleichzeitig wird der erste Teil der Dauerausstellung zur Geschichte des Klapperfelds – mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus – eröffnet.

Anhang:
Informationsblatt des AK-Geschichte
Programm Juli 2009

Pressemitteilung als pdf: download

»Faites votre jeu!« – Stand der Dinge

Es ist viel Zeit vergangen und wir haben lange nichts von uns hören lassen. Das heißt aber nicht, dass sich nichts tut. Im Gegenteil: Parallel zu den notwendigen Renovierungsarbeiten findet ein intensiver Diskussionsprozess über die neue Situation, in der sich die Initiative seit dem Umzug ins »Klapperfeld« befindet, statt. Selbstverständlich beziehen wir dabei auch die Erfahrungen aus unserer Zeit in der Varrentrappstrasse mit ein.

Diese Entwicklung hat sich bereits vor dem Umzug abgezeichnet, spätestens mit Beginn der Verhandlungen um das Ersatzobjekt.

In der bürgerlichen Öffentlichkeit wurde dieser für uns selbstverständliche Prozess als »Selbstfindungsproblem« abgetan. Dass gerade aber kritische Reflexion und Selbstreflexion zu den Stärken unserer Strukturen zählen und wir uns dafür soviel Zeit nehmen wie wir brauchen, soll hier noch einmal betont werden.

Wie ist denn nun aber der Stand der Dinge?

Leider ziehen sich die Renovierungsarbeiten hin, was vor allem daran liegt, dass die von der Stadt zugesicherten grundsätzlichen Umbaumaßnahmen verzögert werden. Das führt wiederum dazu, dass wir immer noch nicht in jedem Raum Strom haben.

Offensichtlich waren wir doch ein wenig zu entgegenkommend gegenüber der Stadt. Wir sind schon vor dem vereinbarten Termin aus dem alten JUZ Bockenheim raus, in der Annahme das Ersatzobjekt wäre bezugsfertig, so wie es uns die Stadt zugesichert hatte.

Doch trotz dieser Schwierigkeiten wird im »Klapperfeld« fast täglich weiterrenoviert.

Erfreulich ist, dass sich sehr viele neue Leute dabei engagieren. »Faites votre jeu!« ist und bleibt auch nach dem Umzug ins »Klapperfeld« ein Magnet für Menschen, die Bock auf eine progressive Atmosphäre haben. Dass stärkt unsere Handlungsfähigkeit und ist Zeichen dafür, wie wichtig und nötig selbstverwaltete Räume sind.

So werden wir trotz des erkennbaren Versuchs von Seiten der Stadt die Initiative »Faites votre jeu!« in ein institutionalisiertes Korsett zu zwingen, mit unseren selbstbestimmten Strukturen die Aufgabe bewältigen, das ehemalige Gefängnis in unserem Interesse zu gestalten, um dort in den nächsten Jahren dann genau das zu tun, was wir für richtig halten.

Keine Sorge also, die Renovierungsarbeiten werden im Laufe der nächsten Wochen voranschreiten, so dass wir bereits im ganzen Juli Veranstaltungen durchführen werden.

Vor allem bei der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Bedeutung des ehemaligen Gefängnisses zeigen sich jetzt schon erste Ergebnisse. Diese werden wir am 01. Juli für alle Interessierten präsentieren.

Dabei sollte klar sein, dass wir diese geschichtspolitische Auseinandersetzung nicht für die Stadt oder andere öffentliche Institutionen führen. Die von dieser Seite versäumte Aufarbeitung holen wir nicht einfach nach! Unser Anspruch ist es, keine Alibi-Funktion zu übernehmen, sondern den Opfern des Nationalsozialismus Raum zu geben. Wir sind in keinerlei Bringschuld nach außen, was unseren politischen oder kulturellen Output angeht, außer gegenüber den Menschen, die genau an diesem Ort manifestierter staatlicher Repression gelitten haben.

An dieser Stelle halten wir noch einmal fest, dass wir als Initiative eigentlich einen anderen Schwerpunkt gewählt hatten, als wir uns im August letzten Jahres das leerstehende alte JUZ Bockenheim aneigneten. Dass wir nun ausgerechnet in einem alten Knast unsere Vorstellungen von Selbstorganisation in die Tat umsetzen, erschwert unsere Arbeit. Auf der anderen Seite sehen wir den eigentlichen Charakter unserer Initiative in ihrem Handeln, weniger durch den Ort repräsentiert.

Wir haben weiterhin den Anspruch emanzipatorische Politik, kritische Bildung und kritische Kunst abseits von bürgerlichen Maßstäben zu machen. Weder Stadt, Medien oder Parteien haben etwas von uns zu erwarten, noch etwas zu fordern.

Kommt also vorbei und beteiligt euch!

Räume aneignen – selbstbestimmt denken und handeln!

Neue Farbe für den Knast

Initiative renoviert und plant Ausstellungen

Frankfurter Rundschau, 07.02.2009 (download pdf)

Von Georg Leppert

Der Briefkopf ist geändert. „Faites votre jeu, Klapperfeldstraße 5, 60313 Frankfurt“, steht auf allen Schreiben, die die Kunst und Kulturinitiative in diesen Tagen verschickt. Doch vollständig eingerichtet ist das ehemalige Gefängnis an der Klapperfeldstraße, seit Ende April neues Domizil von „Faites votre jeu“, noch längst nicht. Die Renovierungsarbeiten in dem Gebäude, das sieben Jahre lang nicht genutzt wurde, laufen auf Hochtouren.

Dennoch laden die jungen Künstler und Kulturschaffenden bereits zu ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung ein. Am Mittwoch, 1. Juli, 20 Uhr, will die Gruppe im Klapperfeld die ersten Ergebnisse „unserer geschichtspolitischen Auseinandersetzung mit dem Gebäude“ vorstellen, sagt Imke Kurz, Sprecherin von „Faites votre jeu“.

Für die Gruppe sei es ausgeschlossen, „unser ursprüngliches Programm ohne kritische geschichtspolitische Auseinandersetzung in einem Gebäude fortzusetzen, indem die Gestapo gefoltert und gemordet hatte und das noch bis vor wenigen Jahren zur Inhaftierung von Abschiebehäftlingen genutzt wurde“, sagt Kurz. Am 10. August will die Initiative im Klapperfeld eine Ausstellung über die Geschichte des Gefängnisses eröffnen. Ebenfalls vom 10. August an soll eine weitere Ausstellung im Klapperfeld zu sehen sein. „Faites votre jeu“ stellt einige Räume dem Förderverein Roma zur Verfügung. Die Schau thematisiert die Ermordung von Sinti und Roma in Auschwitz.

Kritik an Hübner

Die Pläne von „Faites votre jeu“ waren unlängst auch Thema im Stadtparlament. Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne) verhehlte nicht, dass sie die Ideen der Gruppe für sinnvoll hält. Sie hatte der Initiative das Klapperfeld vermittelt. Zuvor hatten die Künstler ein halbes Jahr lang das frühere Jugendzentrum in Bockenheim besetzt.

Der BFF-Stadtverordnete Wolfgang Hübner forderte Ebeling auf, den Vertrag über die Nutzung des Klapperfeldes rückgängig zu machen. Seiner Einschätzung nach sind die jungen Leute dem „linksextremen Milieu“ zuzuordnen. Imke Kurz erklärte dazu: „Dass Wolfgang Hübner, der immer wieder durch rechtspopulistische und geschichtsrevisionistische Äußerungen und Veranstaltungen in Erscheinung tritt, unsere Initiative und unsere Arbeit ein Dorn im Auge ist, ist kaum verwunderlich.“

Freitag, 19. Juni 2009 // 23.00 Uhr // ExZess // »Faites votre jeu!«-Soliparty

»Faites votre jeu!«-Soliparty

Freitag, 19.06.2009 | 23 Uhr

ExZess
Leipziger Str. 91, 60487 Frankfurt

bO iRION (Kaliber 7 | Green empire)
Horst Hüh (Faites votre jeu!)
Robyn Stager & Ben-Jamin (is it sick)

Pressemitteilung 11.06.2009 – Neues von »Faites votre jeu!«

Die Initiative »Faites votre jeu!« ist am letzten Aprilwochenende diesen Jahres schon vor dem mit städtischen Vertreter_innen vereinbarten Zeitpunkt von der Varrentrappstraße in das ehemalige Gefängnis in der Klapperfeldstraße 5 umgezogen. Die Initiative zeigt sich erfreut über die zahlreichen Nachfragen und das öffentliche Interesse an ihrer Arbeit. Dazu Imke Kurz, eine Vertreterin der Initiative: »Das nach wie vor breite Interesse an unserem Projekt zeigt uns noch einmal die Notwendigkeit von selbstverwalteten Räumen in denen Menschen möglichst frei von Verwertungszwängen politisch und kulturell arbeiten können.«

Bereits bevor die Initiative dem Umzug zugestimmt hatte, machte sie mehrfach und unmissverständlich deutlich, dass es für sie Grundvoraussetzung ist, sich eingehend mit dem Bau und seiner Geschichte zu beschäftigen. Das ursprüngliche Programm ohne kritische geschichtspolitische Auseinandersetzung in einem Gebäude fortzusetzen, indem die Gestapo gefoltert und gemordet hatte und das noch bis vor wenigen Jahren zur Inhaftierung von Abschiebehäftlingen genutzt wurde, ist ausgeschlossen. Jenseits dieser anspruchsvollen Erweiterung der Arbeit von »Faites votre jeu!« renoviert und gestaltet die Initiative seit dem Umzug Ende April ihre neuen Räume, da das Gebäude bei Bezug absolut ungeeignet für die Fortführung der Aktivitäten war.

Jenseits der eigenen Renovierungsarbeiten hatten städtische Vertreter_innen zugesagt, die nötigsten Grundlagen für die Nutzung der neuen Räumlichkeiten zu schaffen. Dazu Imke Kurz: »Nach ursprünglichen Zusagen hätte die Stadt alle zugesagten Arbeiten im Gebäude bei Einzug abgeschlossen haben sollen. Nach Verzögerungen wurde mit dieser vereinbart, dass die Arbeiten in den folgenden vier Wochen erfolgen sollten. Bisher ist das Ende der Arbeiten aber immer noch nicht in Sicht, was den Start unseres Programms zusätzlich erschwert.«

Trotzdem wird die Initiative am 1. Juli ihr Programm beginnen. Parallel zu den Renovierungsarbeiten wurde die geschichtspolitische Auseinandersetzung kontinuierlich fortgesetzt. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit werden am Mittwoch, den 1. Juli um 20 Uhr auf einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Darüber hinaus eröffnet am 10. August eine Ausstellung des Fördervereins Roma e.V., die anlässlich des 65. Jahrestag der Liquidation des sogenannten »Zigeunerlagers« in Auschwitz, die Ermordung von fast 3.000 Sinti und Roma an diesem Tag thematisiert. Gleichzeitig wird der erste Teil der Dauerausstellung zur Geschichte des Klapperfelds – mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus – eröffnet.

Auch wenn die Initiative die haltlosen Unterstellungen Wolfgang Hübners (FW/BFF), in einer Anfrage im Römer vom 4. Juni, eigentlich unkommentiert lassen wollte, stellte Imke Kurz noch einmal unmissverständlich klar: »Dass Wolfgang Hübner, der immer wieder durch rechtspopulistische und geschichtsrevisionistische Äußerungen und Veranstaltungen in Erscheinung tritt, unsere Initiative und unsere Arbeit ein Dorn im Auge ist, ist kaum verwunderlich. Persönlichkeiten wie er machen mehr als deutlich, wie wichtig die kritische Auseinandersetzung und Thematisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit auch heute noch ist.«

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Hausbesetzer im Gestapo-Knast

Auch Orte, aus denen »Freiräume« werden, haben eine nationalsozialistische Vergangenheit, wie zwei Beispiele in Frankfurt am Main und Erfurt zeigen.

Jungle World Nr. 23, 4. Juni 2009 (download pdf)

Von Jerome Seeburger

In Frankfurt am Main gibt man sich humorvoll, wenn es um Hausbesetzungen geht. »Es ist auch ein bisschen witzig, dass man die Besetzer ins Gefängnis bringt«, sagt Michael Damian, der als Referent der Bürgermeisterin Jutta Ebeling von städtischer Seite die Verhandlungen führte, im Gespräch mit der Jungle World. Der Initiative »Faites votres jeu!« (FVJ), die im August 2008 ein ehemaliges Jugendzentrum besetzt hatte, bot die Stadt im Januar einen außergewöhnlichen Ersatz an: das ehemalige Gefängnis Klapperfeldgasse in der Innenstadt. Zwar nahm FVJ das Angebot nur zögerlich an, im April bezog die Initi ative aber die Räumlichkeiten.

In dem Bau aus dem späten 19. Jahrhundert waren noch bis zum Jahr 2001 Menschen inhaftiert. In einem ersten Flugblatt des Geschichtsarbeitskreises (AK) von FVJ heißt es, dass das Gebäude in diesen letzten Jahren vor allem als Abschiebegefängnis benutzt worden sei. Von den Studentenprotesten in den Sechzigern bis zum Widerstand gegen die Startbahn West in den Achtzigern verbrachten auch viele Personen aus der linken Bewegung den Polizeigewahrsam dort. Dagegen ist die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Gestapo in der Klapperfeldgasse Verhöre und Folter ungen durchführte, sehr schlecht dokumentiert, viele wichtige Akten wurden von den Nazis kurz vor Kriegsende vernichtet.

Damian sagt, dies sei ihm, obwohl er sich in der Stadt gut auskenne, vorher nicht bewusst gewesen. Der Jungle World bestätigt Cora*, eine Aktive von FVJ, die Unbedarftheit der städtischen Behörden: »Die waren sehr überrascht, dass wir Bedenken hatten, haben diese heruntergespielt und sind da ziemlich naiv herangegangen.« Eine große Unsicherheit hätte in der Initiative darüber bestanden, wie an einem solchen Ort die bisherige Arbeit fortgesetzt und die historische Auseinandersetzung integriert werden könne. Schnell sei klar gewesen, dass mit dem Umzug in das Gebäude ein anspruchsvoller, neuer Schwerpunkt zur bisherigen Tätigkeit hinzukäme. »Es gab aber auch sehr problematische Debatten darüber, wie viel ›Aufarbeitung‹ man machen müsse, um dort z.B. wieder Partys veranstalten zu können, durch die sich das Projekt finanziert«, wie Jaan*, ein anderer Aktiver, berichtet.

Eines der ersten Ergebnisse der Diskussionen war die Gründung des Geschichtsarbeitskreises, der auf großes Interesse stößt. Da die Verbrechen der Gestapo in der Klapperfeldgasse nicht nur den Vertretern der Stadt unbekannt zu sein scheinen, sondern allgemein in Vergessenheit zu geraten drohen, konzentriert sich die Arbeit des AK zurzeit vor allem darauf. Neben der Archivrecherche konnten bereits zwei Zeitzeugen interviewt werden. Diese Informationen und Interviews sollen im Rahmen einer Dauerausstellung ihren festen Platz im neuen Zentrum bekommen. Eine starke räumliche Trennung zu den anderen Hausbereichen werde es dabei nicht geben, um »der Aus einandersetzung eine beständige Präsenz zu verschaffen«, wie Jaan betont. In Kooperation mit dem Förderverein der Roma wird zusätzlich für diesen Sommer eine erste temporäre Ausstellung zur antiziganistischen Verfolgung im National sozialismus geplant und unabhängig davon eine Veranstaltungsreihe zur Geschichtspolitik vorbereitet.

Mit diesem Angebot wolle man sich auch nicht nur an das von Andreas Blechschmidt in der Jungle World 17/2009 skizzierte »linke Paralleluniversum« wenden, wie Cora versichert. Schon jetzt kämen häufiger interessierte Passanten vorbei, um sich über das Geschehen in der Klapperfeldgasse zu informieren. Auch Jaan sieht in der zentralen Lage eine große Gelegenheit, über die Szenegrenzen hinaus Menschen zu erreichen und eigene Inhalte ins Gespräch zu bringen. Und immerhin war FVJ schon einmal erfolgreich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, als die Initaitive sich durch umfangreiche Pressearbeit und Aktivitäten, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen, viele Sympathien sichern und so den Druck auf die Stadt erhöhen konnte, der Initiative Räume zur Verfügung zu stellen.

Davon zeigt sich auch Michael Damian beeindruckt. Er lobt überdies den Beitrag der Initiative zur Dokumentation der Stadtgeschichte und glaubt, dass dies »im Prinzip der alternativen Kunst und Kultur in Frankfurt zugute« komme. Schließlich habe die städtische Kooperation auch zum Ziel, aus den ehemaligen Besetzern Kulturschaffende zu machen. Ob sich dieser Wunsch erfüllt und wie wichtig der Stadt die Unterstützung eines solchen Projekts in zweieinhalb Jahren sein wird, ist ungewiss. Dann läuft der Nutzungsvertrag aus und das Areal wird wahrscheinlich vom Land Hessen zur Erweiterung des Justizdistrikts genutzt.

In Erfurt wurde hingegen schon im November damit begonnen, die restlichen Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der Firma »Topf und Söhne« abzureißen, im April räumten Spezialeinheiten der Polizei den seit 2001 besetzten Teil. Nach der Räumung und dem Abriss blieb fast nichts mehr außer dem früheren Verwaltungsgebäude. Dieses wird von einem privaten Investor zurzeit renoviert, die Stadt möchte darin Etagen anmieten. Dort soll über die Rolle des Ofenherstellers »Topf und Söhne« in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie informiert werden.

Damit würde eine Forderung der ehemaligen Besetzer und des Förderkreises »Geschichtsort Topf und Söhne« erfüllt werden. Pascal* und Marlene* arbeiteten in dem besetzten Haus mit, das Rundgänge auf dem Gelände anbot. »Wir waren oft überrascht, wie viele Leute an den Rundgängen teilnehmen wollten. Das war dann auch ein sehr gemischtes Spektrum: von Schulklassen und Studierenden bis zu älteren Leuten, die zur DDR-Zeit dort gearbeitet hatten«, berichtet Marlene. Die beiden kritisieren aber das Vorgehen der städtischen Vertreter scharf: »Die Stadt hat sich jahrelang gegen einen solchen Ort gesträubt und seiner Errichtung nur unter beständigem Druck nachgegeben.« Bis zur Besetzung wussten nur wenige von der Vergangenheit der Industrieanlage, die in der DDR zum volkseigenen Betrieb wurde, und zumindest von städtischer Seite schien das Interesse nicht sehr groß zu sein, da­ran etwas zu ändern. Doch durch das Engagement der Besetzer und des Förderkreises konnte wenigstens in Erfurt Aufmerksamkeit erregt werden. Darüber, wie lange diese durch den »Geschichtsort« weiter bestehen wird, sind sich Marlene und Pascal unsicher: »Wir befürchten, dass ein langfristiger Erhalt des Geschichtsorts nicht gesichert ist.«

* Name auf Wunsch von der Redaktion geändert

Besetzer_innen jetzt im Knast

Die Initiative “Faites votre jeu!” ist umgezigen.

flur_funk (ein Projekt der Fachschaften 03 und 04, Uni Frankfurt), Jahrgang 01, Ausgabe 04, Juni 2009 (download pdf)

Im August 2008 besetzte die Initiative ‚Faites votre jeu!’ als Reaktion auf die immer weiter voranschreitende repressive Umgestaltung des städtischen Lebens ein seit sieben Jahren leerstehendes, ehemaliges Jugendzentrum in Bockenheim. Nachdem bereits im Januar mit polizeilicher Räumung gedroht wurde, musste die Initiative das Gebäude im April 2009 schließlich verlassen. Die Arbeit der Initiative und deren breite Unterstützung führte aber dazu, dass die Stadt nach langen Verhandlungen das ehemalige Gefängnis ‚Klapperfeld’ als Ersatzobjekt anbot.

Damit hat die Initiative zwar neue Räume in der Innenstadt, allerdings bringt das neue Domizil auch jede Menge Schwierigkeiten mit sich. Es muss unheimlich viel getan werden, um die über 100 Jahre alten Gefängniszellen für die geplanten Projekte nutzbar zu machen. Schließlich soll das vielfältige Programm im Juni wieder starten.

Allerdings stellt die Raumsituation nur einen Teil des Problems dar. Die Entscheidung in das ehemalige Gefängnis zu gehen, war aus verschiedenen Gründen keine leichte. Neben der Tatsache, dass man dem Gebäude seine düstere Vergangenheit anmerkt, war für die Initiative von Anfang an klar, dass sie einen angemessenen Umgang mit der Geschichte finden möchte. Schon allein die Frage, was ein angemessener Umgang ist, ist schwer zu beantworten. Wie geht man mit einem Gebäude um, dass seit 1886 Ort staatlicher Verfolgung und Repression war? Dazu eine Sprecherin der Initiative: „Für uns wurde ziemlich schnell klar, dass die Aufarbeitung der Geschichte des Gefängnisses eine notwendige Bedingung für uns ist, das Gebäude zu nutzen. Es hat sich daher auch schnell ein Arbeitskreis gegründet, der bereits erste Interviews mit Zeitzeugen geführt hat und derzeit an einer Ausstellung arbeitet. Gerade im Nationalsozialismus wurden hier auch viele Widerständige inhaftiert. Der mittlerweile über 100jährige Zeitzeuge Hans Schwert schilderte uns in einen Interview, wie er im Klapperfeld von Gestapobeamten gefoltert wurde.“

Zur historischen Auseinandersetzung ist eine erste Ausstellung für Juni geplant. Damit soll diese Arbeit allerdings nicht aufhören, so sind darüber hinaus Veranstaltungen sowie eine große Dauerausstellung in Planung. Nähere Informationen auch zum weiteren Programm gibt es unter: faitesvotrejeu.tk