Archiv für Januar 2009

Hessenschau – 26.01.2009

Hier ein Beitrag aus der Hessenschau des hessischen Rundfunks vom 26.01.2009. Wieder einmal hat das HR-Fernsehn unter Beweis gestellt, zu welch journalistischen Meisterleitungen das öffentlich-rechtliche Fernsehn in der Lage ist. Trotz einseitiger und tendenziöser Berichterstattung möchten wir euch den Bericht dennoch nicht vorenthalten. Also seht selbst:

Schwarze Zukunft für roten Salon?

Offenbach-Post, 24.01.2009 (download pdf)

Von Kathrin Rosendorff

Streit ums JUZ Bockenheim: Künstlergruppe hat es besetzt, Berufsschule braucht die Räume


Matthias Schneider, Sprecher der Künstlerinitiative „Faites votre jeu“, hofft, dass die Gruppe im JUZ Bockenheim ihr kulturelles Programm fortsetzen kann. Ansonsten haben die Kreativen ja noch vier Quadratmeter Mond geschenkt bekommen.

Frankfurt – „Vorsicht! Frei lebende kreative Menschen!“ steht auf dem Transparent, das an der Fassade hängt. Die Hausnummer 38 ist auf die Wand mit blauer Farbe gesprayt. Ein paar Schritte weiter ist die heruntergekommene Eingangstür. Dort hängt ein handschriftliches Schild: „Bitte klopfen“. „Die Klingel ist noch provisorisch“, erklärt eine blonde Studentin mit grasgrüner Jacke, die an diesem Abend vor der Tür darauf wartet, dass endlich jemand aufmacht. „Wir haben das Haus besetzt mit dem Ziel, ein selbst verwaltendes Kulturzentrum zu schaffen“, erklärt sie.

Sie ist Teil der Initiative „Faites votre jeu“, die seit August das ehemalige Jugendzentrum (JUZ) Bockenheim in der Varrentrappstraße 38 besetzt hat. Seitdem gibt es hier ein kulturelles Programm: Vernissagen, politische Vorträge, Konzerte, aber auch Selbstverteidigungskurse und Kochabende. Selbst eine gut besuchte Alternativ-Veranstaltung zur Buchmesse im Oktober fand hier statt. Doch die Fortführung des erfolgreichen Angebots ist ungewiss: Die Stadt Frankfurt will das Gebäude der benachbarten Schule für Bekleidung und Mode zur Verfügung stellen.

Hinter „Faites votre jeu“ stehen nicht nur Studenten der Frankfurter Hochschulen und der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, auch Uniprofessoren von der Städelschule und der Goethe-Uni Frankfurt, oder der Chef-Dramaturg der Frankfurter Oper haben ihre Solidarität erklärt. Über 8 000 Clicks verzeichnet ihre professionell aufgezogene Homepage. Einmal die Woche tagt das 50-köpfige Plenum.

„Wir haben uns bewusst dieses Gebäude ausgesucht.“, erklärt Matthias Schneider, ein junger Mann mit schwarzem Kapuzenpulli und sympathischem Lächeln. Er ist der Sprecher von „Faites votre jeu“ und öffnet die Tür. Die Kulturgruppe hat ihren Namen von der Croupier-Aufforderung: „Machen Sie Ihr Spiel“. Für die Gruppe ist es aber keine Spielerei, sondern Ernst.

„Es fehlen in Frankfurt einfach Räume, in denen Künstler sich frei entfalten können“, erzählt Schneider weiter, der sich als einziger der Gruppe fotografieren lässt – denn die Hausbesetzung wird nicht geduldet. „Ateliers und Ausstellungsräume zu finden und bezahlen zu können, ist fast unmöglich“, sagt der 26-Jährige. Und er betont, dass auch Tradition eine Rolle gespielt hat, genau dieses Haus zu besetzen. Denn 30 Jahre ist es her, da wurde die Varrentrappstraße 38 zum ersten Mal von Studenten beansprucht. Damals endete die Besetzung damit, dass ein selbst verwaltetes Jugendzentrum entstand.

Jetzt sitzt Schneider auf der grünen Couch im „roten Salon“, dem gemütlichsten und am liebevollsten renovierten Raum des vierstöckigen Hauses. Mit roter Wand, Bordüre und Dielenboden. Ein fast Jukebox-großes Radio aus den 50er Jahren hat die Gruppe bei „eBay“ ersteigert und reingestellt.

Mit Blick auf den restaurierten Raum betont Schneider, dass nicht nur Studenten zu „Faites votre jeu“ gehören, sondern auch „ganz normale Arbeiter wie Schreiner und Handwerker“. „Sieben Jahre stand das Gebäude leer, und es war total verwahrlost. Als wir hier einzogen, deutete nichts darauf hin, dass hier jemand auch nur daran denkt, wieder einzuziehen“, sagt er, zieht an seiner Zigarette und zeigt gen Zimmerdecke. „Fenster waren eingeschlagen. Überall waren Löcher in den Decken und Wänden. Kabel hingen raus. Die Wasserleitungen waren angesägt. Und auch die Heizung haben wir repariert.“ Immer noch sind die meisten Räume alles andere als kuschelig, die Flurwände noch von den Vorbesitzern mit Graffiti besprüht. „Wir haben hier so viel Arbeit und Zeit reingesteckt – wir würden gerne bleiben.“

Doch ihr Bleiben ist unerwünscht. Und eigentlich, so hat es Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Grüne), angeordnet, sollte die Künstlergruppe bereits am 15. Januar die Räumlichkeiten verlassen haben. Doch sie sind nicht gegangen und polizeilich geräumt wurde auch noch nicht. Die Stadt hofft noch auf eine friedliche Lösung. An diesem Dienstag trifft sich Ebeling zu einem ersten Gespräch mit den Hausbesetzern.

Denn nebenan auf der Hamburger Allee sitzt die Berufsschule für Bekleidung und Mode, und der hat die Stadt schon 2003 versprochen, dass sie die Räumlichkeiten bekommt. „Für uns ist die ganze Hausbesetzer-Situation tragisch“, sagt Schulleiter Malte Lütjens bedrückt. „Wir sind eine Brennpunkt-Schule. Haben also eine sowieso schon kritische Schulsituation. Uns fehlen Unterrichtsräume. Schüler- und Elterngespräch müssen auf dem Gang stattfinden.“ Nachdem vier Jahre kein Geld in der Stadtkasse für den Umbau da war, kam im Doppelhaushalt 2007 und 2008 endlich die Zusage. „Da haben wir Licht am Ende des Tunnels gesehen – und dann wird das Haus besetzt …“, seufzt Lütjens. 1 200 Schüler und 75 Lehrer zählt die Schule. „Ich hoffe wirklich, dass die Künstler endlich Verständnis zeigen für unsere Schüler, die weniger privilegiert sind als sie selbst, und ihnen die Chance geben, unter guten Bedingungen zu lernen.“ Ein Teil der Verwaltung der Schule soll hier einziehen. Damit gäbe es sieben Klassenräume mehr.

„Wir wussten nicht, dass die Schule die Räumlichkeiten bekommen sollte. Wir sind schon kompromissbereit, aber wir glauben, dass es einfacher wäre, ein Ersatzobjekt für die Schule zu finden, als für uns“, sagt Schneider.

Am Montag demonstrierten 300 Leute auf dem Römerberg für das Weiterbestehen des besetzten JUZ Bockenheim. Das Gespräch mit Ebeling am Dienstag findet nur statt, weil sich Pädagogikprofessor Micha Brumlik von der Goethe-Uni als Mediator angeboten hat. Viele seiner Studenten stehen hinter dem Projekt, und Brumlik pflegt auch einen guten Kontakt mit Bürgermeisterin Ebeling.

Schneider bleibt skeptisch: Zwei Alternativ-Standorte hatte die Stadt der Künstlergruppe bereits angeboten. Das erste war in Rödelheim. und nicht zentral genug. Das zweite, in Sachsenhausen, gehörte der Stadt nicht. Michael Damian, Ebelings Büroleiter, hat aber noch einen dritten Vorschlag parat.

Neben dem roten Salon im Ausstellungsraum bastelt Martin Stiehl vom Offenbacher Asta an der Installation von „The real estate show“. So heißt das Gemeinschaftsprojekt der „Free Class“ von HfG und Städelschule. The „real estate show“ hieß auch die Ausstellung in einem in den 80er Jahren besetzten Haus in New York. Sie hatte dasselbe Ziel Freiräume für Kunst und Kultur schaffen.

Martin Stiehl betont: „Es gibt zu wenig Arbeitsräume an der HfG. Und Ateliers im Rhein-Main-Gebiet zu mieten ist sehr teuer. Hier können wir umsonst ausstellen.“ Sponsor der Schau ist die Ausstellungshalle Portikus. Überhaupt hat „Faites votre jeu“ viele private Sponsoren.

An einer Wand hängt eine Urkunde: „Vier Quadratmeter Mond“. „Die hat uns eine Stundentin geschenkt“, sagt Schneider. Ob „Faites votre jeu“ am Ende da hinziehen muss?


Löcher in der Decke: So sah das Haus in der Varrentrappstraße 38 nach sieben Jahren leerstand aus: Mittlerweile hat „Faites votre jeu“ das Gröbste repariert.

Stadt Frankfurt macht Werbung für »Faites votre jeu!«

Nachdem erst das Journal Frankfurt unsere aktuelle Ausstellung »The Real Estate Show« in die Top 3 der neuen Ausstellungen aufgenommen hat, unterstützt noch auch die Stadt Frankfurt ganz offiziell das selbstverwaltete Kunst- und Kulturzentrum in der Varrentrappstraße 38.

Veranstaltungsort

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Ausstellung

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Und hier gehts direkt auf die Seite der Stadt Frankfurt: www.frankfurt.de

Faites votre jeu! Mehr als nur Besetzung spielen

diskus, 12/2008 (download pdf)

Seit dem 2. August 2008 gibt es neben dem Institut für vergleichende Irrelevanz ein weiteres besetztes Haus in Frankfurt. Das ehemalige Juz in der Varrentrappstraße 38 wurde von der Initiative »Faites votre jeu!« in Betrieb genommen.

Zuvor stand das Gebäude sieben Jahre leer und verfiel zusehends, was gerade angesichts der Mietpreise in Frankfurt mehr als unverständlich ist. Die Initiative selbst begründet die Besetzung wie folgt: »Die Besetzung des ehemaligen JUZ ist als eine Reaktion auf die immer weiter voranschreitende, repressive Umstrukturierung des städtischen lebens zu verstehen. Dem Prozess der Normierung und Kontrolle des urbanen Raumes begegnen wir mit der Spontaneität eines selbstverwalteten Zentrums und bemühen uns so, Brüche in der gesellschaftlichen Totalität aufzuzeigen.« Inwiefern es sich dabei um das Aufzeigen von Brüchen in der gesellschaftlichen Totalität handelt, mögen andere entscheiden, aber zumindest findet seither einiges im Haus statt. Neben regelmäßigen Terminen wie Barabend, Faites votre cuisine, Schüler_innen- Cafe und Filmabenden gibt es 14-tägig wechselnde Ausstellungen, Konzerte, lesungen und Diskussionsveranstaltungen. Die zahlreichen Räume des Hauses bieten darüber hinaus Platz für unterschiedlichste Nutzung, z. B. für ein offenes Atelier, einen Medienraum mit Fotolabor, einen Trainings-, einen Probe- und einen Street Art-Raum.

Der Status des Hauses ist trotz allem nach wie vor prekär. Nach den letzten Verlautbarungen seitens der Stadt muss das Haus am 15. Januar 2009 geräumt sein. Im Zweifelsfall soll das wohl auch mit Gewalt durchgesetzt werden, denn die Strafanzeige gegen die Besetzer_innen ist bisher immer noch nicht zurückgenommen. Angeblich soll das Gebäude Mitte Januar saniert werden, um es der angrenzenden Schule für Mode und Bekleidung zur Verfügung zu stellen, die dort ihre Verwaltung unterbringen möchte. Bisher ist aber höchst unklar, ob es überhaupt schon Ausschreibungen für die geplanten Baumaßnahmen gibt und ob Gelder in ausreichender Höhe bewilligt wurden.

Die Solidarität mit dem Projekt wächst zwar stetig. Dennoch gilt: Äuglein und Öhrchen offen halten und die aktuellen Entwicklungen verfolgen.

JUZ Bockenheim still alive – Das Spiel geht weiter

Swing – autonomes Rhein-Main-Info, Januar/Februar 2009, Nr. 156 (download pdf)

Mit dem Ablauf der Nutzungszusage am 15. Januar 2009, geht das Spiel um das ehemalige JUZ Bockenheim in der Varrentrappstraße 38 in die nächste Runde. Nachdem sich im JUZ viele Leute mit der Initiative „Faites votre jeu!“ engagieren und den Großteil der baulichen Mängel in Eigenregie behoben haben, hat sich ein regelmäßiges Kunst- , Kultur- und Alltagsprogramm entwickelt. Parallel gelang es speziell im Stadtteil und in der Kunstszene der Stadt Frankfurt einen Unterstützerkreis aufzubauen.

Insofern dürften auch die Versuche der zuständigen städtischen Dezernentin für Bildung und Frauen Jutta Ebeling (Grüne), vorläufig eine Räumung ohne Bulleneinsatz zu erreichen, verstanden werden. Würde es sich doch gar nicht gut in der Vita der selbsternannten „Alt 68erin“ machen, ein von großen Teilen der städtischen Kunstszene unterstütztes besetztes JUZ mit massiver Bullengewalt zu räumen.

Am 18. Dezember veranstaltete »Faites votre jeu!«, eine öffentliche Pressekonferenz, bei der sie die Zweigleisigkeit und Unzuverlässigkeit der städtischen VertreterInnen in den Verhandlungen dargestellten. So wurde in der Öffentlichkeit immer versucht den Eindruck zu vermitteln, die Stadt sei ernsthaft bemüht eine Lösung für das Projekt und die NutzerInnen zu finden. Dies ist wohl nicht zuletzt auf den Druck durch die starke Unterstützung von antifaschistischen und linksradikalen Gruppen, über Studierendenvertretungen und Gewerkschaften, bis hin zu kulturellen und künstlerischen Projekten zurückzuführen, und auf die immer breiter werdende Solidarisierung von ProfessorInnen und Lehrbeauftragten der Goethe-Uni und der Kunsthochschulen HfBK Städelschule und HfG Offenbach. Auf der anderen Seite hält die Stadt, die das denkmalgeschützte Gebäude seit über sieben Jahren dem Verfall preisgegeben hat, an der Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch fest.

Die von der Stadt angebotenen Ersatzobjekte dürfen wohl getrost als Farce bezeichnet werden: Das erste, ein Wohnhaus in der Lorscher Straße ist wegen der viel zu kleinen Räume und der dezentralen Lage weder für Ausstellungen noch sonstige öffentliche Veranstaltungen geeignet und war außerdem vorher als günstiger Wohnraum für sozialschwache Familien vorgesehen. Bei dem zweiten Haus in der Paradiesgasse – das durchaus geeignet gewesen wäre – stellte sich heraus, dass es sich gar nicht im Besitz der Stadt Frankfurt befindet und die BesitzerInnen andere Nutzungspläne für das Haus haben.

Den städtischen VertreterInnen muss klar sein: Kampflos werden wir das Haus, in das wir hunderte Arbeitsstunden und private Mittel investiert haben, um es instand zu setzen und das sich dank des vielfältigen Engagements im Stadtteil etabliert hat nicht aufgeben. Die Initiative wird das Gebäude, hat, auch nach dem 15. Januar nicht verlassen.

Bewusst wurde dieses Gebäude besetzt, da es zum einen als Sinnbild der städtischen Politik dient, in der immer weniger Raum für unkommerzielle und selbstverwaltete Projekte zur Verfügung steht, während auf der anderen Seite immer mehr Gebäude leerstehen und nicht genutzt werden. Außerdem bot es ausreichend Platz für die Vielzahl an geplanten Projekten und steht als ehemals besetztes JUZ bereits in der Tradition von Selbstorganisation und emanzipativer, linksradikaler Politik. Ziel ist in den besetzten Räumen langfristig ein selbstverwaltetes Kunst- und Kulturzentrum zu schaffen.

Uneingeladen erschienen war der Schulleiter der angrenzenden Schule für Bekleidung und Mode Malte Lütjens, der in den Räumen lieber ein Verwaltungsgebäude für seine Schule sähe. Schon sein Diskussionsverhalten während der Pressekonferenz diskreditierte seine mehr als schwachen Ausführungen und sorgten dafür, dass sich sogar ein anwesender Pressevertreter zur der Äußerung hinreißen ließ, was für ein Arschloch der Mann sei.

Die Häuser denen die sie nutzen

Nach der Besetzung im August ist ein selbstverwaltetes, unkommerzielles Zentrum entstanden. Es ist zu einem Treffpunkt für Menschen geworden, die hier gemeinsam an Kunst- und Kulturprojekten arbeiten und gibt den Raum für politische Diskussionen und Veranstaltungen.

Das Erdgeschoss bietet ausreichend Platz für Lesungen, Infoveranstaltungen, den dienstäglichen Barabend und den sonntäglichen »Fragwürdigen Filmabend«. Im Sport- und Trainingsraum finden Selbstverteidigungskurse statt und in der eingerichteten Küche gibt es jeden Mittwoch die »Faites votre cuisine!«, bei der es leckeres Essen gegen Spende gibt. Der Vorraum und die zweieinhalb Ausstellungsräume im ersten Stock beherbergten schon in dem knappen halben Jahr sechs Ausstellungen mit circa 40 KünstlerInnen. Im »Roten Salon«, einem mit Liebe zum Detail, klassizistisch eingerichteten Aufenthaltsraum, findet nicht nur Mittwochs die ”autonome Gamble-Night“ statt. Die Bühne im zweiten Stock kann für größere Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Konzerte genutzt werden. Im Jugendantifa-Raum mit Tischkicker findet jeden Mittwoch ab 16 Uhr das SchülerInnen-Cafe statt. Weitere Räume im zweiten und dritten Stockwerk stehen als offene Ateliers zur Verfügung. Der von »Faites votre media!« – einem kritisch, emanzipativen Filmprojekt – eingerichtete Medienraum mit angrenzendem Fotolabor, wird für Bild-, Ton- und Video-Bearbeitung genutzt. Im Keller existieren ein Werkstattraum, ein Umsonstladen und die »Kellerklause«. Ein Bandproberaum wird im Moment eingerichtet.

Neben den regelmäßigen Terminen hat es im letzten halben Jahr bereits zahlreiche Veranstaltungen gegeben. Neben diversen Info- und Diskussionsveranstaltungen (z.B. zur Nachttanzdemo, dem in Erfurt besetzten Haus, dem Anti-Repressions-Kongress) fanden ein Zeitzeugengespräch mit dem Widerstandskämpfer und Antifaschisten Ernesto Kroch und eine Reihe von Autorenlesungen im Rahmen der GegenBuchMasse statt. Außerdem haben nach fast zehn Jahren Pause verschiedene Bands aus Berlin, Argentinien und den USA an dem Ort gespielt, der in den achtziger und neunziger Jahren – auch über Frankfurts Grenzen hinaus – für seine Konzerte berühmt war.

Das Programm im Haus geht jedenfalls schon jetzt selbstbewusst bis in den Februar hinein. Mit der Ausstellung »The Real Estate Show« der Free Class FFM mit Studenten der HfBK Städelschule und HfG Offenbach, die durch Städelschule Portikus e.V. gefördert und seit dem 9. Januar läuft und die Veranstaltungsreihe »Faites votre éducation! – Bildung ist mehr als im Lehrplan steht« – unter anderem mit Marcus Balzereit, Prof. Dr. Micha Brumlik, Prof. Dr. Helga Cremer, Prof. Dr. Verena Kuni, Dr. habil. Benjamin Ortmeyer und Prof. Dr. Birgit Richard – kann es sich auf jeden Fall sehen lassen.

[ffm]Solidemo für besetztes JUZ Bockenheim

de.indymedia.org, 21.01.2009

Ca. 500 Teilnehmer_innen demonstrierten am 19.12.09 in Frankfurt/Main für den Erhalt des seit dem 2. August besetzten und seit dem 15.01. akut räumungsbedrohten selbstverwalteten Projekts der Kunst- und Kulturinitiative faitesvotrejeu.

Los ging es am Römer. Zum Auftakt hielt Mathias Schneider, Sprecher der Initiative „faitesvotrejeu“ einen Redebeitrag zur aktuellen Situation des Hauses und den Verlauf der Verhandlungen mit der Stadt. Aufgrund des hohen öffentlichen Drucks sah sich Bürgermeisterin Jutta Ebeling, ihres Zeichens „Alt-68erin“ und Verfechterin einer Nutzung des JUZ als Verwaltungstrakt (und damit im Zweifelsfall auch einer gewaltsamen Räumung) im Vorfeld der Demo nun doch genötigt nach einem halben Jahr schleppender bis nicht vorhandener Verhandlungen durch Stellvertreter_innen, sich endlich persönlich mit den Besetzer_innen an einen Tisch zu setzen und auf die Gesprächsangebote einzugehen. Vor diesem Hintergrund wirkt der repressive Umgang mit der Initiative und ihren Unterstützer_innen umso skandalöser. Tags zuvor löste ein Aufgebot von BFE-Bullen, welches sich vor dem JUZ positionierte und sich im Verlauf des Mittags noch verstärkte, die Alarmkette aus und wenig später fanden sich über 100 Menschen zur Unterstützung ein. Auch wenn der Einsatz angeblich dazu diente das benachbarte Wahllokal vor „Aktionen der Besetzer zu schützen“, so liegt doch die Vermutung sehr nahe, dass die Gegenseite mit solchen Muskelspielereien ein Szenario inszenieren wollte, um Maßnahmen für die bevorstehende Räumung zu planen.

So waren auch am Montag die Bullen selbst für Frankfurter Verhältnisse mit einem extrem hohen Aufgebot vertreten und gängelten trotz des friedlichen Verlaufs der Demonstration immer wieder die Teilnehmer_innen durch massives durchgehendes Abfilmen der gesamten Demo und ein eng begleitendes Spalier hochgerüsteter BFE-Einheiten.
Da es in Frankfurt in zunehmender Regelmäßigkeit zum Standart gehört, Demonstrationen zu Polizei-Großaufmärschen umzufunktionieren, lies es sich die Demoleitung nicht nehmen den Aufzug nach einer Zwischenkundgebung des AStAs der HfG Offenbach an der Konstablerwach aufgrund der Bullen-Schikanen zu stoppen und sie zum Rückzug aufzufordern. Anfangs geschah dies auch bedingt, doch wenig später nahm man das „unkontrollierbare Potenzial“ oder besser gesagt kleinere Laufeinlagen (!) und vereinzelte Böllerwürfe zum Vorwand die Demo wiederholt aufzuhalten und zu bedrohen. Schließlich gelangte der Zug an der Bockenheimer Warte an, wo die Jugendantifa Frankfurt den abschließenden Redebeitrag hielt. Trotz der sicherlich kritischen Entscheidung, die Demo unter derart repressiven Umständen im Verlauf nicht aufzulösen, bleibt dennoch festzuhalten, dass unter den gegebenen Verhältnissen die eigenen Inhalte selbstbewusst auf die Straße getragen werden konnten und auch im Hinblick auf die Zukunft sich nicht durch das repressive Vorgehen der Bullen hat bevormunden oder
einschüchtern lassen.
Die breite Solidarität gegenüber der Besetzung bestärkt in der Hoffnung, das ehem. JuZ Bockenheim als Freiraum, sowie Kunst- und Kulturprojekt halten zu können.

Haltet euch auf dem Laufenden und seid da, falls Tag X kommt!
Räumung verhindern! Freiräume erkämpfen! Faitesvotrejeu!

Solidarnosc in Bockenheim: Kunststudenten von Städelschule und HfG im JUZ

Journal Frankfurt (Ausgabe 03/09), 23.01.2009 – 05.02.2009 (download pdf)

Bei klirrenden Außentemperaturen zeigt sich, wer sich in seinen vier Wänden gemütlich eingerichtet hat und wen eine alte besetzte Villa in Bockenheim abschreckt. Derlei Befürchtungen sind aber unbegründet. Die Initiative“Faites votre jeux“ hat das vormalige Jugendzentrum (JUZ) wieder hergerichtet: Die Heizung funktioniert sogar, und die Räume in der seit einem halben Jahr besetzten Villa haben einen eleganten Farbanstrich erhalten. Die junge Szene möchte die sanierten Räume für ihre Projekte nutzen. Doch trotz aller Mühen droht dem JUZ das Aus. Die „Free Class FFM“ der Städelschule und Studenten der Hochschule für Gestaltung bespielen daher gemeinsam das JUZ. Dem freiwilligen Zusammenspiel von HfG und HfBK gelingt, was sich in Institutionen oft als schwer erweist. Die Nutzung von Raum ist ein thematischer Faden der Video- und FotocoIIagen. Während Jeronimo Voss‘ Fotoprojektion aufs Nachbarhaus die bizarre Schönheit der sanierten Innenräume raus auf die Straße holt, hat Jackie Tarquinio für einen Spottpreis Land auf dem Mond eigens fürs JUZ erworben. Gleich nach dem Mondflug kommt der amerikanische Traum vom eigenen Reihenhaus. Auf diesem Traum baute die Immobilienkrise in den USA auf. Das Resultat sind leere Reihenhaussiedlungen und Leute, die in Zelten campieren müssen, weil sie die Häuser nicht bezahlen konnten. Marty Kirchners Videocollage dokumentiert die verlassenen Vorstädte bei Los Angeles ebenso wie die Zeltcamps und die Stimmen der Politiker in den Nachrichten. Kirchners Video zeigt die Schicksale und nicht einfach nur fallende Börsenkurse. »Wie das globale Netz zusammenhängt, zeigt „The Real Estate“. Hortense Pisano

„Kreativität statt Leerstand“ ist gefordert

„Faites votre jeu!“ und Stadtteilinitiative Zukunft Bockenheim:

Umschau (Das Blättche), 16.01.2009 (download pdf)


Eine große Resonanz rief der Infostand hervor: Unter dem Motto „Kreativität statt Leerstand“ machten die Initiativen „Faites votre jeu!“ und „Zukunft Bockenheim“ auf sich aufmerksam. Foto: zib

Bockenheim – Eine große Resonanz rief der Infostand in Bockenheim hervor: Unter dem Motto „Kreativität statt Leerstand“ gab es am 10. Januar einen gemeinsamen Infostand der Initiative „Faites votre jeu!“ und der Stadtteilinitiative Zukunft Bockenheim.

Beide Initiativen kritisieren den Leerstand von Gebäuden in Frankfurt und insbesondere in Bockenheim. Mit der Darstellung ihrer Anliegen stießen sie dabei auf großes Interesse und Zustimmung. Die Initiative „Faites votre jeu!“ informierte mit einer kleinen Ausstellung und Informationsmaterial über ihr Projekt. Am 2. August hatte sie das seit sieben Jahren leerstehende und dem Verfall überlassene Haus in der Varrentrappstraße 38 besetzt und dort ein selbstverwaltetes, unkommerzielles Kunst- und Kulturzentrum eingerichtet. Inzwischen wurde die Initiative allerdings von der zuständigen grünen Bildungsdezernentin Jutta Ebeling dazu aufgefordert, das Haus bis zum 15. Januar zu verlassen.

Nora Wildner, Sprecherin der Initiative: „Es liegt in der Verantwortung der Stadt, dass so ein tolles Gebäude so lange leer stand und verfiel. Das Haus wurde inzwischen von zahlreichen Helfer/-innen instand gesetzt und wird vielseitig genutzt. Die Begeisterung, die uns hier heute entgegengebracht wurde, bestärkt uns noch einmal in unserem Entschluss, das Haus nicht zu verlassen und das Zentrum in der Varrentrappstraße weiter zu betreiben.“

Es wurden mehrere hundert Postkarten verteilt, die unterschrieben an die Stadtverordnetenversammlung gesandt werden sollen. Die Unterzeichner fordern damit den Erhalt des Projekts in der Varrentrappstraße. Knapp hundert Karten wurden sofort am Stand unterzeichnet. Weitere wurden zudem in verschiedenen Geschäften in Bockenheim ausgelegt.

Dass die Initiative ihre Räume verlassen soll, wird mit dem Raumbedarf der angrenzenden Schule für Bekleidung und Mode begründet. Allerdings besteht dieser schon seit Jahren und die Stadt hat es versäumt das Gebäude für die Schule nutzbar zu machen, stattdessen hat sie es verfallen lassen. Anette Mönich von der Initiative Zukunft Bockenheim betonte noch einmal, dass es bei über zehn Prozent Leerstand von gewerblichen Räumen möglich sein müsste, adäquate Räumlichkeiten für die Verwaltung der Schule zu finden: „Die Initiative ,Faites votre jeu!’ sollte auf jeden Fall in der Varrentrappstraße bleiben, das Gebäude eignet sich hervorragend für deren Projekte. Räumlichkeiten für die Verwaltung der Schule sind mit Sicherheit in der Nähe zu finden.“

Die offensichtlichen Folgen des Leerstands spüren die Anwohner und Besucher nun schon seit über acht Jahren. Der ehemalige Kaufhof auf der Leipziger Straße, der seit sieben Jahren Baustelle ist, ist zu einem Symbol von negativer Veränderung einer lebendigen Straße geworden. Die Initiative Zukunft Bockenheim wendet sich deshalb jetzt erneut an die OB und die Stadtverordneten. Jutta Schaaf erläuterte: „Falls es nicht gelingen sollte, die Immobilie Kaufhof durch den Eigentümer einer sinnvollen Bewirtschaftung zuzuführen, sollte die Stadt bei einem Gebäude mit so zentraler Bedeutung selbst die Initiative ergreifen. Beispielsweise könnte mit Hilfe der Wirtschaftsförderung der Stadt Frankfurt, in Kooperation mit dem Besitzer durch Einbeziehung des Einzelhandelsverbands und der Organe im Stadtteil eine sinnvolle Bewirtschaftung des Objekts ermöglicht werden.“

Ein weiteres großes Thema ist die Sorge um den Stadtteil, wenn in wenigen Jahren die Goethe-Universität an den neuen Campus umgezogen ist. Anette Mönich sagte dazu: „Die Bewohner_innen sind besorgt, wie sich der Stadtteil entwickelt, wenn die Uni weg ist. Es besteht die Gefahr, dass ockenheim viel von seiner Lebhaftigkeit einbüsst. Das Kunst- und Kulturzentrum in der Varrentrappstraße 38 ist ein Projekt, das man daher nur begrüssen kann. Bockenheim braucht junge kreative Menschen und keinen Stillstand und Leerstand.“

Dabei beruft sich sie Initiative auf die Erfahrung vieler Städte, in denen sich die Anwesenheit und Arbeit von Kreativen sowie deren Förderung sehr vorteilhaft auf die Entwicklung von Stadtteilen ausgewirkt hat. „Kreativität lässt sich aber nicht verordnen, wenn sie da ist, sollte sie begrüsst und gefördert werden. Das sollte die Maxime einer modernen Stadtentwicklung sein. Jetzt hat die Stadt Frankfurt Gelegenheit mit dem Schwung der jungen Kreativen hier Grundlagen für die Etablierung einer jungen Kunstszene in Bockenheim zu legen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine auch wirtschaftlich sinnvolle Entwicklung des Quartiers Bockenheim“, merkte Jutta Schaaf an. zib