Archiv für Januar 2009

Römer bietet Hausbesetzern Gefängnis an

BILD, 28.01.2009 (download pdf)

Von Kolja Gärtner

Es klingt makaber. ist aber in Wirklichkeit ein verlockendes Angebot: Der Römer will die Besetzer des ehemaligen Jugendzentrums (JUZ) Bockenheim in den Knast schicken. Sie sollen das alte Gewahrsam im Klapperfeld nach ihren Vorstellungen nutzen können.

Am 2. August letzten Jahres besetzte die Gruppe „Faites votre jeu!“ das alte JUZ in der Varrentrappstraße. Es stand zuvor, sieben Jahre leer. Die Besetzer veranstalten seither Ausstellungen, Konzerte, Partys, Vorträge.

Die Stadt hat andere Pläne mit der Gründerzeit-Villa. Sie will dort eine Modeschule unterbringen. Zoff, womöglich Krawalle sind programmiert.

Jetzt der Überraschungscoup: Die Besetzer sollen ins Klapperfeld umziehen, Erdgeschoss und Innenhof des alten Gefängnisses nach eigenem Gusto gestalten und nutzen. Dr. Michael Damian, Referent von Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Grüne): „Wir bieten zunächst einen Zwei-Jahres-Vertrag mit Option auf Verlängerung. Für eine symbolische Miete, das heißt die Nutzer sollten sich an den Heizkosten beteiligen.“

Die Besetzer reagierten auf das Angebot aufgeschlossen, wollen in einer Vollversammlung darüber entscheiden. Stimmen sie zu, zieht die Stadt ihre Hausfriedensbruch-Anzeige gegen die Gruppe zurück.

Pressemitteilung 28.01.2009: Bildungsdezernat bietet Ersatzobjekt an – Initiative diskutiert weiteres Vorgehen

Gestern, am 27. Januar, hat die Grüne Bildungsdezernetin Jutta Ebeling und das Dezernat für Bildung und Frauen der Initiative »Faites votre jeu!« ein Ersatzobjekt im ehemaligen Gefängnis »Klapperfeld« angeboten. Um den öffentlichen Druck auf das selbstverwaltete Kunst- und Kulturzentrum in der Varrentrappstraße zu erhöhen, wurden schon am Mittag Pressevertreter_innen der regionalen Medien durch das mögliche Ersatzobjekt geführt.

Nora Wildner, Sprecherin der Initiative, nahm dennoch positiv zur Kenntnis, dass Ebeling – nach nunmehr einem halben Jahr – endlich bereit dazu ist, sich persönlich mit Vertreter_innen der Initiative zu treffen: »Wohl auf Grund des öffentlichen Drucks und der breiten Solidarität signalisiert Frau Ebeling, nicht zuletzt auch wegen des Engagargement von Micha Brumlik, endlich ernsthafte Gesprächgsbereitschaft gegenüber unserer Initiative.«

Trotzdem machte Matthias Schneider deutlich: »Ohne dass mehr Menschen das angebotene Ersatzobjekt besichtigt haben, kann keine Entscheidung darüber getroffen werden, wie wir uns den Fortbestand unseres Zentrums vorstellen. Deshalb nehmen wir das Angebot des Bildungsdezernats einer öffentlichen Begehung des Gebäudes an.«

Nora Wildner ergänzte: »Auch wenn Frau Ebeling endlich die berechtigten Interessen der Initiative anerkennt, so steht einer gütlichen Einigung immer noch die nicht zurückgenommene Strafanzeige gegen die Nutzer_innen des Gebäudes in der Varrentrappstraße 38 entgegen.«

Nachdem die zuvor geführen Verhandlungen mit der Stadt bereichtigte Zweifel daran gelassen haben, wie eine langfristige Lösung für die Inititative »Faites votre jeu« aussehen könnte, erklärte Matthias Schneider abschließend: »Ohne die detailierte Klärung der Konditionen eines etwaigen Ersatzobjekts sehen wir uns zur Zeit nicht in der Lage, eine kurzfristige Entscheidung über die Zukunft unseres selbstverwalteten Kunst- und Kulturzentrums zu treffen.«

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Gefängnis für Hausbesetzer

Juz Bockenheim

Frankfurter Rundschau (www.fr-online.de), 27.01.2009

Von Georg Leppert

Es ist ein ungemütlicher Ort. Eisige Temperaturen herrschen in dem langen Gang im Erdgeschoss des ehemaligen Gefängnisses an der Klapperfeldstraße nahe der Konstablerwache. Es ist diese Art von Kälte, die in die Klamotten kriecht, die man auch noch spürt, wenn man längst wieder im Warmen sitzt. Jahrelang ist kaum einer den Gefängnisflur entlang gegangen, jahrelang lief in dem Gebäudetrakt keine Heizung. Die Füße werden kalt, die Finger klamm. Michael Damian zieht sich seine Handschuhe an.

Die Kälte soll das Problem der Kunst- und Kulturschaffenden von der Initiative „Faites votre jeu“ nicht sein, verspricht Damian, Referent von Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne). Die Stadt will demnächst die Heizung im Klapperfeld sanieren lassen. Vier bis sechs Wochen sollen die Arbeitendauern. Dann können die jungen Leute, die derzeit das ehemalige Jugendzentrum Bockenheim an der Varrentrappstraße besetzt halten, ihr neues Domizil in der Innenstadt beziehen.

Man merkt Damian an, dass er stolz ist auf die Lösung, die sein Dezernat nun gefunden hat. Die Räume seien doch ideal für die Kulturinitiative, sagt er. Knapp 400 Quadratmeter misst das Erdgeschoss, das die Stadt den Künstlern überlassen will. Damit hat „Faites votre jeu“ fast 100 Quadratmeter mehr Platz als im ehemaligen Jugendzentrum. Es gibt rund 20 Gefängniszellen, jede von ihnen etwa fünf mal 1,50 Meter groß. Die Hausbesetzer könnten sie als Ateliers nutzen. Hinzu kommen mehrere größere Räume – etwa Wachräume und Aufenthaltszimmer für die früheren Gefängniswärter – in denen etwa Ausstellungen möglich wären.

Dass auf die jungen Leute im Klapperfeld einiges an Arbeit wartet, ist allerdings unübersehbar. Der Putz bröckelt von den Decken, die schweren Stahltüren sind mit Sprüchen der Gefangenen beschmiert, in vielen Zellen stehen verrostete Pritschen aus Stahl herum, und die Wände müssen dringend gestrichen werden. Neben den vergitterten Fenstern lassen sich im schummerigen Gefängnislicht große dunkle Flecken erkennen. Wie die einst entstanden sind, möchte man lieber gar nicht wissen.

Die Initiative „Faites votre jeu“ habe bei der Gestaltung der Räume weitgehend freie Hand, sagt Damian. Wände einzureißen, könnte zwar etwas problematisch werden. „Ansonsten ist das deren Etage, mit der sie nach Belieben verfahren können“. Zu dem Objekt, das die Stadt der Kulturinitiative anbietet, gehört auch der Gefängnishof, der mit sechs Meter hohen Mauern aus Backstein umgeben ist. Auch ihn dürfen die Künstler uneingeschränkt nutzen, sagt Michael Damian.

Stimmt die Initiative zu, wird das Bildungsdezernat in den nächsten Tagen einen Mietvertrag aufsetzen. Er sieht vor, dass „Faites votre jeu“ für zwei Jahre ins Erdgeschoss des Klapperfeldes in einziehen darf. Zudem besteht eine Option auf eine Verlängerung dieser Regelung – allerdings nur, wenn die Stadt Frankfurt Eigentümerin des Gebäudes bleibt. Nach wie vor gibt es beim Land Überlegungen, das Haus zu kaufen und als Teil eines großes Justizzentrums rund um die Konstablerwache zu nutzen. „Wir wissen nicht, wie ernst es dem Land damit ist“, sagt Damian.

Die Miete, die die Kulturinitiative bezahlen muss, sei „eher symbolischer Natur“, erklärt der Referent. Die Stadt sähe es gerne, wenn sich „Faites votre jeu“ an den Heizkosten beteiligen würde – vorausgesetzt die Gruppe nimmt mit Kneipenabenden, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen etwas Geld ein.

Michael Damian macht keinen Hehl daraus, was er von den Hausbesetzern nun erwartet: Sie sollen das Angebot der Stadt annehmen. Ein besserer Standort sei kaum vorstellbar. Das Bildungsdezernat habe sich auch Räume im Gallus und im Gutleut angeschaut. Dort aber seien Probleme mit den Nachbarn schon abzusehen gewesen, denn die Besetzer seien „nachtaktive Menschen“, wie es Damian formuliert. Rund um das Klapperfeld hingegen wohnt kaum jemand. „Wenn die Initiative diese Lösung nicht akzeptiert, wissen wir auch nicht weiter“, sagt Damian.

So bald die Gruppe das einstige Jugendzentrum Bockenheim, das sie seit Anfang August vorigen Jahres nutzt, verlassen hat, könne dort mit der Sanierung begonnen werden, heißt es von der Stadt. Das ist auch nötig, denn die direkt neben dem Gebäude gelegene Schule für Mode und Bekleidung, der das Haus als Erweiterungsbau zugesagt worden war, braucht die Räume dringend. Im Sommer 2010 soll die Verwaltung der Schule ins ehemalige Jugendzentrum einziehen. In den beiden Hauptgebäuden gäbe es dann Platz für weitere Klassenräume.

Ebeling präsentiert Besetzern Alternative

NACHRICHTEN

Frankfurter Rundschau, 27.01.2009 (download pdf)

In den Streit um das besetzte Haus Varrentrappstraße 38 kommt Bewegung. Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne) wird der Initiative „Faites votre jeu“ am heutigen Dienstag ein Ausweichquartier vorschlagen. Die Kunst- und Kulturschaffenden halten das ehemalige JuZ Bockenheim seit August 2008 besetzt. Vertreter der benachbarten Schule für Mode und Bekleidung haben am Montag betont, dass sie das Gebäude auf alle Fälle nutzen möchten. Die Stadt hatte der Berufsschule das Haus als Erweiterungsbau für die Schulverwaltung zugesagt. Die Raumnot in der Modeschule sei groß, sagte Direktor Malte Lütjens. Auch sei man nicht bereit, in einem anderen Haus im Stadtteil eine Dependance zu beziehen. Die Besetzer sprachen von „Luxusproblemen“ der Schule. F4 (zum Kommentar) / F5 (zum Artikel)

Im Zwiespalt

Modeschule zeigt Solidarität mit Hausbesetzern, beharrt aber auf Ausbauplänen

Frankfurter Rundschau, 27.01.2009 (download pdf)

Von Georg Leppert

Nein, sagt Theresa Beuscher, sie habe nichts gegen die jungen Leute, die seit August das ehemalige Jugendzentrum Bockenheim an der Varrentrappstraße besetzt halten. Die Idee, die Räume als Kunst- und Kulturzentrum zu nutzen, sei „interessant und gut“, sagt die Sprecherin der Schülervertretung (SV) der Frankfurter Schule für Mode- und Bekleidung. Nur seien die Räume im früheren Juz eben ihrer Schule versprochen worden, „und wir brauchen sie wirklich“, betont Beuscher.

Viel ist in den vergangenen Wochen berichtet worden über das besetzte Haus an der Varrentrappstraße – doch so gut wie nie aus der Perspektive der benachbarten Berufsschule. Das findet zumindest Schulleiter Malte Lütjens. So hat er am Montag die Presse in seine Schule gebeten, um klar zu machen, „dass wir uns nicht gegen die derzeitigen Nutzer ausspielen lassen wollen“, dass aber die Schule auf den Erweiterungsbau angewiesen sei. Unbedingt.

Neun Räume für die Schul-Verwaltung sollen in dem seit sieben Jahren leer stehenen Haus Varrentrappstraße 38 geschaffen werden. Das Gebäude grenzt an den Pausenhof der Modeschule an. In den beiden anderen Bauten der Schule entstünde so Platz für weitere Klassenräume.

Derzeit werde sogar die Aula als Klassenraum genutzt, beklagt SV-Vertreterin Esra Rojda Urun. Kaum eine Klasse habe einen festen Unterrichtsraum. Außerdem könnte in das Hauptgebäude ein Aufzug eingebaut werden, wenn durch den Wegzug der Verwaltung Platz geschaffen wird. „Dann könnten wir die Schule endlich behindertengerecht umbauen lassen“, sagt Schulleiter Lütjens.

Im März 2007 hatte die Stadt Geld für die Sanierung des Gebäudes in den Haushalt eingestellt. Seitdem sei klar gewesen, dass die Schule das einstige Jugendzentrum nutzen soll. Als Datum für den Einzug sei der Sommer 2010 vorgesehen, erklärt Lütjens.

Die Argumentation der Besetzer, für die Schule lasse sich leicht ein anderes Gebäude im Stadtteil finden, können Lütjens und seine Kollegen nicht nachvollziehen. Eine Dependance sei mit großen Nachteilen verbunden, sagt Personalrätin Anne Reich. Die Schule habe bereits eine Zweigstelle in Höchst. Oft müssten die Lehrer hin- und herfahren, dabei gehe viel Zeit verloren, sagt Reich.

Nora Wildner von der Hausbesetzer-Initiative „Faites votre jeu“ hält diese Bedenken hingegen für „Luxusprobleme“. Auch sie habe als Schülerin in mehreren Gebäuden Unterricht gehabt, erinnert sie sich, „und an der Uni muss man oft den Campus wechseln“.

Am heutigen Dienstag treffen sich die Hausbesetzer mit Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne). Als Mediator wird Pädagogik-Professor Micha Brumlik dabei sein. Dabei will Ebeling der Initiative ein anderes Domizil anbieten. „Wir sind gesprächsbereit, erwarten aber eine angemessene Liegenschaft“, sagt Nora Wildner.

Schuldirektor Lütjens betont, die Schule habe an einer gewaltsamen Räumung des Jugendzentrums kein Interesse. Kommentar R4

In der Zwickmühle

KOMMENTAR

Frankfurter Rundschau, 27.01.2009 (download pdf)

Von Georg Leppert

Viele Menschen in dieser Stadt haben in denvergangenen Monaten Sympathien entwickelt für die Hausbesetzer von der Initiative „Faites votre jeu“. Die jungen Leute treten offen auf, sie laden jeden ein, das Gebäude an der Varrentrappstraße zu besuchen, und sie begründen schlüssig, warum sie das Haus besetzt haben: Weil es in Frankfurt so gut wie keinen bezahlbaren Raum für freie Kunst- und Kulturinitiativefrgäbe. Nachvollziehbar sind aber auch die Argumente von Schülern und Lehrern der Modeschule. Sie brauchen die neuen Räume und wollen keine Dependance beziehen, wo ihnen das Haus in der Nachbarschaft doch zugesagt ist.

Eine vertrackte Situation, in der das Bildungsdezernat einen weisen Entschluss getroffen hat: Bei den Verhandlungen wird mit dem Pädagogik-Professor Micha Brurnlik ein erfahrener Mediator dabei sein. Er steht vor einer schwerenAufgabe, denn die Hausbesetzer haben Recht, wenn sie nicht jedes andere Domizil akzeptieren, und die Schule wird ihre Position kaum aufgeben.

Doch so schwierig die Gespräche auch werden dürften – eines müssen sich alle Beteiligten klar machen: Eine Räumung durch die Polizei wäre mit Abstand die schlechteste aller Lösungen. F5 (Zum Artikel)

Hausbesetzer müssen endlich raus

Frankfurter Neue Presse, 27.01.2009 (download pdf)


Nach dem Umbau des ehemaligen JUZ soll die Schulverwaltung einziehen. Foto: Archiv

Bockenheim. Die Stimmung ist angespannt im Tauziehen um die künftige Nutzung des ehemaligen JUZ Bockenheim. Und deshalb sprach Esra Rojda Urun von der Schülervertretung der Frankfurter Schule für Mode und Bekleidung gestern deutliche Worte. Sie machte den Besetzern des ehemaligen JUZ Bockenheim in der Varrentrappstraße 38, bei denen es sich zum Großteil um Studierende handelt, schwere Vorwürfe. «Die Schüler hier haben noch nicht mal eine Grundbasis und sind gerade dabei, sich etwas aufzubauen. Ihr habt einen Schulabschluss. Ich finde das mies, dass ihr euch gegen die Schüler stellt.»

Gemäßigter drückte sich da Theresa Beuscher aus. Sie fühle sich etwas hilflos, erklärte sie. Einerseits finde sie es zwar interessant, was die Mitglieder der Initiative «Faites votre jeux» im ehemaligen JUZ Bockenheim machten. Andererseits engagiere sie sich in der Schülervertretung und habe deshalb vor allem das Wohl der Schule im Blick. Und so appellierte sie an das Gewissen der Hausbesetzer: Nur bei einem Umzug der Verwaltung in die Varrentrappstraße könnten sieben neue Klassenräume entstehen. Diese seien dringend erforderlich, weil die Schule aus allen Nähten platze. Die beengte Raumsituation beeinträchtige aber die Qualität des Unterrichts enorm, sei Auslöser für Stress, Krankheiten, Unzufriedenheit bei Schülern wie Lehrern und Unterrichtsausfall.

Einen Tag vor dem ersten Gespräch zwischen Vertretern der Stadt und den Hausbesetzern heute im Römer hatte die Schulgemeinschaft zur Pressekonferenz geladen, um ihre Sicht darzustellen. Schulleiter Malte Lütjens betonte, dass er auf eine friedliche Lösung hoffe. Er wies aber darauf hin, dass er im Interesse der Schule nicht gewillt sei, sich ausspielen zu lassen. Seine Forderung: Die Hausbesetzer sollen das von der Stadt angebotene Ausweichquartier akzeptieren, die Stadt soll die Räumung durchsetzen und die Position der Schule deutlich machen.

Wie berichtet, vermittelt heute Micha Brumlik, der an der Goethe-Universität Erziehungswissenschaften unterrichtet, zwischen den beiden Parteien. Die Stadt setzt große Hoffnungen auf Brumlik, weil einige der Hausbesetzer seine Studenten sind und sie Vertrauen zu ihm haben. Im Bemühen um eine friedliche Lösung hatte die Stadt den Hausbesetzern schon einmal ein Ausweichquartier angeboten. Dieses lehnte die Initiative aber ab, weil es für Kulturveranstaltungen zu abseits sei. Heute unterbreitet die Stadt der Initiative eine weitere Alternative, das Gebäude liegt zentral in der Innenstadt. Ursprünglich hätten die Hausbesetzer das Gebäude in der Varrentrappstraße schon am 15. Januar räumen sollen.

Schulleiter Lütjens befürchtet nun, dass ihnen die Zeit davon läuft, obwohl der Umzug der Verwaltung schon seit 2002 diskutiert und Ende 2008 zugesichert worden sei. Die Situation jedenfalls sei so keinem länger zumutbar – unterrichtet werde teilweise auf dem Flur, einige Klassen hätten mangels Platz sogar nur vier Tage Unterricht. «Wir haben auch keine festen Klassenzimmer und müssen ständig alles mit uns rumschleppen», beklagte Esra Rojda Urun.

Nach Angaben von Birgit Strifler vom Personalrat sei die Verwaltung in der Varrentrappstraße zwar auch nicht optimal untergebracht, weil Dependancen immer problematisch seien. Im Gegensatz zu «Faites votre jeux», die ihre Kulturveranstaltungen überall in der Stadt anbieten könne, habe die Schule mit Sitz in der Hamburger Allee allerdings keine Alternative zur Varrentrappstraße. «Wir können in der Pause nun mal nicht schnell 30 Minuten quer durch die Stadt ins Sekretariat laufen», betonte auch Esra Rojda Urun.

Dass sie sich gegen Schüler stellten, wollten einige Hausbesetzer, die zur Pressekonferenz erschienen waren, nicht auf sich sitzen lassen. Es sei sogar geplant, künftig auch Hausaufgabenbetreuung anzubieten. Außerdem sei es nicht korrekt, dass nur Studierende der Initiative angehörten. Auch Schüler ohne Abschluss seien dabei.bit

Modeschule appelliert an Besetzer

Schüler verärgert / Heute Gespräch mit der Stadt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2009 (download pdf)

Feste Klassenräume gibt es an der Frankfurter Schule für Mode und Bekleidung schon lange nicht mehr. Der Unterricht an der Berufsschule findet aus Platzmangel immer wieder in verschiedenen Räumen statt, manchmal auch in der Aula, der Sporthalle, der Bibliothek oder im Computersaal. Und wenn nirgendwo Platz ist, fällt der Unterricht im schlimmsten Fall aus.

Froh war die Schule deshalb darüber, dass die Stadt ihr vor mehr als einem Jahr das benachbarte Jugendzentrum Bockenheim (Juz) an der Varrentrappstraße angeboten hat, um das Raumproblem zu lösen, wie Schulleiter Malte Lütjens sagt. Umso hilfloser sei er jetzt. Denn das Haus ist im August vergangenen Jahres von Mitgliedern der selbstverwalteten Kulturinitiative „Faites votre jeu“ besetzt worden – und die beansprucht das Haus für sich, als Atelier- und Ausstellungsraum.

Die Verärgerung unter den Schülern der Bildungsstätte wächst. Man habe zwar Verständnis, „ja sogar Sympathie“ für die Künstler; sagte gestern Schülervertreterin Theresa Beuscher. Aber das ändere nichts daran, dass die Schule die Räume im ehemaligen Juz dringend benötige. Ihre MitschülerinEsra Urun wird noch deutlicher: „Durch die Besetzer werden wir bei unserer Förderung behindert. Diese Studenten haben ihre Schullaufbahn ja schon hinter sich, wir haben noch nicht einmal den Grundstock gelegt.“

Es gehe nicht darum, die Bedürfnisse der Schüler und kulturelle Interessen gegeneinander auszuspielen, meint Tilmann Stoodt, der die Beruflichen Schulen in Frankfurt vertritt. Aber dass die Schule eine Dependance irgendwo in der Stadt beziehe, das sei erst recht nicht hinnehmbar. „Die Schule kann nicht, anders als die Besetzer, in ein anderes Gebäude ausweichen.“

Die Stadt soll die Situation nun klären: Für heute ist ein erstes Gespräch zwischen Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) und den Besetzern geplant. Daran teilnehmen wird auch der Frankfurter Pädagogikprofessor Micha Brumlik, der als Mediator fungieren soll. In dem Gespräch wird es vor allem um ein Ersatzobjekt gehen, das die Stadt der Kulturinitiative anbieten will. Zwei Gebäude hatte sie schon offeriert, die Besetzer aber haben abgelehnt.

Schulleiter Lütjens wird an dem Gespräch nicht beteiligt sein, wie er sagt, und er hat auch sonst wenig Einflussmöglichkeiten. „Wir warten ab, was sich ergibt, und hoffen, dass die Besetzer das neue Angebot für ein Ersatzobjekt annehmen werden“, sagt er. Aber trotz aller Dringlichkeit: An einer gewaltsamen Räumung sei auch die Schule nicht interessiert. isk.