Archiv für Dezember 2008

Faites votre jeu – Gekommen um zu bleiben

Journal Frankfurt – www.pflasterstrand.de, 19.12.2008

von Günther Michels

Impressionen JUZ

Muss wirklich sagen: Einen Megarespekt. Den hatte ich nämlich, nachdem ich gestern durchs besetzte ehemalige JUZ in Bockenheim geführt wurde und mir selbst ein Bild machen konnte, was die Leute der Initiative „Faites votre jeu“ da geleistet haben. Weiß eigentlich auch nicht, weshalb es mich nicht schon früher dorthin verschlagen hat, zu einer der unzähligen Ausstellungen, Lesungen, Konzerte oder schlicht zum Barabend. Auch einen großen Respekt für die Öffentlichkeitsarbeit, für den Aufwand, um die gestrige Präsentation zu gestalten und die Ausdauer beim Kampf gegen Stadtbürokratie, Justiz und gewisse Direktoren ohne Weitblick (eigentlich ist es ja nur einer).

Einen Platz zur kreativen Entfaltung, Produktionsräume für Künstler, die sich diese im teuren Frankfurt nicht leisten können. Ein Ort, an dem sich junge Menschen auf unterschiedlichste Weise bilden können oder das gemeinsame Restaurieren eines unter Denkmalschutz stehenden Haus – all das findet sich in dem seit 2. August laufendem Projekt. Seit sieben Jahren stand das Gebäude bereits leer und die Stadt hat keinen Finger gerührt, um irgendetwas gegen den Verfall zu unternehmen oder den vier Wänden sonst einen sinnvollen Nutzen zu geben. Eigentlich müsste die Besetzter-Gruppe ja gelobt werden. Seit Beginn seien zwischen 8000 und 10000 Euro in die Renovierung geflossen – und eine ungezählte Summe an freiwilligen Arbeitsstunden. Das Engagement ist eindeutig und zielt nicht auf den Bau einer eigenen kostenlosen Wohnung oder Fetenbude, sondern bietet eine Plattform für individuelle Entfaltung. Jeder kann hier Projekte vorstellen, wird von einem Plenum begutachtet und kann das Geplante dann im Haus umsetzten. Bisher seien noch keine Anträge abgelehnt worden. So fanden in den 146 Tagen seit der Entstehung 37 Ausstellungen, 20 Vorträge, 21 DJ-Shows und 6 Bandauftritte statt. Dies alleine zeigt schon das Bedarf an solchen Plätzen besteht.

Die Bar vorher – und nachher
Die Bar vorher – und nachher

Eigentlich steht hier Lob an, jedoch läuft die Strafanzeige der Stadt wegen Hausfriedensbruch immer noch und die Streitigkeit mit der Modeschule ist auch nicht gelöst. Leider konnte ich nicht auf die letzte Bockenheimer Ortsbeiratssitzung, um mir den Direktor der Modeschule selbst anzuschauen. Doch gestern kam ich, sah und verstand. Selbst nach zigfachem Ermahnen, er möge die Leute doch nicht ständig unterbrechen, war Herr Lütjens immer noch nicht in der Lage seine Gesprächspartner ausreden zu lassen. Wenn’s wenigstens etwas inhaltlich sinnvolles gewesen wäre. Und wenn Herr Lütjens als Mensch der Bildung sehen würde wie viel Potential ihm hier geboten wird, dann würde er mit diesen Leuten zusammen arbeiten. Denn das Ziel ist so offensichtlich das gleiche. Oder doch nicht? Was ist eigentlich Herr Lütjens Ziel? Das Haus soll nicht etwa neue Klassenräume für die Modeschule bieten. Administration. Hmmm. Da gibt es doch so viele andere Häuser. Über 10 Prozent der städtischen Büroflächen liegen Brach. Eine annehmbare Alternative wird jedoch genausowenig den Besetzern, wie der Modeschule geboten. Also Herr Lütjens, wer ist denn nun schuld? Erst seit der Besetzung ist das alte JUZ überhaupt im Gespräch. Davor krähte kein Hahn danach.

Ausstellungsraum vorher – und nachher
Ausstellungsraum vorher – und nachher

Am 15. Januar soll das Haus geräumt werden. Die Besetzer wollen jedoch keinerlei Verträge eingehen, bei denen nicht eine sinnvolle Alternativlösung Bestandteil ist und aufgeben schon gar nicht. Die Solidarisierungen sind zahlreich, ob von Unis oder Fachhochschulen (also hier natürlich die Studentenvertretungen), der GEW, den Linken und unzähligen Künstler. Und sogar Micha Brumlik befürwortet das Projekt. Jeronimo Voss von der Städelschule meinte noch: „Wenn die Stadt Frankfurt sich auch in Zukunft als Kunst- und Kulturmetropole darstellen will, sollte sie die Eigeninitiative solcher Projekte mit dem nötigen Respekt begrüßen und nicht etwa mit einer Strafanzeige oder einer drohenden Räumung durch Schlagstockeinsatz.“ Richtig. Es kann der Stadt und vor allem Bockenheim nur zugute kommen wenn beide Projekte, also JUZ und der Ausbau der Modeschule, umgesetzt werden. Wie Katharina Rhein vom Fachschaftsrat Erziehungswissenschaften so schön sagt, sei es „unverständlich, dass die Stadt nicht sieht, welchen Gewinn dieses Projekt für die Menschen in Frankfurt darstellt.“

Siehe auch: “Wir werden für das Haus kämpfen”

Hausbesetzer pfeifen auf städtische Frist

Frankfurter Neue Presse, 19.12.2008 // pdf download

Bockenheim. Die Hausbesetzer, die das ehemalige Bockenheimer Jugendzentrum (JUZ) im August in Beschlag genommen und zu einem alternativen Kulturtreff gemacht haben, wollen auch nach Ablauf der städtischen Duldung am 15. Januar nicht ausziehen. Das haben sie gestern auf einer speziellen Pressekonferenz in der Varrentrappstraße 38 bekräftigt.

«Faites votre jeu!», heißt die Initiative, die das Gebäude weiterhin für Kunst- und Kulturprojekte, politische Diskussionen und Lesungen nutzen will. Sie betont, dass bereits Proberäume, Ateliers, ein Fotolabor, Gruppen- und Gemeinschaftsräume entstanden seien.

Jeronimo Voss, Student der Städelschule, hob die Bedeutung des Projekts für Kunstschaffende hervor: Es sei immer schwieriger, bezahlbare Produktions- und Ausstellungsräume zu finden. «Wenn Frankfurt den Anspruch hat, Kunst- und Kulturmetropole zu sein, sollte sie die Eigeninitiative von Projekten wie ,Faites votre jeu!‘ mit Respekt begrüßen – und nicht etwa mit einer Strafanzeige oder gar mit einer Räumung durch Schlagstockeinsatz zu bedrohen», sagte Voss.

Die Vertreter der Initiative «Faites votre jeu!» warfen der Stadt Doppelzüngigkeit vor: Einerseits versuche die Stadt, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, an einer ernsthaften Lösung für die Initiative zu arbeiten; andererseits bedrohe sie die Initiative mit einer Strafanzeige.

Die beiden von der Stadt angebotenen Ersatzobjekte lehnte die Initiative ab: In dem Wohnhaus in der Lorscher Straße seien aus räumlichen Gründen und wegen der dezentralen Lage weder Ausstellungen noch andere öffentliche Veranstaltungen möglich. Bei dem Haus in der Paradiesgasse, das geeignet gewesen wäre, habe sich herausgestellt, dass es sich nicht im Besitz der Stadt befinde.

Zum weiteren Vorgehen der Initiative sagte Mattias Schneider, Sprecher von «Faites votre jeu!»: «Hunderte Arbeitsstunden und private Mittel wurden investiert, um das Gebäude instand zu setzen; das Projekt hat sich dank des vielfältigen Engagements im Stadtteil etabliert. Die Initiative wird das Gebäude, das die Stadt sieben Jahre lang dem Verfall preisgegeben hat, am 15. Januar nicht verlassen.»red

Hausbesetzer wollen bleiben

Frankfurter Rundschau, 19.12.2008 // pdf download

Die Initiative „Faites vôtre jeu!“ wird das von ihr besetzt gehaltene ehemalige Juz in der Varrentrappstraße nicht bis zum 15. Januar räumen. Wie Nora Wildner von der Initiative gestern auf einer Pressekonferenz außerdem ergänzte, werde die Initiative vorerst auch nicht weiter mit der Stadt über Ersatzobjekte verhandeln. Die Hausbesetzer wollten nun erstmal abwarten, was folgt. Ihr Programm ginge über den 15. Januar hinaus. Eine weitere Ausstellung sei für den 10. Februar geplant. Ob hingegen die Stadt tatsächlich die Bauarbeiten an dem Haus zum 15. Januar aufnehmen werde, scheine fraglich. dpa/kim

»Solange es keinen Ersatz gibt, bleiben wir im Haus«

Junge Welt, 08.12.2008

Frankfurt/Main: Ortsbeirat will Betreiber linken Kulturzentrums räumen – unter Federführung der Grünen. Gespräch mit Matthias Schneider

Interview: Gitta Düperthal


Matthias Schneider ist Sprecher der Initiative »Faites votre Jeu« in Frankfurt am Main/Bockenheim

Die Initiative »Faites votre Jeu« hält das ehemalige Jugendzentrum Bockenheim (Juz) besetzt: als selbstverwaltetes Zentrum für kulturell und politisch Aktive in Frankfurt am Main. Jetzt sollen Sie ausziehen. Wie hat das der Ortsbeirat diskutiert?

Er hat nur empfehlende Funktion für Magistratsbeschlüsse. Gefordert hat er, uns ein geeignetes Ersatzobjekt und Gelder für eine Anfangsfinanzierung bereitzustellen. Im Gegenzug müsse die Initiative das besetzte Haus in der Varentrappstraße verlassen. Es ist aber nicht klar, ob wir bis zum 15. Januar, wenn die Duldung ausläuft, räumen sollen, oder erst, wenn ein Ersatz gefunden ist. Der NPD-Stadtverordnete Jörg Krebs hatte bereits im Sommer eine Anfrage an den Magistrat gestellt – vermutlich mit der Absicht, auf eine Räumung hinzuwirken. Da gab es Fragen wie: Warum wird überhaupt verhandelt, und wer sind die Leute? In diesem Zusammenhang antwortete der Magistrat Anfang November, mit der Sanierung der jetzt von uns genutzten Räume solle im ersten Quartal 2009 begonnen werden – vielleicht erst am 31. März.

Was halten Sie vom Beschluß des Ortsbeirats?

Wir begrüßen, daß er von der Notwendigkeit überzeugt zu sein scheint, daß es Räume für die Initiative geben muß. Man schaue sich nur die Aktivitäten im vergangenen halben Jahr an: unter anderem fünf Ausstellungen mit jungen Künstlern, ein Zeitzeugengespräch mit dem Widerstandskämpfer Ernesto Kroch, Lesungen zur Gegen-Buchmesse. Uns stellt sich allerdings die Frage: Wird die Stadt uns ein für unsere Zwecke geeignetes Objekt bieten? Solange es keinen Ersatz gibt, werden die Menschen, die viel Arbeit in das Projekt gesteckt haben, das Haus nicht verlassen. Bisher gebotene Alternativen waren eigentlich keine: Ein Wohnhaus in Rödelheim, ursprünglich für Sinti und Roma vorgesehen, und ein Gebäude in Sachsenhausen, das sich gar nicht im Besitz der Stadt befindet, wie sich nach unserer Besichtigung herausstellte.

Sie sind verärgert über die Debatte im Ortsbeirat. Warum?

Die Linkspartei hatte zwei Anträge gestellt. Erstens: Die Strafanzeige, die gegen uns vorliegt, soll zurückgenommen werden. Zweitens: Es sollen Gelder für uns zur Verfügung gestellt werden. Beide wurden abgelehnt. Statt dessen ließ der Ortsvorsteher Walter Bromba von den Grünen zunächst den Leiter der »Schule für Mode und Bekleidung« zu Wort kommen, den er selbst eingeladen hatte. Der soll angeblich schon seit 2003 ein Nutzungsinteresse haben. Unter der Verwaltung des Schuldezernats sorgten jedoch eingeschlagene Fenster und Löcher im Dach für den stetigen Verfall des denkmalgeschützten Hauses, das seit 2001 leer gestanden hatte. Wir hatten nicht den Eindruck, daß es genutzt werden sollte. Erst nach der Besetzung und nachdem wir die Schäden repariert hatten, wurden vom Magistrat Gelder bewilligt, damit die Administration der Schule einziehen kann: Schulleitung, Verwaltung, Lehrer – keine Schüler.

Was bezwecken die Grünen eigentlich?

Es spricht Bände, wenn ausgerechnet ein Ortsbeirat der Grünen sagt, wir müßten uns bewußt sein, daß eine Hausbesetzung ein krimineller Akt sei. Gleichzeitig zieht die grüne Frankfurter Bürgermeisterin Jutta Ebeling mit einem Vortrag über die »68er« durch die Lande und feiert die Errungenschaften der damaligen Hausbesetzerbewegung. Als zuständige Bildungsdezernentin scheint sie aber keine Probleme mit unserer eventuellen Räumung zu haben. Wir stellen die herrschenden Verhältnisse in Frage. Daß man damit aneckt, ist klar.

Wie hat die CDU reagiert?

Dietrich Wersche, Mitglied des Ortsbeirats (CDU), hat gesagt, er verstehe nicht, warum wir das Haus erst besetzt haben, als es bereits Nutzungspläne dafür gab. Wäre es vorher passiert, hätte er darin kein Problem gesehen. Das ist ja wohl als Aufforderung zu werten, weitere Häuser zu besetzen …

Wie wollen Sie Ihren Protest weiterhin deutlich machen?

Bei unserem Tag der offenen Tür am 18. Dezember werden wir klarmachen: Entgegen der oft behaupteten Politikverdrossenheit junger Menschen zeigt sich gerade hier: Jenseits der parteipolitischen Gremien und Institutionen besteht ein Interesse an aktiver Gestaltung von Politik.

.

Leserbrief zu dem Artikel »Solange es keinen Ersatz gibt, bleiben wir im Haus« vom 08.12.2008:

Hausbesetzung ahoi!
Selbstredend müssen erst einmal geeignete Ersatzräume vorhanden sein, bevor geräumt werden darf. Das geht aus dem nunmehr am 1. Dezember 2008 im Ortsbeirat 2 interfraktionell beschlossenen Antrag eindeutig hervor. Wir, die Linke., hätten sonst einer Modifizierung unseres ursprünglichen Antrags keinesfalls zugestimmt. Nur ist die Frage schon sehr interessant, wie und woher so schnell ein Ersatzobjekt herkommen soll, läuft doch die Duldung bereits Mitte Januar 2009 aus.

Im Zweifelsfall bleibt da wirklich nur noch eine Neubesetzung übrig, falls die Stadt nicht rechtzeitig in die Puschen kommt. Freistehenden Raum in Frankfurt am Main gibt es ja zuhauf. Auch öffentlichen Raum. Und die grünen Altvorderen mitsamt der Bürgermeisterin Jutta Ebeling können sich dann, weihnachtsfroh und nostalgisch, in eine ihrer schöneren Glanzzeiten zurückversetzt sehen, nämlich in die Ära der Frankfurter Hausbesetzungen.

Charlotte Ullmann
Die Linke. im Ortsbeirat 2
Frankfurt am Main

Pressemitteilung zur Pressekonferenz am 18.12.08 – Städtische Duldung des Projekts „Faites votre jeu!“ läuft aus – die Initiative erklärt: „Wir bleiben drin!“

Heute, am 18.12.2008, fand im ehemaligen Juz Bockenheim in der Varrentrappstr. 38 in Frankfurt am Main eine Pressekonferenz zur aktuellen Situation der Nutzung des Hauses statt. Anwesend waren Matthias Schneider und Nora Wildner als Sprecher_innen der Initiative. Aus der Perspektive junger Frankfurter Künster_innen stellte Jeronimo Voss, Student der HfBK Städelschule klar, welche Bedeutung das Projekt für Kunstschaffende in dieser Stadt bereits hat. Katharina Rhein vom Fachschaftsrat des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität betonte die Wichtigkeit der emanzipativen Politik des Projekts auch für Studierende.

Jeronimo Voss stellte dar, dass es in einer teuren Stadt wie Frankfurt für Künster_innen immer schwieriger wird, bezahlbare Produktions- und Ausstellungsräume zu finden. Zur Haltung der Stadt sagte er:

„Wenn die Stadt Frankfurt wirklich den Anspruch hat, Kunst- und Kulturmetropole zu sein, sollte sie die Eigeninitiative von Projekten wie ‚Faites votre jeu!‘ mit Respekt begrüßen – und nicht etwa mit einer Strafanzeige oder gar mit einer drohenden Räumung durch Schlagstockeinsatz.“

Anschließend begrüßte Katharina Rhein die vielfältigen Möglichkeiten selbstbestimmter außerschulischer und außeruniversitärer Bildung, die durch die Initiative „Faites votre jeu!“ Raum haben:

„Dass jetzt die Initiative zum Urheber des Raumproblems der benachbarten Schule für Mode und Bekleidung gemacht wird, ist mir vollkommen unverständlich. Dies stellt sich mir eher als ein Problem jahrelanger städtischer Misswirtschaft dar. Statt selbstbestimmte Bildungsmöglichkeiten im ehemaligen Juz Bockenheim durch Strafanzeige und Räumung zu bedrohen, sollte das Bildungsdezernat und die grüne Bürgermeisterin Jutta Ebeling besser durchaus vorhandene Ersatzräume für die Schule in unmittelbarer Nähe finden.“

Im weiteren Verlauf nahmen die Vertreter_innen der Initiative „Faites votre jeu!“ zur aktuellen Situation des Projekts und zum weiteren Vorgehen Stellung. Während die Verantwortlichen der Stadt in der Öffentlichkeit einerseits versuchen, den Eindruck zu vermitteln, ernsthaft an einer Lösung für die Initiative zu arbeiten, besteht weiterhin der untragbare Zustand einer Bedrohung durch die Strafanzeige.

Zu den beiden angebotenen Ersatzobjekten wurde erklärt, dass in dem Wohnhaus in der Lorscher Straße aufgrund der räumlichen Situation und der dezentralen Lage weder Ausstellungen noch sonstige öffentliche Veranstaltungen möglich sind. Bei dem Haus in der Paradiesgasse, das durchaus geeignet gewesen wäre, stellte sich heraus, dass es sich gar nicht im Besitz der Stadt Frankfurt befindet und die Besitzer_innen andere Nutzungspläne für das Haus haben. Zum weiteren Vorgehen der Initiative sagte Mattias Schneider:

„Hunderte Arbeitsstunden und private Mittel wurden investiert, um das Gebäude instand zu setzen; das Projekt hat sich dank des vielfältigen Engagements im Stadtteil etabliert. Die Initiative wird das Gebäude, das die Stadt über sieben Jahre hin dem Verfall preisgegeben hat, am 15. Januar nicht verlassen.“

Nora Wildner betonte abschließend:

„Die breite Unterstützung und die vielfältigen Solidaritätsbekundungen von Gewerkschaften über Wissenschaftler_innen bis hin zu politischen und studentischen Gruppen macht die Notwendigkeit des Projekts deutlich und bestärkt uns darin, das selbstverwalteten Kunst- und Kulturzentrum in der Varrentrappstraße 38 nicht aufzugeben.“

Pressmitteilung: pdf download

Vorläufiges Januarprogramm: pdf download

Quartalsbericht – 146 Tage im ehemaligen JUZ Bockenheim: pdf download

Solidaritätserklärungen (Stand 18.12.08): pdf download

Ausstellung: diese Acht, diese.

eine ausstellung von:

helene deutsch
felix heine
ivan kirpichev
nora krings
fabian kuntzsch
anton steenbock
anna trzpis
ruben von engelstein

vernissage: 17.12.2008 19:00 uhr

Bleibende Blockade

Frankfurter Rundschau, 03.12.2008

Bockenheim

von Kim Behrend


Das Haus in der Varrentrappstraße 38 kennt man seit 30 Jahren besetzt. Damals noch Jugendzentrum, sind heute die Mitglieder der Kulturinitiative „faites votre jeu“ wieder als Besetzer in dem Gebäude. (Bild: FR/Boeckheler)

Der Ortsbeirat 2 hat den Hausbesetzern aus der Varrentrappstraße 38 am Montag einen versöhnlichen Weg bereitet. Ob sie diesen auch gehen werden, ist noch ungewiss. Die Stadt soll sich darum bemühen, den Besetzern, die sich selbst als Kulturinitiative mit Namen „faites votre jeu!“ verstehen, ein Gebäude für das Kulturschaffen bereitzustellen. Allerdings wird von den Besetzern zunächst verlangt, sie sollten das ehemalige Jugendzentrum (Juz) ohne viel Federlesen räumen.

Dieser Antrag, der von den Grünen noch am Tisch ausgearbeitet wurde und ein Papier der Linken ersetzte, in dem finanzielle Hilfe für die Initiative gefordert war, stieß bei der CDU auf wenig Gegenliebe. „Wir bezweifeln, dass die Leute das Gebäude wirklich nur zum Zwecke der Kunst nutzen wollen“, sagte Fraktionschef Axel Kaufmann. Vielmehr vermittle sich der Eindruck, die Besetzung würde politisch instrumentalisiert, auch um „mal wieder ein bisschen Krawall zu machen“. In dieser Ansicht bestärkt hatte den Lokalpolitiker das Verhalten der Initiative in der Sitzung selbst.

Schreck nach den Ferien

Auf Einladung von Ortsvorstehers Walter Bromba war Malte Lütjens, Schulleiter der Schule für Bekleidung und Mode erschienen, um zu berichten, wie sich die Situation aus seiner Sicht darstellt. Die Schule wartet seit rund fünf Jahren darauf, das Gebäude als Erweiterungsbau zu ihrem Domizil in der Hamburger Allee beziehen zu können. Schon 2003 seien erste Begehungen mit der Stadt gewesen. Damals habe das Kollegium auch die Planung aufgenommen. Nur sei lange kein Geld dafür zu haben gewesen.

Im Doppelhaushalt der Jahre 2007 und 2008 war es dann aber soweit. Als Lütjens im August in dem Glauben aus den Ferien kam, die Arbeiten angehen zu können, fand er das Haus besetzt vor. Seither zeigten sich die Besetzer gesprächsunwillig. Er habe mehrfach versucht, ihnen die Lage der Schule darzustellen. 1200 Schüler und 75 Lehrer befänden sich an der Hamburger Allee in „ausgemacht beengten Umständen“ und brauchen die zusätzlichen Klassen- und Gruppenräume, die mit der Sanierung des Juz und dem Umzug der Verwaltung dorthin entstehen sollen.

Deswegen wolle er den Ortsbeirat nun bitten, zwei Anträgen der Linken nicht zuzustimmen. „In dem einen fordern sie, die Anzeige gegen die Initiative zurückzuziehen.“ Damit aber würde die Stadt die Möglichkeit aus der Hand geben, das Gebäude zur Not auch polizeilich räumen zu lassen. Das könne nicht im Sinne der Schule sein, für die Lütjens als Leiter auf Verlangen der Stadt die Anzeige erstattet hatte.

Bis zum August völlig dem Verfall überlassen

Als Affront hingegen bewerteten die Besetzer, dass dem Schulleiter auf der Sitzung ein Rederecht eingeräumt worden war. „Das ist doch ein ganz klares politisches Signal“, beschwerte sich der Sprecher Matthias Schreiber. Und fadenscheinig sei, was vorgetragen wurde. Schließlich sei das Gebäude bis zum August völlig dem Verfall überlassen worden. „Warum hat man das zugelassen, wenn es angeblich einen Nutzer gab?“, wollten die Besetzer wissen und hielten die Antwort, dass die Stadt sich in Zeiten leerer Kassen schon immer sanierungsunwillig gezeigt habe, wieder für vorgeschoben.

Ebenso wie die Zusicherung Lütjens, das Gebäude sei schon 2003 in dem Zustand gewesen, in dem es die Besetzer 2008 dann vorfanden.

Dabei hätte sich die Juz-Gruppe schon längst einen Eindruck der städtischen Arbeitsweise verschaffen können. Schließlich bemüht sich das Stadtschulamt seit einiger Zeit darum, ihnen eine Alternative anbieten zu können. Im Gespräch war bereits eine Liegenschaft an der Paradiesgasse gewesen. Wie sich nur leider herausstellte, befand sich ausgerechnet dieses nicht im Besitz der Stadt.

.
Juz Bockenheim

Vor 30 Jahren wurde die Varrentrappstraße 38 erstmals besetzt. Daraus entstand das Juz Bockenheim. 2001 musste das Jugendzentrum seine Türen schließen. Das Stadtschulamt wollte keine 650.000 Mark für die Sanierung des Baudenkmals zahlen, solange das Juz noch drin war.

Ein weiteres Jahr trotzte das Juz und hielt seinen – abgespeckten – Betrieb aufrecht, bevor es 2002 endgültig aufgab. 2003 gab es die erste Begehung von Amt, Bauaufsicht und Schule für Bekleidung und Mode.

Seit 2005 liegen die ersten konkreten Pläne für einen Umbau zur Schul-Dependance vor.

Im August 2008 besetzten Mitglieder der Kulturinitiative „faites votre jeu!“ das verfallende Gebäude. Ob nun, wie geplant, spätestens zum 15. Januar 2009 mit dem Umbau begonnen werden kann, ist ungewiss.

Handlungsfähig bleiben

Frankfurter Rundschau, 28.11.2008

Bockenheim

von Kim Behrend

Die Stadt soll ihre Anzeige gegen die Kulturinitiative „Faites votre jeu“ zurückziehen. Das fordert die Linke in einem Antrag, über den auf der kommenden Sitzung des Ortsbeirats 2 am Montag entschieden werden soll. Ob sie für diesen Antrag Gefolgschaft findet, scheint indes eher unwahrscheinlich.

Bereits bei einer früheren Sitzung hatten Ortsbeiräte von CDU, FDP und den Grünen zwei Sprechern der Initiative versucht zu vermitteln, dass es aus politischer Sicht ihrer Meinung nach keinen Grund gebe, die Anzeige zurückzuziehen. Zum eine bezöge sie sich auf den „unstrittigen Tatbestand des Hausfriedensbruchs“. Die Initiative bestreite nicht, das ehemalige Jugendzentrum in der Varrentrappstraße besetzt zu haben. Zum anderen müsse die Stadt dafür Sorge tragen, in der Auseinandersetzung handlungsfähig zu bleiben.

Bislang keine Einigung

Eine Prognose mit prophetischen Charakter: ab dem 15. Januar sollen in dem Gebäude an der Varrentrappstraße Umbau- und Sanierungsmaßnahmen beginnen. Die Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode soll dort mit ihrer Verwaltung einziehen. Der Umbau beschert der Schule mit Hauptsitz an der Hamburger Allee zusätzlich sieben Klassenräume.

So ist es zumindest geplant, die Gelder stehen auch schon bereit. Ob allerdings die Kulturinitiative bis Mitte Januar das Haus verlassen wird, ist unklar. „Wir haben uns mit den Besetzern noch nicht auf einen Vertrag einigen können“, sagt Rüdiger Niemann, Referent für Jugendhilfe und Schulen im Dezernat II. Der Grund dafür: „Sie wollen von uns die verbindliche Zusage, dass wir ihnen ein geeignetes Ersatzobjekt zur Verfügung stellen.“ Das könne die Stadt nicht garantieren, obwohl sie fieberhaft nach einem solchen sucht. Die Gespräche verliefen ansonsten unproblematisch. „Wir kommen gut mit den jungen Leuten zurecht.“ Ob das allerdings noch greift, wenn die Stadt am 15. Januar kein Ersatzobjekt gefunden hat, steht in den Sternen.

Für jeden weiteren rechtlichen Schritt, wie eine polizeiliche Räumung, braucht die Stadt die Anzeige. Soviel steht fest, auch wenn Niemann darüber überhaupt nicht reden will, weil er davon ausgeht, dass sich eine Lösung finden wird. Die Situation dürfte allerdings auch dann nicht endgültig befriedet sein.

Es stellt sich nämlich noch die Frage nach dem Preis, den man bereit ist zu zahlen. Die Kulturinitiative will einen kostenfreien Raum zur Verfügung gestellt bekommen. Im schwarz-grünen Römer indes bestünde, sagt Niemann, noch kein „Konsens über das Schenken“. Zumal der Öffentlichkeit vermittelt werden müsste, warum jemandem etwas geschenkt wird, der zuvor versuchte, sich das Gewünschte einfach zu nehmen.