Archiv für August 2008

„Für uns gibt es keine andere Option“ – Nora und Michael sind Hausbesetzer

jetzt.de, 12.08.2008
Text: caroline-alsheimer

Der Frankfurter Häuserkampf ist wieder entfacht. Im Stadtteil Bockenheim hat eine Gruppe von rund 20 Kernmitgliedern und zahlreichen Sympathisanten das ehemalige Jugendzentrum Bockenheim besetzt. Der Grund: Es soll Raum für unkommerzielle Kulturprojekte geschaffen werden. jetzt.de hat mit den beiden Studenten und Hausbesetzern Nora und Michael gesprochen.

Nora und Michael haben sich ihre Kappen tief ins Gesicht gezogen, zudem schützen sie dunkle Sonnenbrillen davor, erkannt zu werden. Das was die 23jährigen treiben, ist illegal. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben die Studenten zusammen mit anderen ein Haus besetzt. Aus dem Gebäude in der Frankfurter Varrentrappstraße wollen sie ein Kunst- und Kulturzentrum machen.

Nora, Michael, seit dem zweiten August habt ihr das ehemalige Jugendzentrum (JUZ) in Frankfurt am Main wieder in Betrieb genommen, wie ihr es nennt. Knüpft ihr damit an die Tradition der Hausbesetzung an?
Michael (nickt): Wir sehen uns in der Tradition der Hausbesetzung. Unsere Methoden sind die gleichen, auch wenn es nicht unser Ziel ist, Wohnraum zu schaffen. Uns geht es vielmehr um Raum für Kunst und Kultur. Es ist nicht akzeptabel, dass es kaum Platz für unkommerzielle und selbst verwaltete Kulturprojekte gibt.

Warum ist das so wichtig? In den meisten Städten gibt es doch gewisse Möglichkeiten, Kunst und Kultur zu erleben…
Nora: Ja, Frankfurt gibt sich als kulturelle Stadt, Kunst und Kultur sind erlebbar. Aber es ist auch wichtig, Kunst zu machen. In den öffentlichen Räumen fehlt es an Spontaneität und Kreativität. Wir wollen, dass Menschen die Möglichkeit geboten wird, sich durch Kunst auszudrücken. Unabhängig von Sachzwängen und hierarchischen Strukturen.

Ihr nennt eure Initiative faites votre jeu – auf Deutsch heißt das „macht euer Spiel“. Wie ist es zum Namen gekommen?
Nora: Bei der Namensgebung hatten wir zunächst an die Roulette-Aussage „rien ne va plus“, „nichts geht mehr“, gedacht. Aber das erschien uns wenig hoffnungsfroh. Wir wollen doch unser Spiel machen und auch andere dazu auffordern, Ideen einzubringen. Im Haus sollen Ateliers, Gruppen- und Gemeinschaftsräume entstehen, die kostenfrei genutzt werden können.

Die Stammbesetzer sind Künstler und Studenten. Das Haus habt ihr ausgehend von einer Party besetzt. Wie muss man sich das vorstellen?
Michael: Wir sind nachts in die Varrentrappstraße gegangen, zusammen mit 150 anderen Leuten. Das zeigt, wie groß die Unterstützung für das Projekt ist. Nur wenige Tage vorher hatten wir langsam mit dem Mobilisieren begonnen. Als wir im Haus waren, haben wir die Türen zugemacht und gefeiert. Schließlich kam die Polizei.

Das, was ihr macht, ist illegal…
Michael: Ja, das stimmt. Bei der Besetzung haben wir unsere Kontaktnummer auf ein Transparent gemalt und aus dem Fenster gehängt. Wir haben telefonisch verhandelt, dass wir zumindest bis Montag bleiben können. Dann wollten wir Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt zu führen. Am Montag wurde Strafanzeige gestellt.

Die Stadt hat Strafanzeige gestellt?
Nora: Die Strafanzeige wurde auf Druck des Stadtschulamtes gestellt. Es gibt Pläne, das Gebäude umzubauen. Die Schule für Mode, Grafik, Design in Offenbach beansprucht das Haus. Die Pläne gibt es schon seit Jahren, doch gebaut wird nicht. Das Gebäude steht jetzt leer, wir sind jetzt da. Deshalb haben wir jetzt damit begonnen, das Haus zu renovieren.

Auch auf die Gefahr hin, dass ihr gar nicht bleiben könnt?
Michael: Es sieht momentan gut aus, ich denke, wir bekommen eine Duldung. Zumindest bis Januar 2009. Wir hoffen, dass wir hier bleiben können, für uns gibt es keine andere Option. Wir fordern auch, dass die Strafanzeige zurück genommen wird. Wir arbeiten einfach weiter. Wir haben gut ausgebildete Handwerker und sogar Architekten, die uns unterstützen.

Das Haus hat eine Geschichte…
Michael: Günther Sare starb in Frankfurt, nachdem ihn ein Wasserwerfer der Polizei überrollt hatte. Das war 1985 bei einem NPD-Aufmarsch. Sein Tod löste Straßenschlachten zwischen der autonomen Szene und der Polizei aus. Eine Gedenktafel an unserem Haus erinnert an Sare. Auch deshalb kommen viele Menschen hier her.

Ist das Haus nicht schon einmal besetzt worden?
Nora: Ja, vor 30 Jahren. Aber fast alle, die dabei waren, zogen sich zurück. Die Stadt hatte damals Sozialarbeiter eingestellt. Der Anspruch eines unabhängigen Jugendzentrums war damit nicht mehr zu erfüllen. Jetzt freuen sich viele, dass das Gebäude nicht mehr leer steht, sondern wieder belebt wird.

Und von den ehemaligen Hausbesitzern bekommt ihr auch Unterstützung…
Nora (lacht): Ja, genau so ist es. Beinahe jeden Tag kommt jemand vorbei, schaut sich das an und fragt, was wir noch brauchen. Alle Altersgruppen, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Wir sind richtig gut eingerichtet. Wir haben schon Möbel, einen Kühlschrank und einen Herd bekommen. Anwohner und Sympathisanten haben uns wirklich geholfen.

Schlaft ihr auch im Haus?
Michael: Ja, solange die Anzeige noch im Raum steht und wir mit einer Räumung rechnen müssen, schlafen wir auch im Gebäude. Auf Dauer ist das aber eigentlich nicht unser Ziel.
Nora: Wir sind für die Nächte gut gerüstet, wir bewaffnen uns mit Filmen, Popcorn uns Keksen.

Wie geht euer „Kampf gegen die kulturelle Langeweile“ weiter?
Nora: Wir organisieren diverse Lesungen und bereiten Ausstellungen vor. Wir haben ein festes Programm, damit die Politiker einsehen, dass das was wir machen Sinn hat. Wir haben die Autoritäten nicht anerkannt, das ist den Behörden natürlich zuwider. Die Verhandlungen mit der Stadt laufen.

01 Maskieren gehört dazu - kaum jemand möchte erkannt werden 02 faites votre jeu - die Hausbesetzer machen ihr Spiel 03 Michael und Nora beim Interview
04 Bauarbeiten im Erdgeschoss 05 Zwischendurch wird gekocht 06 Die Kücheneinrichtung wurde von Anwohnern gestellt
07 Wer will fleißige Handwerker sehn - Türen und Fenster werden abgeschliffen 08 Täglich wird besprochen, was im Haus erneuert wird 09 Nora und Michael wollen nicht erkannt werden
10 Michael vor dem besetzten Haus. Was er tut ist illegal 11 Gut ausgebildete Handwerker renovieren im Haus 12 Günther Sare starb bei einem Unfall mit dem Wasserwerfer

01 Maskieren gehört dazu – kaum jemand möchte erkannt werden
02 faites votre jeu – die Hausbesetzer machen ihr Spiel
03 Michael und Nora beim Interview
04 Bauarbeiten im Erdgeschoss
05 Zwischendurch wird gekocht
06 Die Kücheneinrichtung wurde von Anwohnern gestellt
07 Wer will fleißige Handwerker sehn – Türen und Fenster werden abgeschliffen
08 Täglich wird besprochen, was im Haus erneuert wird
09 Nora und Michael wollen nicht erkannt werden
10 Michael vor dem besetzten Haus. Was er tut ist illegal
11 Gut ausgebildete Handwerker renovieren im Haus
12 Günther Sare starb bei einem Unfall mit dem Wasserwerfer

Linke fordert Raum für Kunst

Journal Frankfurt (auf www.journalportal.de), 11.08.2008

Politische Bildung, Foto-Ausstellungen, Schülercafé-Nachmittage – an alternativen Kulturangeboten mangele es in dem besetzten ehemaligen Jugendzentrum in Bockenheim nicht, so Hans-Joachim Viehl, kulturpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Römer (Foto). „Umso unverständlicher ist es, dass CDU und Grüne so restriktiv gegen die dortigen jungen Leute vorgehen und sie mit einer Strafanzeige knebeln wollen“, sagt er. Jahrelang habe das Haus leer gestanden und sei dem Verfall preisgegeben gewesen. „Jetzt packen die derzeitigen Bewohner selbst an und renovieren, dieses freiwillige Engagement sollte eher honoriert werden.“
Die Strafanzeige, die laut Frankfurter Rundschau das Stadtschulamt gestellt habe, müsse zurückgezogen werden. Weil in den vergangenen Jahren viele Jugendzentren und ehemalige Bunker als Orte kultureller Vielfalt sowie Übungsräume für Musiker weggefallen seien, herrsche in Frankfurt ein ausgesprochener Mangel an preisgünstigen Räumen, in denen alternative Kultur gedeihen könne. „Dass nun Aktivisten aus der jungen alternativen Kunstszene das Jugendzentrum Bockenheim besetzt haben, mag der Stadt nicht gefallen, sie steht aber in der Verantwortung künftig mehr Räume zur Verfügung zu stellen“, so Viehl.

Das ehemalige JUZ Bockenheim in der Varrentrappstraße 38 wurde am 3. August besetzt. Die Initiative “Faites votre jeu!” will aus dem seit sieben Jahren leerstehenden Haus ein Kunst- und Kulturzentrum machen. Das zuständige Stadtschulamt verhält sich widersprüchlich. Es hat Strafanzeige gegen die BesetzerInnen gestellt, aber zugleich Verhandlungen für eine Übergangsnutzung in Aussicht gestellt. Heute um 16 Uhr soll derweil die erste Ausstellung eröffnen. Ausgestellt werden Fotografien des Künstlers Akšaj, auf denen politische Graffitis aus Lateinamerika zu sehen sind.

Quelle: Die Linke, Faites votre jeu

Jaska Klocke hält Graffiti fest

Frankfurter Rundschau, 11.08.2008

Die Sache könnte lustig werden. Der Fotojournalist Jaska Klocke hat in Lateinamerika erlebt, dass Graffiti und an die Wände geschmierte Sprüche weit verbreitete „Kommunikationsmittel“ auf den Straßen sind. Insbesondere die mit politischem Hintergrund. Wie heißt es so schön in der Pressemitteilung, die zur Fotoausstellung von politischen Graffiti in Lateinamerika in die Varrentrappstraße 38 einlädt: Die Themen reichen „bis zu Statements, die die politisch-gesellschaftlichen Systeme ablehnen und ersetzen wollen“. Mit ungeliebten Mandatsträgern geht man in Lateinamerika mancherorts eben wenig zimperlich um, da muss schonmal ein Präsident vor dem Mob mit dem Hubschrauber flüchten. Abschauen erlaubt. Noch bis zum 31. August. ral

Presseerklärung 12.08.2008 13 Uhr – Verkehrssicherheitsprüfung im ehemaligen JUZ / Ausstellungseröffnung / Besuch beim Ortsbeirat

Gestern, am Montag, den 11. August um 14 Uhr wurde im ehemaligen JUZ eine Begehung durch Vertreter der Stadt durchgeführt, um die Verkehrssicherheit des Gebäudes zu überprüfen. Zugegen war Michael Damian, Referent der Schuldezernentin Jutta Ebeling, zusammen mit einem Mitarbeiter und drei Gutachtern des Hochbauamtes. Die Initiative „Faites votre jeu!“ wurde durch eine Vertreterin des Projekts und eine Anwältin repräsentiert.

Bei der Verkehrssicherheitsprüfung musste die Stadt der Initiative zugestehen, dass die bereits in der letzten Woche durchgeführten Reparaturen und die vorgenommen Brandschutzmaßnahmen verantwortungsbewusst durchgeführt worden waren und nur noch einige, eher geringfügige Mängel zu beheben sind.

Im folgenden Gespräch wurde der Initiative „Faites votre jeu!“ weitere Verhandlungen zugesichert und wieder eine eventuelle Duldung in Aussicht gestellt. Eine Räumung steht laut Michael Damian im Moment nicht zur Debatte. Dazu Michael Walter, Sprecher der Initiative: „Natürlich freuen wir uns über die positive Resonanz von Seiten der Stadt. Allerdings sind jede Art von Gesprächen immer noch durch die weiterhin bestehende Strafanzeige belastet. Ernsthafte Verhandlungen sind nur dann machbar, wenn die Kriminalisierung eines legitimen und notwendigen Projektes, das so viel positive Rückmeldung erfährt, beendet wird.“

Ebenfalls gestern eröffnete die erste Ausstellung in den Räumlichkeiten des ehemaligen JUZ, die an diesen Tag bereits von über 50 Menschen besucht wurde. Ausgestellt werden noch bis zum 31. August Fotografien von politischen Graffitis aus Lateinamerika, die der Film- und Fotojournalist Jaška Klocke auf mehreren Reisen aufgenommen hat.

Jutta Ebeling, Bürgermeisterin und Schuldezernentin, der durch die Initiative „Faites votre jeu!“ Kommunikationsbereitschaft signalisiert wurde, indem man sie zur Ausstellungseröffnung eingeladen hatte, konnte an dieser aus leider terminlichen Gründen nicht teilhaben. „Wir hoffen, das Frau Ebeling in den nächsten Tagen Zeit findet, unsere erste Ausstellung zu besuchen und sich von der Legitimität und der dringenden Notwendigkeit unseres Projektes überzeugen lässt.“, sagte dazu Miriam Kellert, eine Sprecherin von „Faites votre jeu!“.

Am Abend besuchten Vertreter_innen der Initiative den Ortsbeirat 2 um dort Unterstützung für die Wiedereröffnung des ehemaligen JUZ zu erhalten und stießen auch dort auf durchweg positive Resonanz. Dazu Miriam Kellert: „Wir erhoffen uns nun auch von dieser Seite Solidarität und Unterstützung, wie sie uns auch schon von zahlreichen Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen zuteil wurde. Das große Spektrum an Unterstützer _innen, die an der selbstverwalteten Gestaltung des Hauses teilhaben, bestärken uns in unserem Willen, dieses Haus auch langfristig nutzen zu wollen.“

Solidaritätserklärung des Vereins zur Förderung demokratischer Politik und Kultur (DemoPunK) e.V.

Der Verein zur Förderung demokratischer Politik und Kultur (DemoPunK) e.V. erklärt sich solidarisch mit der Initiative „faites votre jeu“, die am Samstag, den 02.08.08 das alte JUZ Bockenheim in der Varrentrappstraß e 38 in Frankfurt besetzt und wieder in Betrieb genommen hat. Das Begehren nach selbst organisierten Freiräumen, in denen Künstler_innen, Kulturschaffende und politische Initiativen gemeinsam arbeiten und diskutieren können, unterstützen wir ausdrücklich. Wir fordern die Stadt Frankfurt auf, die Strafanzeige gegen die Besetzer_innen zurückzuziehen und die Schaffung eines selbstverwalteten, unkommerziellen Zentrums in den Räumlichkeiten des JUZ zu ermöglichen.

Fotoausstellung von politischen Graffitis in Lateinamerika

Jaška Klocke – Akšaj

Texte, Karikaturen und diverse Symbole in Form von Graffitis sind in Lateinamerikas weit verbreitet und inzwischen kaum noch wegzudenkends Kommunikationsmittel auf den Straßen. Diese Graffitis gibt es nicht nur in den großen Metropolen, sondern auch auf den entlegensten Dörfern. Insbesondere solche mit politischem Hintergrund finden auf der Suche nach Verbreitungsformen von Inhalten, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge richten, auf Hauswänden eine Plattform. Damit wollen nicht nur Straßenkünstler_innen, sondern vermehrt auch Kinder und Jugendliche dem Andersdenken und dem sich anders Wahrnehmen eine Stimme verleihen. Straßenkunst, die weg von elitären und kommerziellen Kunstverständnis entsteht, sieht sich dabei in großem Maße mit ihrer Zerstörung konfrontiert. Ihre Künstler werden verfolgt und kriminalisiert.

Säubere deine Stadt! Santiago de Chile, März 2008
Säubere deine Stadt! Santiago de Chile, März 2008

Im Zuge mehrerer Reisen durch Zentral- und Südamerika sind in den letzten zwei Jahren Fotos enstanden, die in dieser Ausstellung zusammengestellt worden sind. Trotz der enormen räumlichen Entfernung, die zwischen den Aufnahmeorten liegt, ähneln Inhalte und Ausdrucksform einander. Enstanden sind die Fotos im Sommer 2006 und im Frühjahr 2008 in Chiapas (Mexiko) und Guatemala sowie in Uruguay, Argentinien und Chile. Die Themen reichen von lokalen Solidaritätserklärungen mit politischen Gruppen, über Aufrufe zu Demonstrationen, bis hin zu Statements und Aufrufen, die die politisch-gesellschaftlichen Systeme in ihrer bestehenden Form ablehnen und ersetzen wollen. Ein Schwerpunkt der Forderungen bildet dabei der Kampf gegen den Sexismus; körperlich Übergriffe von Männern auf Frauen werden dabei explizit aufgegriffen und verurteilt.

Trotz der Kriminalisierung von Kunstschaffenden und ihren Werken, ist es nicht möglich eine Bewegung zu stoppen, die in den Folgejahren schwerster Militärdiktaturen von Menschen ausging, die versuchten ihr Leben und die Gesellschaft „von unten“ mit zu gestalten und ihrem marginalisierten und geknechteten Dasein ein Ende zu bereiten. Politische Graffitis sind dabei ein reproduzierendes Ausdrucksmittel, um gesellschaftliche Freiräume zu schaffen.

Keine weiteren sexuellen Übergriffe auf den Straßen!, San Cristrobal de las Casas (Chiapas) - Mexico, August 2006
Keine weiteren sexuellen Übergriffe auf den Straßen!, San Cristrobal de las Casas (Chiapas) – Mexico, August 2006

„Hinterhofateliers auf die freien Plätze der Städte und Dörfer zu verlegen und zu etablieren, ist nicht nur in Lateinamerika notwendig.“ sagt der Film- und Fotojournalist Jaška Klocke „Dass die Initiative „Faites votre jeu“ in den vergangenen Tagen so viel positive Resonanz erfahren hat, zeigt dass auch in Frankfurt das Bedürfnis nach kulturellen Freiräumen besteht. Wenn städtische Räume, die ungenutzt ihrem Verfall überlassen sind, von Menschen genutzt werden, um ein autonom verwaltetes Kunst-, Kultur- und Kommunikationszentrum entstehen zu lassen, dann darf dieses Bestreben nicht kriminalisiert werden.“ Deshalb ruft Jaška Klocke zur Solidarität mit dem „Faites votre jeu!“ und der sofortigen Rücknahme der Anzeige gegen die Besetzung des genutzten Hauses auf.

Die Fotoausstellung die von Montag, dem 11. August bis vorraussichtlich Sonntag, dem 31. August laufen soll, reiht sich in das Bestreben, das die politischen Graffitis in Lateinamerika in den Kontext der emanzipatorischen Selbstgestaltung stellt, ein und unterstützt diese ausdrücklich.

Fotoausstellung von politischen Graffitis in Lateinamerika
11. – 31. August 2008
Ausstellungseröffnung: Montag, 16 Uhr
Varrentrappstrasse 38
www.faitesvotrejeu.tk
Tel.: 0160 95656439
faitesvotrejeu[ät]yahoo.com

Film und Fotojournalist Jaška Klocke
Kontakt: jaska.klocke[ät]gmx.de

Kampf um einen „Freiraum für Kultur“

Besetztes Haus

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2008
Von Thomas Jansen

Initiative ohne Gesicht: Die Besetzer des früheren Jugendheims in Bockenheim bleiben lieber unerkannt
„Initiative“ ohne Gesicht: Die Besetzer des früheren Jugendheims in Bockenheim bleiben lieber unerkannt

08. August 2008 Das Fernsehen ist schon da. Ein junger Mann hantiert an seiner Kamera. Ein anderer posiert mit Zeitung auf der Schwelle des Hauses und gibt den jungen Intellektuellen. Es dreht ein Team von Rhein-Main TV, der Hessische Rundfunk ist schon wieder weg. Ob er einmal den Immobilienteil aufschlagen soll, fragt der Zeitungsleser den Kameramann. Beide lächeln. Nein, das braucht er nicht, für die Kamera nicht und auch sonst nicht mehr: Der Zeitungsleser und seine Mitstreiter, es sind mehrere Dutzend, hauptsächlich Studenten, haben sich am 2. August für einen anderen Weg entschieden und das frühere Jugendzentrum im Haus Varrentrappstraße 38 besetzt.

Mit einer großen Party hatten sie vor einer Woche Einzug in die stattliche Gründerzeitvilla gehalten, die seit dem Jahr 2000 leer stand. Zum Kunst- und Kulturzentrum wollen sie das Haus umgestalten. Junge Künstler sollen hier mietfrei arbeiten können. Sie stellen sich ein Haus mit Ateliers, Proberäumen für Bands und einem Medienraum vor. Die Renovierungsarbeiten haben schon begonnen. „Faites votre jeu“ nennen die Besetzer ihre „Initiative“ und wollen damit sagen, dass jeder eingeladen ist, mitzumachen. Der Barbetrieb und Spenden sollen die kollektive Kreativität finanzieren.

Stadt bietet keine preiswerten Räume an

Im Treppenhaus, hinter dem Zeitungsleser steht Miriam Kellert, eine der Sprecherinnen der Besetzer. Bevor sie spricht, will die junge Frau, die keine näheren Angaben zu ihrer Person machen möchte, allerdings erst wissen, worum es geht. Anschließend muss sie mit ihren Mitstreitern darüber „quatschen“. „Wir haben hier keine Verantwortlichen, sondern nur Sprecher“, sagt sie zur Erklärung. Nach fünf Minuten kommt die junge Frau schließlich mit drei weiteren Sprechern zurück. Ein Haus zu besetzen sei nicht ihr erster Gedanke gewesen. Zunächst hätten sie alle Anstrengungen unternommen, auf legalem Weg preiswerte Räume in zentraler Lage für ihre Ausstellungen und ihre künstlerische Arbeit zu finden, sagen sie. Doch vergebens habe man sich an Universität und Stadt gewandt. Erst dann sei die Idee aufgekommen, dass „wir selbst, was tun müssen“.

Mit den Hausbesetzern der ersten Generation à la Hamburger Hafenstraße möchten sie keinesfalls in einem Atemzug genannt werden. „Uns geht es hier nicht um die Schaffung von Wohnraum, sondern um einen Freiraum für Kunst und Kultur“, sagen sie. „Politisch sind wir nur, weil wir entgegen gesellschaftlichen Zwängen einen Freiraum für Kunst und Kultur für alle schaffen wollen, frei von Kommerzialisierung.“ Man müsse auch keineswegs einer dezidiert politisch links ausgerichteten Kunst das Wort reden, um in der Varrentrappstraße willkommen zu sein.

Die Besetzer wollen sich nicht „kriminalisieren“ lassen. In der öffentlichen Meinung werde ihre Tat auch nicht als Straftat angesehen, sagen sie und verweisen auf zahlreiche überaus positive Reaktionen, auf Nachbarn, Neugierige und Veteranen der Bockenheimer Besetzerszene, die schon zu Besuch gekommen seien und Spenden vorbeigebracht hätten, ebenso wie zahlreiche Künstler, die Anfragen gestellt hätten.
Ateliers statt Lehrerzimmer: Studenten und Handwerker renovieren das Gebäude

Ateliers statt Lehrerzimmer: Studenten und Handwerker renovieren das Gebäude
Ateliers statt Lehrerzimmer: Studenten und Handwerker renovieren das Gebäude

Spätestens Anfang 2009 muss das Haus geräumt werden

Die Reaktion von Malte Lütjens, dem Leiter der Schule für Mode und Bekleidung in der Hamburger Allee, passt nicht in diese Aufzählung. Von einem Trend zur Privatisierung, wie ihn die Besetzer beschwörten, könne in diesem Fall keine Rede sein. Das frühere Jugendzentrum gehöre der Stadt und werde demnächst von der Modeschule genutzt, sagt er. Schon vor fünf Jahren habe diese den Antrag hierfür gestellt, und das Lehrerkollegium habe sehr viel Arbeit in die Planung des Umbaus investiert. Zu Beginn des nächsten Schuljahrs würde er gern einziehen, ansonsten müsse man in der Bücherei unterrichten. Lütjens hat Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch gegen die Besetzer erstattet. Ein Gespräch mit den Besetzern sei erfolglos geblieben.

Im nächsten Haushaltsjahr sind nach Angaben von Michael Damian, dem Referenten von Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), 1,5 Millionen Euro zur Herrichtung des Gebäudes für die Modeschule vorgesehen. Ob die Besetzer vorerst in der Villa bleiben dürfen, hängt nach den Worten Damians davon ab, ob sie bereit seien, mit der Stadt eine Art Leihvertrag abzuschließen. In diesem müssten sie der Stadt zusichern, dass sie das Gebäude Anfang des Jahres anstandslos verlassen. Zuvor muss indes noch ein Vertreter des Hochbauamtes die Sicherheit des Gebäudes überprüfen. Der erste Versuch einer Inspizierung war am Donnerstag allerdings gescheitert. Die Besetzer hatten Damian und Vertretern des Hochbauamtes den Zutritt verwehrt. Der Besuch sei unangemeldet, lautete die Begründung.

Schließlich hat man sich später auf eine Inspektion am nächsten Montag geeinigt. Dann wird sich entscheiden, ob das ursprünglich von den Besetzern als Motto ihrer „Initiative“ favorisierte „Rien ne va plus“ zu Recht verworfen wurde. Damian spricht immerhin von einem „hoffnungsvollen Schimmer“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. – Julia Zimmermann

Leserbrief zu dem Atikel in der Frankfurter Rundschau vom 05.08.2008

Bien, faites votre jeu!

Als ehemalige 68iger-Studentenbeweglerin bin ich mehr als erstaunt. Da steht seit 7 Jahren ein Haus leer, und endlich wird es besetzt von einer Initiative, die nur hehre Absichten hat, nämlich sich für kreatives Schaffen öffentlichen und kostenfreien Raum zu nehmen, der freiwillig von der Stadt nicht geboten wird. Und da geht die Stadt hin, deren Vertreter zum Teil aus der 68-iger Studentenbewegung stammen, und weiß nichts Schnelleres zu tun, als Strafanzeige zu erstatten.

Sicher ist die einstweilige Duldung, welche die Stadt nunmehr bis Ende des Jahres eingeräumt hat, nicht zu verachten, gibt sie doch Verhandlungsspielraum. Dass aber die sozialen Errungenschaften der 68iger Bewegung in den letzten 30 Jahren immer mehr den Bach runtergegangen waren und jetzt das Rad der Geschichte von Neuem gedreht werden muss, so als wenn es die Bewegung nie gegeben hätte, und heutige Politiker, die sich als Revoluzzer von damals feiern lassen, genauso handeln, wie der Klassenfeind von Anno-Dazumal, das desillusioniert mich um ein Vielfaches.

Charlotte Ullmann am 8.8.08