Archiv für August 2008

Leserbrief in der Frankfurter Rundschau vom 21.08.2008

Als ehemalige 68er-Studentenbeweglerin bin ich mehr als erstaunt. Da steht seit sieben Jahren ein Haus leer, und endlich wird es besetzt von einer Initiative, die nur hehre Absichten hat, nämlich sich für kreatives Schaffen öffentlichen und kostenfreien Raum zu nehmen, der freiwillig von der Stadt nicht geboten wird. Und da geht die Stadt hin, deren Vertreter zum Teil aus der 68er Studentenbewegung stammen, und weiß nichts Schnelleres zu tun, als Strafanzeige zu erstatten.

Sicher ist die einstweilige Duldung, welche die Stadt nunmehr bis Ende dieses Jahres eingeräumt hat, nicht zu verachten, gibt sie damit doch einen Verhandlungsspielraum.

Dass aber die sozialen Errungenschaften der 68er-Bewegung in den letzten 30 Jahren immer mehr den Bach runtergegangen waren und jetzt das Rad der Geschichte von Neuem gedreht werden muss, so als wenn es die Bewegung nie gegeben hätte, und heutige Politiker, die sich als Revoluzzer von damals feiern lassen, genauso handeln wie der Klassenfeind von anno dazumal – das desillusioniert mich um ein Vielfaches.
Charlotte Ullmann, Frankfurt

Besuch aus Uruguay

Der vergangene Dienstag wird vielen von uns in besonders guter Erinnerung bleiben, durften wir uns doch über einen Besuch der ganz besonderen Art freuen. Ernesto Kroch, der erst kürzlich aus Montevideo wieder nach Frankfurt gekommen ist, schaute sich an diesem Tag mit seiner Frau Eva Weil das „Faites votre jeu!“ und die Fotoausstellung über politische Graffiti in Lateinamerika an.

Ernesto Kroch, der 1917 in Breslau geboren wurde, erlebte als Jugendlicher den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und schloss sich mit seinen Freund_innen aus dem deutsch-jüdischen Jugendbund zu einer Widerstandsgruppe zusammen. Im Alter von 17 Jahren wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt und inhaftiert. Nach 18 Monaten Gefängnis wurde er in das KZ Lichtenburg deportiert und befand sich dort weitere neun Monate in Gefangenschaft. Unter der Bedingung das Dritte Reich innerhalb von zwei Wochen zu verlassen, kam er aus dem KZ frei und flüchtete über Jugoslawien nach Uruguay. Dort blieb er politisch aktiv, engagierte sich im „Deutschen Antifaschistischen Komitee“, in der Gewerkschaft und der Kommunistischen Partei.

1973 putschte sich das Militär in Uruguay an die Macht. Wie viele andere politisch Aktive konnte Ernesto seine Arbeit in der Gewerkschaft nun nur noch illegal fortführen. 1982 musste er ein zweites Mal ins Exil gehen, dieses Mal zurück in das Land, das ihn 1937 zur Flucht zwang. Bis 1985 blieb er in Frankfurt und ging nach dem Ende der Militärdiktatur zurück nach Uruguay. Als engagierter Linker ist er bis heute in sozialen Basisorganisationen und im Umfeld des Linksbündnisses „Frente Amplio“ aktiv.

Mehrere Monate verbringen Ernesto und Eva seitdem jährlich in Deutschland und sind auch hier politisch aktiv.

Diese Zeit wird Ernesto Kroch nutzen, um uns am 18. September aus seinem Leben zu erzählen und mit uns zu diskutieren.

Wir freuen uns auf diese Veranstaltung und eure Anregungen
Diskussionsveranstaltung mit Ernesto Kroch
Donnerstag, 18. September 2008, 19:00 Uhr

Ememaliges JuZ Bockenheim
Varrentrappstrasse 38
www.faitesvotrejeu.tk

Besuch aus Uruguay – Ernesto Kroch vor dem Haus
Besuch aus Uruguay – Ernesto Kroch vor dem Haus

Ernesto Kroch und Eva Weil besuchen die Ausstellung über politischen Graffiti in Lateinamerika
Ernesto Kroch und Eva Weil besuchen die Ausstellung über politischen Graffiti in Lateinamerika

Faites votre jeu – Machen sie ihr Spiel!

Schwarz auf Weiss
- offizielles Organ der Ultras Frankfurt 1997 -
# 48: SG Eintracht Frankfurt – Herta BSC Berlin (17.08.08)

Der Kampf um Freiräume – nicht nur für aktive Fußballfans und vor allem Ultras ist dies ein allgegenwärtiges Thema. Auch in Sachen Kultur und Kunst sieht es für junge Leute in unserer Stadt immer düsterer aus. Hohe Mietpreise verhindern, dass junge Künstler Räume finden, in den sie arbeiten, proben, sich ausleben oder ihre Kunst machen können. Jugendzentren werden geschlossen oder kommen mit ihren finanziellen Mitteln kaum noch zu recht, auch „legale Wände“ für Graffiti-Sprüher sind in Frankfurt kaum vorhanden – ein Armutszeugnis für eine Stadt die sich als „aufgeschlossen und weltoffen“ darstellen möchte. Das Geld investiert man lieber in Unmengen sinnloser Bauvorhaben und die Beseitigung illegaler Graffitis.

Einige Leute hatten den Zustand satt und packten an, statt sich bloß zu beschweren. Da es genügend Räumlichkeiten im Besitz der Stadt sind, die leer stehen und seit Jahren ungenutzt sind, entschloss man sich, seinen Raum einfach zu nehmen. Als Objekt wurde das ehemalige Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38 in Bockenheim ausgewählt. Das Haus wurde schon einmal vor 30 Jahren besetzt und zu einem unabhängigen und selbstverwalteten Jugendzentrum aufgebaut. Als sich die damaligen Initiatoren langsam zurückzogen setzte die Stadt Sozialarbeiter ein um das Jugendzentrum zu leiten. Dies war der Stadt aber mit der Zeit zu teuer und das Haus wurde geschlossen.

Es ist somit also nicht die erste Besetzung, die das Haus seit dem 02. August erlebt. Inzwischen konnte eine Duldung seitens der Stadt bis zum 15.01.09 erwirkt werden, die Renovierungsarbeiten sind in vollem Gange und die härtesten Bewährungsproben der Anfangszeit (Drohende Räumung in den ersten Nächten durch die Polizei und eine „Sicherheitsprüfung“ durch die Stadt) dürften genommen sein. Auch die erste Ausstellung hat mittlerweile begonnen: Politische Graffitis aus Lateinamerikasamt ihrer Geschichte, die von der Film- und Fotojournalistin Jaška Klocke festgehalten wurden, können noch bis zum 31. August betrachtet werden. Außerdem gibt es regelmäßige Kneipen- und Filmabende.

Bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen der Initiative von Erfolg gekrönt wird und sich das JUZ Bockenheim wieder zu einer festen Institution im Frankfurter Stadtbild entwickelt.

Unterschriftensammlung des FH AStA zur Unterstützung des Projektes „Faites votre jeu!“

Zu unserer Unterstützung hat der AStA der FH Frankfurt eine Unterschriftensammlung beim Rotlintstraßenfest gestartet, die noch bis zum 31. August andauern soll.

Um unseren Forderungen, nach langfristiger Nutzung des Gebäudes und der Rücknahme des Strafantrags Nachdruck zu verleihen, ladet bitte die Unterschriftenliste herunter und lasst sie unterschreiben:
Link zur Unterschriftenliste

Bringt diese dann bitte bis zum 31.08.2008 in die Varrentrappstraße 38 oder schickt sie per Post an den FH-AStA.

Das Projekt „Faites votre jeu!“ bedankt sich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich beim AStA der FH Frankfurt und allen anderen Ünterstützer_innen die das Projekt in den letzten Wochen auf vielfältige, kreative und ganz praktische Weise supportet haben und ohne die eine langfristige und vielseitige Nutzung des ehemaligen JuZ kaum möglich wäre!

Resolution der Bezirksdelegiertenversammlung Frankfurt der GEW zur Besetzung des „JuZ“ Bockenheim

Am 2.8.2008 wurde das „JUZ“ Bockenheim in der Varrentrappstraße von der Initiative „faites votre jeu“ besetzt, der u.a. Studierende der J.W.Goethe-Universität und der Fachhochschule Frankfurt angehören: „Das Haus soll zu einem Treffpunkt für Menschen werden, die hier gemeinsam an Kunst- und Kulturprojekten arbeiten und Raum für politische Diskussion und Lesungen bieten. Es sollen Ateliers, Proberäume, ein Fotolabor, Gruppen- und Gemeinschaftsräume entstehen, die kostenlos genutzt werden können.“ Der Schulleiter der benachbarten Schule für Mode und Bekleidung stellte Strafanzeige, obwohl der Schulbetrieb in keiner Weise beeinträchtigt und die Besetzung von der Stadt geduldet wird.
Die Instandbesetzer begannen mit Sanierungsarbeiten, nachdem die Stadt längst überfällige Reparaturen am Dach, an Leitungen und Böden versäumt und dem Verfall des Hauses jahrelang tatenlos zugesehen hatte. Das Gebäude soll ab Januar 2009 für die Schule für Mode und Bekleidung renoviert und wegen dringenden Raumbedarfs von ihr genutzt werden. Entsprechende Finanzmittel sind bereits genehmigt.

Wir erkennen den Raumbedarf der Schule ebenso an wie das Recht auf öffentliche Freiräume. Es besteht Platzmangel, für den der Magistrat verantwortlich ist:
In den vergangenen Jahren wurden kommunale Grundstücke im südlichen Bockenheim an private Investoren verkauft anstatt sie für Bildung und Kultur zu bewahren. Schulgemeinde und Hausbesetzer sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern alternative Lösungsvorschläge einfordern, die den Bedürfnissen beider Seiten gerecht werden.
Wir fordern den Magistrat auf, eine Bürgerversammlung zur Stadtteilentwicklung zu organisieren und solche Alternativen vorzustellen. Die Bezirksdelegiertenversammlung solidarisiert sich mit den Besetzerinnen und Besetzern und fordert den Schulleiter der Schule für Mode und Bekleidung auf, die Strafanzeige zurückzuziehen.

Frankfurt, den 18.8.2008

Pressemitteilung des AStA der FH Frankfurt am Main vom 17.08.2008

von www.asta-fh-frankfurt.de

Engagement für das Kulturprojekt „faites votre jeu“ im
besetzten JUZ Bockenheim stößt auf positive Resonanz

Am vergangenen Samstag, den 16.08.2008, hat am Rande des Rotlintstraßenfestes die Solidaritätskundgebung des AStA der Fachhochschule (FH) Frankfurt für das neue Kulturprojekt Frankfurts „faites votre jeu“ im besetzten ehemaligen JUZ Bockenheim stattgefunden.

Von 16:00 bis 20:00 Uhr standen Studierende der FH und der Uni und weitere UnterstützerInnen des Projektes auf dem Friedberger Platz, um die AnwohnerInnen und PassantInnen über das Haus in der Varrentrappstraße 38 zu informieren und um Unterschriften zur Unterstützung zu sammeln.

Die Unterschriftenliste fordert dazu auf, den Strafantrag gegen die Projektinitiative zurückzuziehen, weitere Kriminalisierung zu unterlassen und eine dauerhafte und kostenfreie Nutzung des öffentlichen Gebäudes durch die Stadt Frankfurt zu gewährleisten.

Die positive Reaktion der BesucherInnen des traditionellen Festes der Grünen Frankfurts auf die Kundgebung und deren offenkundige Ablehnung der kriminalisierenden Politik, mit Strafanzeigen gegen engagierten jungen Menschen vorzugehen, sollte den Verantwortlichen des Stadtschulamtes nochmals zu denken geben.

„Der AStA der FH Frankfurt fordert das Stadtschulamt auf, den Strafantrag gegen die Initiative umgehend zurück zu ziehen. Erst dann wäre eine Basis geschaffen, um ernsthaft über eine längerfristige Nutzung des Gebäudes zu verhandeln,“ so Marielle Meurers, Referentin im AStA der FH.

Über 200 Menschen trugen sich in die Unterschriftenliste ein, darunter auch KommunalpolitikerInnen der SPD und der Grünen. Die Unterschriftensammlung läuft noch bis zum 31. August und ist auf der Homepage des AStA abrufbar:
www.asta-fh-frankfurt.de

Dirkt-Link zur Unterschriftenliste des FH AStA

Das Spiel läuft

Junge Welt, 18.08.2008

Die Eröffnungsparty im alten JUZ Bockenheim in Frankfurt am Main ist vorbei. Jetzt beginnt für die Initiative »Faites votre Jeu« der Besetzeralltag

Von Gitta Düperthal

Noch geben sich die Besetzer bedeckt, doch ihr neues Kulturzentrum kommt an

Noch geben sich die Besetzer bedeckt, doch ihr neues Kulturzentrum kommt an

Noch geben sich die Besetzer bedeckt, doch ihr neues Kulturzentrum kommt an
Noch geben sich die Besetzer bedeckt, doch ihr neues Kulturzentrum kommt an

Es scheint, als ob die Luft vor lauter Euphorie vibriert. Überall im neu besetzten alten Jugendzentrum (JUZ) Bockenheim in der Varrentrappstraße 38 in Frankfurt am Main wird gewerkelt, debattiert, Besucher werden im Haus herumgeführt. Eine Sprecherin der Hausbesetzerinitiative »Faites votre Jeu« (Macht euer Spiel) zeigt den Keller: Hier soll ein Sportraum entstehen. In einem anderen Zimmer stapeln sich Computerbildschirme. Später sollen sie für die Arbeit im Medienraum zur Verfügung stehen. Ein Fotolabor soll eingerichtet werden, einer der Aktivisten wünscht sich ein Atelier, endlich einen Raum zu haben, der groß genug ist, um eine Staffelei darin aufzustellen. In kleinen Gruppen wird beraten, wie es weitergehen soll. Entscheidungen werden kollektiv getroffen: Alle jungen Leute, die gerade im Haus sind, hauptsächlich Schüler, Auszubildende und Studenten zwischen 15 und 25 Jahren, nehmen an regelmäßigen Plena teil. Dort werden alle wichtigen Dinge von den jeweils anwesenden Teilnehmern festgelegt, zum Beispiel wie das künftige Kulturprogramm aussehen soll. Der erste Vortrag wurde bereits gehalten. Titel: »Zur Kritik der Nation – ein theoretischer Entwurf«. Die Veranstaltung sei erstaunlich gut besucht gewesen, sagt eine 18jährige Sprecherin, die wie alle anderen Besetzer ihren Namen nicht preisgibt, solange die Anzeige wegen Hausfriedensbruch noch gegen die Besetzer läuft. Ein anderer Sprecher (23) ergänzt: Das seien keine Vorträge nach dem Motto »Der Prof spricht, und es wird dazu geschwiegen und mitgeschrieben«. Im Gegenteil: »Wir scheuen nicht den Dialog, sondern wir wollen ihn führen.«

Die Aktivisten haben das Haus als Kulturzentrum konzipiert, »um die Freiheit der Kunst gegen kommerzialisierte Langeweile zu setzen«, wie sie sagen. Die Idee, zu besetzen, sei ihnen allerdings erst gekommen, nachdem sie vergebens bei der Stadt Frankfurt am Main und der Universität um preiswerte Räume für ihre künstlerische Arbeit nachgefragt hätten. Wohnraum sollte hier eigentlich nicht geschaffen werden. Gleichwohl ist das Zentrum derzeit auch nachts belebt. Aber das hat andere Gründe. So will man sich vor eventuellen Übergriffen der Polizei schützen.

Zwei Wochen ist es jetzt her, daß die jungen Leute mit einer gut besuchten Eröffnungsparty in der Nacht zum 3. August das alte JUZ Bockenheim in der Bankenstadt besetzt haben. Mehr als 150 Leute feierten zu Technomusik zweier DJs ihren gelungenen Coup übermütig bis in die Morgenstunden. »Die Grünen, neuerdings ganz in Blau, haben unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen«, freut sich ein Aktivist. Die Tür sei ihnen verschlossen geblieben.

Das Haus ist nicht das erste Mal besetzt und selbstverwaltet. Vor 30 Jahren hatten hier schon einmal Jugendliche das Sagen. Damals war als Gründungsmitglied des JUZ auch der Polit­aktivist Günter Sare mit von der Partie. 1985 dann kam er bei einer antifaschistischen Demonstration gegen eine NPD-Veranstaltung im Frankfurter Gallusviertel beim Polizeieinsatz zu Tode. Er wurde von einem Wasserwerfer überrollt. An der Vorderfront des Hauses hängt eine Gedenktafel, die an Sare erinnert.

Der 23jährige Sprecher ist stolz darauf, daß dieses Gebäude so geschichtsträchtig ist. Viele ehemalige Hausbesetzer hätten sich bereits blicken lassen und seien sehr angetan davon gewesen, daß hier wieder etwas entsteht. Deshalb steht so mancher der Jüngeren im zweiten Stockwerk versonnen vor der erstaunlich gut erhaltenen Bühne. Und hört in Gedanken die Ehemaligen irgendeiner Hardrock-Band zujubeln. Die Musik hat sich geändert – die Attitüde, geile Musik in selbstverwalteten Räumen als Freiheitssymbol zu genießen, nicht. Kaum einer der fast durchweg jungen Besetzer hat etwas dagegen, ältere Menschen in die Gemeinschaft aufzunehmen. »Interesse an Kunst ist keine Altersfrage«, so der Sprecher.

Der Abend zieht ein, und mit ihm fröhliche Studierende der Johann-Wolfgang-Goethe-Uni und der FH Frankfurt. »Wir haben ja jetzt in Hessen die Studiengebühren abgeschafft, insofern haben wir wieder Energien und Zeit«, ist zu hören. Und: »Wir glauben an Freiräume.« Daß städtische Jugendzentren nicht ausreichen, könne man am Beispiel des neuen JUZ Bockenheim erkennen: »Dort wird, wenn die Sozialarbeiter nach Hause gehen, um 20 Uhr der Feierabend eingeläutet.« Bei den Besetzern geht jetzt der Spaß erst richtig los. Zwei Studentinnen der FH schälen Kartoffeln und schneiden Broccoli, es gibt »Indisches Curry«. »Faites votre Cuisine« heißt es nun, zu deutsch: Macht euch leckeres Essen zu günstigen Preisen. Jeder spendet, soviel er mag und kann.

Von der Straße für die Straße

Junge Welt, 18.08.2008

»Faites votre Jeu« leistet radikale Kunstkritik und präsentiert eine Ausstellung über Graffitis in Lateinamerika

Von Gitta Düperthal

In der etablierten Kunst dreht sich alles nur um Beziehungen und Geld«, sagt ein Sprecher der Initiative »Faites votre Jeu«. Für junge Künstler, die sich außerhalb kommerzieller Zusammenhänge verwirklichen wollen, gebe es keinen Raum. Sicherlich laufe in der Kunst vieles über Provokation, doch letztendlich solle doch alles im Rahmen bleiben. Tatsächliche Reflektion gesellschaftlicher Verhältnisse sei nicht erwünscht. Weiter erläutert er die Dialektik der Kunst: »Selbst wenn sie über die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinausweist und zeigt, daß es auch andere Lebensformen geben kann, integriert sie wieder, indem sie konsumierbar gemacht wird.« Dieser Kunstbegriff sei bezeichnend: »Er ist wie der Gang ins Theater, das seine Zuschauer im Grunde nur reproduzieren will, um die nächste Arbeitswoche durchzustehen.« So sieht es der angehende Soziologe, der die Frankfurter Schule und insbesondere Adornos »Dialektik der Aufklärung« studiert.

Bis zum 31. August ist in den seit Monatsanfang von der Initiative »Faites votre Jeu« besetzten Räumen des alten JUZ in der Varrentrappstraße 38 in Frankfurt am Main eine Ausstellung zu sehen, die Kunst von der Straße für die Straße zeigt. Der 21jährige Künstler Jaska Klocke hat in den vergangenen zwei Jahren Zentral- und Südamerika bereist. Mit seinen Fotografien dokumentiert er, wie im mexi­kanischen Chiapas, in Guatemala, Uruguay, Argentinien und Chile Hinterhof­ateliers auf die Straße verlegt werden und wie politische Anliegen in Form von Graffiti sichtbar werden. Da geht es um Abtreibung, um freie Sexualität – auch für Homosexuelle. »Mein Körper gehört mir« steht an einer Kirchenwand im argentinischen Cordoba. »Wir Lesben sind deine Mütter, Töchter und Schwestern« oder »Küß, wen du willst«, heißt es an Häuserwänden in Buenos Aires. Abgebildet sind drei knutschende Paare, hetero, schwul und lesbisch. »Ihr habt geschwiegen, als man sie abgeholt hat«, wirft einer der Straßenkünstler an einer Kirchenwand in Cordoba dem Klerus vor. Dabei bezieht er sich auf die 30000 »Verschwundenen« während der Militärdiktatur in Argentinien (1976 bis 1983). »Die anarchistischen Bücher sind eine Waffe gegen den Faschismus«, heißt es in Santiago de Chile. Nur wenige Zentimeter unter diesen Fotos an derselben Wand, wendet sich jemand einem ganz anderen Thema zu und fordert »Freiheit für die Tiere«. Was Kunst ist, entscheiden die Leute selbst. Schablonen zum Sprühen werden weitergereicht. »Säubere deine Stadt«, heißt es auch schon mal sarkastisch, auf dem Müll landen Hakenkreuze.

Oft sind Versuche der Zerstörung und des Überstreichens von Parolen zu sehen. Sprayer werden strafrechtlich verfolgt. Doch all das helfe nichts. »Bilder und Parolen sind in den Köpfen, tauchen plötzlich in einem anderen Landstrich wieder auf«, kommentiert Jaska Klocke.